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Nicht nur Faulenzer schwänzen

Fälle von Fernbleiben vom Unterricht nehmen auch im Kreis Haßberge zu. Die Behörden schlagen Alarm.
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Immer mehr Mädchen und Buben bleiben den Schule fern - auch im Landkreis Haßberge. Das Wort "Schwänzen" greift zu kurz. Fachleute sprechen vom Schulabsentismus.  Foto: Symbolbild/Christian Charisius/dpa
Immer mehr Mädchen und Buben bleiben den Schule fern - auch im Landkreis Haßberge. Das Wort "Schwänzen" greift zu kurz. Fachleute sprechen vom Schulabsentismus. Foto: Symbolbild/Christian Charisius/dpa

Eckehard Kiesewetter Kreis Haßberge — "Wir schwänzen nicht, wir kämpfen!" Mit solchen Sprüchen machte die "Fridays for Future"-Bewegung Schlagzeilen. Jetzt meldet sich der Schulstreik für das Klima aus den Ferien zurück. Doch der Einsatz für schnelle Klimaschutzmaßnahmen ist längst nicht der einzige Grund, warum Kinder und Jugendliche der Schule fernbleiben.

Auffällig ansteigend

"Eine nicht mal so unerhebliche, sogar auffällig ansteigende Anzahl von Mädchen und Jungen verweigert den Unterrichtsbesuch", sagt Moni Göhr, die Pressesprecherin des Landratsamts, zur Entwicklung im Kreis Haßberge. "Schwänzer" sagt der Volksmund; die Fachleute beim Schulamt sprechen von "Schulabsentismus".

Gerade im letzten Schuljahr mussten sich, wie der FT bei der Pressestelle erfuhr, Schulamt, Schulen, die Jugendsozialarbeiter des BRK, Beratungsstellen und das Kreisjugendamt verstärkt damit auseinandersetzen. Auch den Kreis-Jugendhilfeausschuss beschäftigte dies. Die Kreisbehörde registriert "zunehmende Fälle quer durch alle Schularten, also weiterführende Schulen genauso wie Förderschulen". Heike Kunzelmann (Jugendamt) macht einen "gewissen Schwerpunkt" in Mittelschulen, Förderzentren und in der Berufsschule aus.

Offizielle Statistiken gibt es nicht, aber ein paar Zahlen: Im Schuljahr 2018/19 war das Kreisjugendamt "in mehr als zehn Fällen eingebunden". Die Dunkelziffer ist laut Moni Göhr weitaus höher. Das belegt eine Umfrage an den Schulen mit Jugendsozialarbeit (JaS) im Landkreis für die Schuljahre 2016/17 und 2017/18. Sie ergab "eine Zahl an Schulabsentismus im dreistelligen Bereich". Mindestens 100 Fälle also allein an den 18 JaS-Schulen, und diese machen gerade mal rund die Hälfte aller Schulen im Landkreis aus.

Nach Schätzungen des Bundesfamilienministeriums verweigern rund zehn Prozent der Schüler über Wochen oder Monate den Schulbesuch. Folge sind schlechte Noten und Sitzenbleiben. Die Schulbehörde in Haßfurt spricht von "Durchreicheffekten nach unten". Aus guten Schülern werden Schulversager.

Machen sich Kinder einen faulen Lenz? Das greift zu kurz. Die Gründe, warum Jugendliche nicht in die Schule gehen, sind laut Landratsamt vielfältig. Ursachen könnten Überforderung und Versagensangst, Trennungsängste, soziale Ängste, Depressionen und widersetzendes Verhalten sein, aber auch Mobbing. Oft spielt die Belastung in der Familie eine Rolle. Kinder sind Vernachlässigung ausgesetzt, häuslicher Gewalt oder sie werden überbehütet. Suchtprobleme der Eltern oder Trennungen sind der Grund, warum sich Kinder verweigern. Und "beinahe regelmäßig" ziehen sie sich in eine Mediensucht zurück.

Wird ihnen nicht geholfen, drohen schwerwiegende Folgen: mangelnde Sozialkompetenz, Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung, schlechter oder gar fehlender Schulabschluss, Probleme bei der Jobsuche, wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Nachteile.

Es gilt, früh einzugreifen. Denn bei chronischem Fernbleiben von der Schule wären "hoch- schwellige und kostenintensive Jugendhilfemaßnahmen" nötig, so das Jugendamt, womöglich eine kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung, die aber mit langen Wartezeiten verbunden sei. Am Ende werden immer mehr Schulverweigerer stationär untergebracht. Dies aber sollte vermieden werden. Dafür bauen die Einrichtungen im Kreis Haßberge auf ein Projekt namens "Klasse Zukunft", das im Zusammenspiel Fachdisziplinen ansetzt. Die Jugendsozialarbeit an Schulen, das Kreisjugendamt und der Schweinfurter Kinder- und Jugendpsychiater Wolfgang Briegel arbeiten zusammen. Stimmt eine Familie der Aufnahme in das Projekt zu, wird kurzfristig ein ambulanter Vorstellungstermin in Schweinfurt vereinbart.

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