Coburg

Nicht die Eltern gehen zur Schule

Wie Kinder selbstständig lernen und stolz auf eigene Leistungen werden. Die Coburger Lernberaterin Nicole Kollarsch gibt Tipps, wie sich das neue Schuljahr stressfrei bewältigen lässt.
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Heute beginnt die Schule wieder. Foto: Matthias Hiekel/dpa
Heute beginnt die Schule wieder. Foto: Matthias Hiekel/dpa
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Schluss mit lustig. Die Schule beginnt. Die einen atmen auf und sind froh, dass die Kinder wieder bis nachmittags betreut werden, andere fürchten schon am ersten Tag den Schulstress und die Auseinandersetzungen um Hausaufgaben und gute Noten. Über 300 Kinder aus der Region wurden im vergangenen Schuljahr von Lernberaterin Nicole Kollarsch unterstützt - ob in ihrer Praxis oder im Klassenzimmer. Warum die Entspannungstrainerin und psychologischen Beraterin so viel Wert auf Selbstständigkeit legt, erläutert sie im Interview. Frau Kollarsch, 300 Kinder unterstützten Sie im vergangenen Schuljahr als Lerntrainerin. Was waren die gravierendsten Probleme, mit denen die Kinder zu kämpfen haben? Nicole Kollarsch: Zu mir kamen vor allem Kinder und Jugendliche mit Prüfungsangst, Prüfungsstress, Schulstress, Konzentrations-, Lern- und Motivationsproblemen. Aber auch mit Lese-Rechtschreib- und Rechenprobleme hatten viele Kinder zu kämpfen. Der Übertritt und Abschlussprüfungen sind immer wieder Thema.

Was raten Sie Eltern, die das bestmögliche für Ihre Kinder wollen und deshalb immer besonders "dahinter her" sind, dass es in der Schule gut läuft? Ein großer Punkt ist die Selbstständigkeit. Wenn Kinder von Anfang an selbstständig mit dem Thema Schule umgehen, ist schon ein sehr großer Schritt für eine gute Schullaufbahn gelegt. Das heißt, die Kinder sollten eigenverantwortlich ihre Hausaufgaben erledigen, ihren Schulranzen packen, ihre Stifte spitzen. Wenn Hausaufgaben vergessen worden sind, ruft das Kind einen Freund an und nicht Mama oder Papa. So fördern Eltern Selbstständigkeit, Selbstvertrauen und Motivation, denn wenn dass Kind etwas alleine schafft, dann ist es stolz, also steigt die Motivation.

Und mit diesem Gefühl, etwas alleine zu schaffen, werden Kinder sich auch in Proben und Schulaufgaben an Aufgaben heranwagen, die sie vielleicht so noch nicht bearbeitet haben. Sie werden versuchen, einen eigenen Lösungsweg zu finden. Ihnen wird Lernen Spaß machen.

Eltern sollten ihre Kinder loben, nicht nur für gute Noten, sondern auch für andere Talente, wie Malen, einen Sport oder Hilfe im Haushalt. Auch das stärkt das Selbstwertgefühl und somit die Motivation. Eigentlich führt alles immer wieder dahin.

Vertraue ich, dass mein Kind seinen Weg geht und sein Bestes gibt, dann wird dies auch mein Kind ausstrahlen. Weiß mein Kind, dass es auf seine Eltern vertrauen kann, wenn es Probleme gibt, dann gehe ich mit meinem Kind eine offene vertrauensvolle Beziehung ein. Mein Kind wird nichts verheimlichen, und so kann ich als Elternteil, mein Kind auch in schwierigen Situationen unterstützen.

Für die Viertklässler ist das kommende Schuljahr durch den bevorstehenden Übertritt immer von besonderer Wichtigkeit. Wie sieht Ihrer Meinung nach die entspannteste Herangehensweise aus? Wichtig ist, dass die Eltern den Druck herausnehmen. Ja, es stehen 22 Proben bis zum 1. Mai an, aber nichts ist schlimmer, als Druck oder ein für das Kind spürbarer Zweifel, das der Übertritt nicht geschafft wird. Kinder haben ein sehr feines Gespür und merken sehr schnell, wenn Eltern an ihren Fähigkeiten zweifeln. Sie sollten ihr Kind loben, wenn es etwas gut kann und natürlich auch, wenn es eine gute Note mit nach Hause gebracht hat. Schimpfen sollte vermieden werden, vor allem dann, wenn nicht jede Probe eine 1, 2 oder 3 ist.

Natürlich fällt dies vielen Eltern schwer, und, ja, das Kind soll sich anstrengen. Aber wir Eltern sollten uns immer wieder vor Augen führen, ob wir immer gute Noten in der Schule hatten und ob es wirklich ein Kind gibt, das gerne schlechte Noten schreibt. Wenn eine schlechte Note mit nach Hause gebracht wird, sollte zusammen mit dem Kind überlegt werden, woran dies gelegen hat. Und dann gemeinsam besprochen werden, wie es beim nächsten Mal besser laufen kann. Das eigenständige Arbeiten des Kindes fördern, ist ein wichtiger Lernschritt für die 5. Klasse. Eltern können ihrem Kind Hilfestellungen geben, aber sollten nicht für ihr Kind lernen.

Auch sollten Eltern Lehrergespräche und Informationstermine der weiterführenden Schulen wahrnehmen. Ein guter Kontakt zur Lehrkraft, ein durchlässiger Notenspiegel, sowie der Glaube, dass es mein Kind schaffen kann, führen sehr oft ganz von alleine in die richtige Richtung und somit zur geeigneten Schule. Die Informationstermine an den Schulen sollten mit dem Kind gemeinsam wahrgenommen werden, damit die Kinder schon einmal ein Gespür für die "neue Schule" bekommen können.

Wann sollten sich Eltern professionelle Hilfe holen? Eltern sollten sich professionelle Hilfe holen, wenn das Kind/der Jugendliche sich selbst zu viel Druck macht oder sich schlecht konzentrieren kann, wenn es trotz lernen nicht zum Erfolg kommt. Wer Prüfungsangst hat, zu lange an den Hausaufgaben sitzt, traurig, wütend oder lustlos ist, mangelndes Selbstvertrauen hat oder Nachhilfe ohne Erfolg ausprobiert hat, sollte sich Unterstützung suchen.

Diese Themen entscheiden, meiner Meinung nach, im Klassenzimmer und zu Hause darüber, ob rund um das Thema Schule Entspannung oder Stress herrscht. Ein Beispiel: Ist ein Schüler schlecht motiviert, leidet darunter die Konzentration. Kann er sich nicht gut konzentrieren, leidet darunter die Leistung. Zeigt er schwache Leistungen leidet darunter wieder die Motivation. Ein Teufelskreislauf beginnt, denn Eltern und Kind nur schlecht alleine durchbrechen können.

Stichwort Hausaufgaben: Welchen Raum sollten die Hausaufgaben im Familienleben einnehmen? Ist es besser, die Aufgaben im eigenen Zimmer alleine zu machen oder am Esstisch, wo Mama oder Papa jederzeit "eingreifen" können? Hausaufgaben gehören zum Schulalltag. Einen zu hohen Stellenwert und vor allem Zeitaufwand sollten sie trotzdem nicht einnehmen.

Kinder und Jugendliche sollten ihre Hausaufgaben selbstständig durchführen. Wichtig ist, dann den richtigen Zeitpunkt zu finden, sich aus der Hausaufgabensituation herauszuziehen. Und das ist bereits ab der 1. Klasse möglich, in dem man die Zeit, die man mit seinem Kind beim Hausaufgaben machen verbringt, Stück für Stück verkürzt, bis das Kind diese dann alleine erledigt. Ob diese dann im Esszimmer oder am Schreibtisch im Kinderzimmer erledigt werden, ist nicht so wichtig. Am besten ist ein ungestörter Platz und dieser sollte immer für die Hausaufgaben beibehalten werden. So tritt ein "Gewöhnungseffekt" ein, das Gehirn und der Körper wissen dann: Hier wird gearbeitet. Wie sieht Ihrer Meinung nach die richtige Balance zwischen Schule, Freizeit und Familie aus? Schauen wir uns doch einmal einen "Schulalltag" an. Um 6.30 oder 7 Uhr aufstehen, dann geht es zur Schule, danach Hausaufgaben und Lernen. Dann ist vielleicht Reiten, Tanzen, Musikschule oder Schwimmen auf dem Programm. Schließlich Abendessen und ab ins Bett. Viele Kinder haben Schule und Hobbys, aber haben sie auch wirklich freie Zeit? Sie haben nicht mehr genügend Freiräume um sich zurückzuziehen, oder einfach einmal zu spielen - Kind zu sein. Kinder brauchen aber freie Zeit - auch, um sich mal zu langweilen. Weniger ist mehr! Die Fragen stellte Christiane Lehmann.



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