Lichtenfels
Unter uns am Obermain (536)  Verstehen Sie die Welt? Ich nicht.

Nostalgie ade

Markus Häggberg Ach ja, die Steffi. Mensch, was war ich damals verknallt in sie. Schwarze Haare und grüne Augen hatte sie und ich war 16 und sie war 16, und wir haben uns nicht getraut. Manchmal denke...
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Markus Häggberg Ach ja, die Steffi. Mensch, was war ich damals verknallt in sie. Schwarze Haare und grüne Augen hatte sie und ich war 16 und sie war 16, und wir haben uns nicht getraut. Manchmal denke ich an sie zurück. Dann habe ich noch den Lichtenfelser Schulgeruch in der Nase und eine Welt vor Augen, die 32 Jahre jünger war.

Wir bekamen noch Pakete aus der DDR (bei uns in der Familie war das irgendwie umgedreht), der Russe stand noch vor der Tür, und da stand er ziemlich gut, denn im Vergleich zu heute machte das die Welt übersichtlich. Bekrönt aber wurde diese Welt von schwarzen Haaren und grünen Augen. Hach. Immer wieder kramte ich mir in all den Jahren diese Erinnerungen hervor und verfing mich in so eine Stimmungslage aus Wehmut und Nostalgie, auch bekannt als Realitätsverlust.

Unter meinen Erinnerungen waren auch die von unseren Begegnungen am Pausenhof. Steffi drehte Seite an Seite mit ihrer Freundin ihre Runden und ich stapfte Seite an Seite mit einem Kumpel in entgegengesetzter Richtung meine Kreise, immer so, dass Steffi und ich uns begegnen mussten und uns dabei für einen Moment lang in die Augen sehen konnten. Ich gebe zu, dass ich mir damals nicht unbedingt sicher war, ob sie meine Augen Runde um Runde sehen wollte. Ihre Freundin jedenfalls nahm so eine abschirmende Funktion ein und verdrehte auf Höhe meines Kumpels und mir immer ihre Augen. Aber sie konnte verdrehen, was sie wollte, uns war das egal. Mir, weil mich ihre Augen nicht juckten, und meinem Kumpel, weil er unterm Gehen seine Hausaufgaben von mir abschrieb.

Na, jedenfalls trug ihre Freundin möglicherweise dazu bei, dass Steffi auf mich immer so behütet wirkte, so beschützt, so schutzbedürftig und rein. Hinzu kam, dass sie wirklich gute Noten schrieb, und das konnte ja nichts anderes bedeuten, als dass sie brav und anständig lernte und keine Flausen im Kopf hatte. So mit Jungs und so. All das schien mir logisch und selbstverständlich, das musste gar nicht hinterfragt werden.

Und tatsächlich musste ich erst Jahre später wirklich zur Kenntnis nehmen, wie sich das mit den Flausen schon damals wirklich verhielt. Der unbestimmte Artikel bei Flause in der Grundform hat nämlich nur zwei Varianten: ein und viele. Aber das nur nebenbei. Irgendwann hatte man die letzte Runde gedreht und es war Schulentlass. Die schwarzen Haare in Kombination mit den grünen Augen gingen in jene Richtung, ich in eine andere. Aber dem Bild von ihr (bildlich gesprochen) bewahrte ich immer ein gutes Andenken. Es war ja so behütet und beschützt und so. Noch oft dachte ich an sie, mit den Jahren wurde es aber weniger und mit dem Älterwerden selten und verklärt.

Neulich dann traf ich eine einstige Klassenkameradin von ihr, deren Name mir gerade entfallen ist. Wir kamen auf unsere Jugend zu sprechen, wie schön der Russe damals vor der Tür stand und wie großartig schwarze Haare mit grünen Augen kombinierten. Das gab die Frau, deren Name mir just nicht präsent ist, auch unumwunden zu. Aber dann sagte sie etwas, was mich stutzig machte: "Du hast also auch auf sie gestanden?" Eine Frage, die eine Gegenfrage provozierte: "Wer denn noch?" Sie sollte nicht unbeantwortet bleiben: "Na, der Peter, der Stefan, der Holger, der Thomas, der Christian - eigentlich alle an der Schule. Und sie ging ja auch oft aus, die hatte viele Flausen." Mann, das saß! Ich muss zugeben, ich war wirklich ein bisschen enttäuscht. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass mein Geschmack so wenig exklusiv war. (Und was diese Steffi anbelangt, so halte ich es mittlerweile glatt für denkbar, dass sie womöglich nie etwas von mir gewollt haben mochte. Ist aber nur so ein Verdacht.)

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