Lichtenfels
Unter uns am Obermain (523)  Die Moderne bietet tolle Ausblicke. Aber man braucht manchmal echt Humor, wenn man hinschaut.

Neulich im Freibad

Ich bin kein übermäßiger Fan von Handys und Smartphones. Mit dieser Abneigung bin ich in bester Gesellschaft, beispielsweise der von berühmten Psychiatern. Meine Freundin ermahnt mich zwar immer, dem ...
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Ich bin kein übermäßiger Fan von Handys und Smartphones. Mit dieser Abneigung bin ich in bester Gesellschaft, beispielsweise der von berühmten Psychiatern.

Meine Freundin ermahnt mich zwar immer, dem Zauber des Fortschritts Beachtung zu schenken, aber was kommt schon groß dabei raus, wenn der Mensch seine Erfindungen nutzt. Ich sehe das so: Die Erfindung ist die Medaille und der Mensch ihre zwei Seiten. Deswegen ist Atomkraft zivil nutzbar, aber auch bombig, deswegen kann man mit einem Motor einen Krankenwagen fahren, aber auch einen Panzer.

Im Grunde bin ich Technik gegenüber ziemlich kühl. Außer beim Fußball, da bin ich von guter Technik begeistert und neige zur Euphorie. Meine Lieblingstechniker sind Messi und Maradona, Leute, die die Technik beherrschen und nicht von ihr beherrscht werden.

Dass es andersrum wirklich blöd ausschaut, wurde mir im Freibad deutlich. Da war dieser 14-Jährige, der sich am Beckenrand bis zur Badehose entkleidete, um dann zum Smartphone zu greifen und zu tippen. Oder zu wischen. Alles noch normal, aber nach 20 Minuten wurde ich stutzig. In der Erwartung eines Schauspiels machte ich es mir im Seichten gemütlich und gab vor, ganz allgemein in die Richtung des Jungen zu schauen. Jetzt schaute der Kerl vom Smartphone auf und schien das Wasser zu bemerken. Es schimmerte türkisfarben, die Sonne glitzerte auf der Oberfläche und all das bedeutet Verheißung. Der Mensch will ins Wasser, will in das, woraus er zu 80 Prozent besteht. Der Kerl nicht.

Er knibbelte auf seinem Smartphone und blickte dröge zum Wasser. Dann schien der Groschen zu fallen und er erkannte das Wasser als so was wie reizvoll. Er blickte aufs Smartphone, zum Wasser, aufs Smartphone, zum Wasser, aufs Smartphone, zum Wasser ... Dabei blickte er aber nicht sonderlich aufgeweckt, eher ratlos. Dann stieg er, unentwegt aufs Smartphone schauend, ins Wasser, wobei er sich vom Seichten ins Tiefere absteigend am Beckenrand festhielt. Das Wasser stieg an ihm hoch, es stieg zum Knie, zum (sie wissen schon), zum Bauchnabel und dann - nicht mehr.

Der Junge blieb stehen, ging nicht weiter ins Tiefe und hielt das Smartphone über seinem Kopf. Jetzt schien er leise zu realisieren, dass er sich zu entscheiden hat: schwimmen oder nicht schwimmen, Smartphone nass oder Smartphone trocken. Der Junge blickte um sich, sah aufs Wasser, sah aufs Smartphone, sah aufs Wasser, sah aufs Smartphone, sah aufs Wasser, sah aufs Smartphone.

Dann stand er einfach nur rum, sein Smartphone betrachtend und Zeit verstreichen lassend. Das Wasser glitzerte, es schimmerte türkisfarben und war warm. Aber jetzt schien sich so etwas wie Dunst auf der Oberfläche des Smartphones abzusetzen. Der Junge wischte den Dunst am trockenen Oberkörper ab, hob das Smartphone über den Kopf, nahm es wieder herunter, um etwas zu betrachten, schaute dröge um sich, blickte aufs Wasser, zum Smartphone, aufs Wasser, zum Smartphone, zur Sonne, zur Freiheit, zum Smartphone. Dort schien sich wieder etwas Dunst abgesetzt zu haben, welches der Junge an einer anderen trockenen Stelle des Oberkörpers abwischte. Dann hielt der Junge das Handy noch höher über dem Kopf, damit es nicht so schnell wieder Dunst abbekomme. Dann schaute der Junge nach, ob er nicht wieder mal eine Nachricht bekommen hat. Dabei begann er damit, auf gleicher Höhe bedachtsam durchs Wasser zu staksen, wobei er sein Smartphone mit beiden Händen umfasste und gegen reflektierende Sonnenstrahlen abschirmte. So ging es noch 20 Minuten weiter, bis der Junge das Wasser verließ, sich anzog und das Freibad verließ.

Ich für meinen Teil habe dem Rat meiner Freundin Folge geleistet und dem Zauber des Fortschritts Beachtung geschenkt. Und was soll ich sagen: Es kann wirklich Spaß machen.

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