Coburg
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Mutter ohne Wenn und Aber

Vier Kinder großzuziehen, eines davon behindert, ist eine Aufgabe, die für viele unvorstellbar schwierig scheint. Für Ulrike Müller ist es selbstverständlich, dass zu einem erfüllten Leben Familie gehört.
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Ein Bild mit Symbolkraft: Ulrike Müller und ihr Sohn Fabian haben eine sehr enge Beziehung.  Foto: privat
Ein Bild mit Symbolkraft: Ulrike Müller und ihr Sohn Fabian haben eine sehr enge Beziehung. Foto: privat

Helke Renner Ulrike Müller ist eine Kämpferin - zierlich, fröhlich und voll positiver Energie. Das sind Stärken, die sie als Mutter von vier Kindern, eines davon mit körperlicher Behinderung, braucht. "Es war eine bewusste Entscheidung, nach Julia und Fabian noch zwei Kinder zu bekommen", sagt sie. Das hört sich zunächst an, als sei es nichts Besonderes. Doch die beiden Erstgeborenen sind Zwillinge, Fabian kam mit spastischer Diplegie zur Welt. Das bedeutet, er kann seine Beine und einen Arm nur eingeschränkt bewegen. Seine geistigen Fähigkeiten sind nicht betroffen.

"Es war eine schwierige Schwangerschaft", erinnert sich Ulrike Müller. In der 24. Woche bekam sie Vorwehen, durfte nur noch liegen und erhielt Wehenhemmer. In der 31. Woche kamen Fieber und Schüttelfrost dazu. Wadenwickel waren die einzige Option, das Fieber zu bekämpfen. In der 35. Woche erbrach sie Blut und konnte nicht einmal mehr Wasser bei sich behalten.

Die Ärzte entschlossen sich, die Kinder zu holen, auch wenn das fünf Wochen zu früh war. Beide kamen in den Inkubator. Doch bei Fabian ergab der sogenannte Apgar-Test, der Gesundheitscheck, mit dem der Zustand eines Neugeborenen beurteilt wird, schlechte Werte. "Er entwickelte sich trotzdem relativ normal, aber er hat immer viel geschrien."

Die Ärzte, die Ulrike Müller nach ihrer Meinung dazu befragte, hätten sie eher wie eine hysterische Mutter behandelt und das Ganze als normal abgetan. "Ich habe aber gespürt, dass das ein anderes Schreien war, als das bei Babys üblich ist", erzählt Ulrike Müller. Sie sollte Recht behalten. Fabian konnte nicht krabbeln. Als der Kinderarzt die Mutter mit der Meinung konfrontierte, dass der Junge schwerstbehindert sei und nie etwas können werde, weckte er ihren Kampfgeist. "Ich dachte mir nur: Nein, der kann alles lernen."

Im Kinderzentrum München stellte man schließlich die Spastik fest und begann mit der Vojta-Therapie. Dabei handelt es sich um eine physiotherapeutische Behandlungsmethode, die bei Störungen des zentralen Nervensystems angewandt wird. Benannt wurde sie nach Václav Voijta. "Wir haben die Übungen jeden Tag viermal gemacht. Ich bin als Therapeutin angeleitet worden." Somit konnte Ulrike Müller auch zu Hause mit Fabian üben. Alle Vierteljahre waren sie für zwei Wochen in München.

Warum ihr Sohn mit dieser Behinderung zur Welt gekommen ist, hat sie sich nur selten gefragt, denn eigentlich habe sie immer gesund gelebt. In München sagte man ihr dann, dass wahrscheinlich das hohe Fieber in der 31. Schwangerschaftswoche die Ursache für Fabians Fehlentwicklung war. Trotzdem sei sie nie in ein tiefes Loch gefallen. "Ich bin ein optimistischer Mensch und höre auf mein Bauchgefühl", sagt sie. Möglicherweise mache sie auch ihr Glaube stark. Und Stärke brauchte sie und braucht sie noch immer.

Fabian kam mit drei Jahren in den Kindergarten Park 3. Seine Mutter turnte viermal täglich mit ihm. Große Unterstützung gab es in dieser Zeit auch von den Großeltern ihrer Kinder. Im Alter von fünf Jahren wurden Fabians Beine operiert. "Mit sechs Jahren hat er dann laufen gelernt." Nach ebenfalls sechs Jahren Vojta war er austherapiert. Weiter ging es mit der Petö-Therapie, einer in Ungarn entwickelten Methode zur Förderung bewegungsbehinderter Menschen. Fabian wurde schulreif. Seine Eltern entschieden sich für die Pestalozzischule. "Ich habe ihn jeden Tag mit dem Rollstuhl hingefahren und wieder geholt", erzählt Ulrike Müller. Er sei das erste integrative Kind an der Schule gewesen und habe auch am Sportunterricht teilgenommen.

In der Pubertät habe sich Fabians Zustand verschlechtert - für Mutter und Sohn aber kein Grund aufzugeben. Inzwischen ist er 27 Jahre alt, hat eine Berufsausbildung durchlaufen, Auslandsaufenthalte und Praktika in Schweden, den USA und Irland allein gemeistert und inzwischen auch einen Arbeitsplatz gefunden. Er fährt ein für ihn umgebautes Auto, ist in der Stadt aber meist mit seinem Hand-Bike unterwegs.

Hat die Mutter nie Angst um ihren Sohn gehabt, wenn er allein weit weg war? "Ich habe ihm das Beste mitgegeben, nun muss ich auch Vertrauen in seine Fähigkeiten haben."

Zurzeit sucht Fabian nach einer eigenen Wohnung. Er kann kochen und sich selbst versorgen. Momentan hält er sich mit dem sogenannten Bobath-System fit. Das wurde speziell für Menschen mit neurologischen Erkrankungen entwickelt. "Damit habe ich mein Ziel erreicht", stellt Ulrike Müller fest.

Um Ausgleich bemüht

Und ihre drei anderen Kinder? 1997 kam Daniel zur Welt - er studiert zurzeit in Tübingen - und 2001 Johanna, die noch zu Hause lebt. "Wir haben immer versucht, das Kümmern um Fabian und um die anderen in der Waage zu halten", sagt die Mutter. "Aber vielleicht haben sie sich auch manchmal hintenangestellt gefühlt."

Doch der Alltag läuft im Hause Müller - bis vor kurzem sogar noch mit einem Pflegekind. Das war achteinhalb Jahre bei der Familie. "Mein Mann und ich lieben einfach Kinder", sagt Ulrike Müller. Sie lebt ihre Mutterrolle weiter, ohne sich selbst dabei aufzugeben. Das ist eine weitere Stärke, die sie zu einem so positiven Menschen und zu einer Stütze für andere macht.

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