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Bamberg

Opfer hatte noch Glück

Ein Asylbewerber muss sich wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht verantworten.
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Derzeit muss sich ein 25-jähriger Nigerianer vor dem Landgericht Bamberg verantworten. Er soll im November 2019 versucht haben, in der Anker-Einrichtung Oberfranken (AEO) in Bamberg einen ihm unbekannten Mann aus Bhutan zu töten. Mit mehreren Tritten gegen Oberkörper und Kopf hatte er sein Zufallsopfer malträtiert. Danach wehrte er sich mit Tritten und einem Biss gegen die herbeigeeilten Security-Mitarbeiter. Nun droht ihm eine lange Haftstrafe wegen versuchten Totschlags sowie gefährlicher und versuchter Körperverletzung.

Es ist Mittwochabend im Wohnblock 12 der AEO Bamberg, in dem Jigme F. (Name geändert) mit einem Freund gerade etwas trinkt. Als der Vorrat der beiden zur Neige geht, macht sich der Mann aus Bhutan auf den Weg. Im benachbarten Wohnblock kann man Bier und Zigaretten kaufen. Doch soweit kommt er gar nicht. Plötzlich kommt ihm "ein Schwarzer" entgegen.

Nach einem Taekwondo-Sidekick gegen den Oberkörper liegt Jigme am Boden. "Er hat kein Wort gesagt." Dann trifft den Mann aus dem Himalaya ein weiterer Kick, diesmal in Fußballer-Manier und diesmal gegen den Kopf. Dann gehen bei Jigme die Lichter aus. Dass er nach diesem Knockout noch weitere Male Bekanntschaft mit der Schuhsohle des Angeklagten macht, das bekommt der völlig wehrlose Jigme schon nicht mehr mit.

Wie gleich mehrere Zeugen aussagten, allesamt Mitarbeiter der Sicherheitsfirma, die auf dem Gelände für Ordnung sorgen soll, wird Jigmes Kopf noch zwei Mal Ziel eines Angriffs. Dabei gerät der Schädel zwischen den Asphalt und den Schuh des von oben herab stampfenden Angeklagten. "Dabei besteht die Gefahr von Knochenbrüchen, etwa an der Kieferkante oder im empfindlichen Mittelgesicht", erläutert die Rechtsmedizinerin Anne Tischler von der Universität Erlangen-Nürnberg. Gerade im Bereich der Augenhöhlen und des Nasenbeines sei mit schweren, lebensgefährlichen Blutungen zu rechnen. Lebensbedrohlich sei auch die Bewusstlosigkeit, die zum Ersticken an Erbrochenem oder zu einer tödlichen Lungenentzündung führen könne. "Hier ist es glimpflich ausgegangen."

Dass dabei nicht schlimmere Verletzungen als "nur" Schädelprellungen und Schürfwunden auftreten, das liegt nur daran, dass Jigme eine dicke Wollmütze trägt. "Das war sein Glück." Und daran, dass der Angeklagte von rund 2,2 Promille Alkohol im Blut so große Gleichgewichtsprobleme bekommen hat, dass er nicht so gezielt und hart zutreten kann, wie er das vielleicht vorgehabt hat. Dennoch sind es arge Schmerzen, die Jigme noch tagelang quälen. Zudem kann er seinen Mund nicht mehr richtig öffnen und muss seine Lebensmittel zwei Wochen lang in flüssiger Form durch einen Strohhalm zu sich nehmen.

Streit war eskaliert

Was Jigme nicht weiß: Kurz zuvor war ein Streit zwischen Marokkanern und Nigerianern eskaliert. In der Wohnung einer Frau aus Ghana, die sich mit dem illegalen, aber geduldeten Verkauf von alkoholischen Getränken etwas hinzuverdient, hatte es Meinungsverschiedenheiten über den Bierpreis gegeben. Die Argumente trafen in Form einer Bierflasche einen Freund des Angeklagten an der Stirn. Danach bekamen einige Wachleute die Wut der Bewohner zu spüren. Einen schlug man mit einem Regenschirm an den Hals. Von dieser Situation offenbar aufgebracht und dank einer Flasche Wodka und sechs Biere, ist der Nigerianer außer sich. Irrtümlicherweise hält er Jigme für einen der Marokkaner. Obwohl der gar keine Ähnlichkeit mit den Nordafrikanern aufweist. Die drei heraneilenden Security-Leute haben alle Mühe, den Angeklagten von Jigme wegzuziehen. "Klar wollte er weitermachen." Bei der Festnahme tritt er wild um sich, versucht gar, einen seiner Häscher in die Hand zu beißen. Nur ein stichfester Handschuh, wie man ihn aus Metzgereien kennt, verhindert eine Verletzung. Dann kommen andere Nigerianer ihrem Landsmann zur Hilfe, wollen ihn mit abgebrochenen Bierflaschen befreien. "Mit den Nigerianern haben wir sonst gar keine Probleme. Die sind locker drauf", so ein Security-Mitarbeiter.

Der Prozess wird am 27. Mai ab 9 Uhr fortgesetzt. Dann ist auch mit einem Urteil zu rechnen.