Leutzdorf

Nach Feindseligkeiten an der DDR-Zonengrenze hatte ein ,Grenzer' Mitleid

Am Abend des 9. November 1989 wurde am Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin Geschichte geschrieben. Denn damals öffneten sich die Grenzen der DDR. Gerhard Schmidt aus Leutzdorf erinnert sich noch...
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Gerhard Schmidt mit seiner Schwester bei seiner Konfirmation  Foto: privat
Gerhard Schmidt mit seiner Schwester bei seiner Konfirmation Foto: privat

Am Abend des 9. November 1989 wurde am Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin Geschichte geschrieben. Denn damals öffneten sich die Grenzen der DDR. Gerhard Schmidt aus Leutzdorf erinnert sich noch an eine Reise, die er als Kind in die DDR angetreten hatte.

"Mein Vater wurde in der Zeit des letzten deutschen Kaisers und Königs von Preußen, Wilhelm II., in Weißenfels an der Saale geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten er, seine Mutter und Geschwister in verschiedenen Besatzungszonen und damit später in zwei verschiedenen Staaten", erzählt er.

1957 besuchte er mit seiner Familie die Oma in Weißenfels. Für den kleinen Gerhard war es eine aufregende Bahnreise ans Ende der Welt. "Die Schikanen durch Uniformierte waren entwürdigend", erinnert sich Schmidt.

Seine Oma hatte ihm zur bevorstehenden Konfirmation einen Bademantel geschenkt. Seinen Eltern vererbte sie aus ihrem Bestand ein Porzellan-Kaffeeservice. Dann ging es wieder heim. "Vor der Zonengrenze stiegen ,Grenzer' zu und kontrollierten unser Gepäck. Bei den Geschenken meiner Oma stellten sie fest, dass diese aus der DDR stammten", erzählt Schmidt. Feindselig wurden sie aufgefordert, den Zug zu verlassen.

In einer Baracke gefilzt

"In einer Baracke wurden wir nochmals gefilzt. Es war ausgerechnet eine Frau, eine richtige Xanthippe, die uns fortan traktierte", berichtet Schmidt. Zunächst wurde sein Bademantel konfisziert. Dann erklärte die Beamtin, dass die Ausfuhr von Porzellan eine strafbare Handlung darstelle. "Geistesgegenwärtig nahm meine Mutter die Kaffeekanne in die Hand, knallte sie auf den Tisch und rief genervt, dass es sich nur um Steingut handle", erzählt Schmidt. So durften sie das Geschirr behalten.

Personenzug war schon weg

Der Personenzug in die damalige BRD war schon weg. Stunden später stand am Bahnsteig ein Güterzug Richtung Westen. "Ein ,Grenzer' hatte anscheinend Mitleid mit uns. Er fragte den westdeutschen Zugführer, ob er uns mit über die Grenze nimmt", erinnert sich Gerhard Schmidt. So verließ er den "Arbeiter- und Bauernstaat" im Führerstand der Lokomotive. "Von der DDR hatten wir jedenfalls die Nase voll", so Schmidt.

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