Bamberg

Mordversuch am Frühstückstisch

Hauptverhandlung   Ein 72-jähriger Forchheimer steht in Bamberg vor dem Schwurgericht, weil er im Juni des vergangenen Jahres seine Frau mit einem großen Küchenmesser angegriffen hat. Zwei weitere Hauptverhandlungstage werden folgen.
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Gertrud Glössner-Möschk

Von außen betrachtet muss es ein deprimierendes Leben gewesen sein, das das Forchheimer Rentnerehepaar F. (Name geändert) geführt hat: wenig Geld, keine Freunde, keine Besuche von oder bei Bekannten, keine Familienfeste, kein Auto, keine Reisen, dafür jede Menge Misstrauen, Anschweigen und Streiten - und eine immer schlechter werdende Stimmung, seit der Mann, ein heute 72 Jahre alter Rentner, ab 2010 an mehreren schweren Leiden erkrankt ist: zuerst an Prostatakrebs, dann hatte er mehrere Schlaganfälle und schließlich eine schwere Schuppenflechte, die ihn im Juni 2015 zu einem mehrtägigen Krankenhausaufenthalt zwang.


Ohne jede Vorwarnung

Erst vier Tage war er wieder zu Hause, da passierte am 15. Juni das, was sein mit in der Wohnung lebender 40-jähriger Sohn schon seit längerem für möglich gehalten hatte: Ohne Vorwarnung holte er am Morgen nach dem Aufstehen gegen 8 Uhr ein Messer aus der Küchenschublade, ging ins Wohnzimmer, wo seine 69-jährige Frau ihren Frühstückskaffee trank, und stach ohne jede Vorwarnung auf ihren Hals ein. Sie konnte gerade noch verhindern, dass das Messer tiefer eindrang und es bei einer 1,4 Zentimeter breiten Wunde blieb. Sie entwand ihrem Mann das Messer und verletzte sich dabei am Finger. Als sie schon die Wohnungstür geöffnet und um Hilfe gerufen hatte, wollte der Mann sie wieder zurück in die Wohnung zerren, was ihm aber nicht mehr gelang. Die Frau wurde ins Krankenhaus gefahren, der Mann von der Polizei festgenommen und in eine Justizvollzugsanstalt gebracht, in der er seither sitzt.
Anders als ihr Sohn hatte die Frau nie Argwohn gegen ihren Mann gehegt, wie sie als Zeugin vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts am Freitag aussagte. "Ich war so überrascht, das hätte ich nie gedacht, dass es dazu kommen könnte." Dem Angriff sei keinerlei Streit vorausgegangen und auch an den Tagen zuvor sei die Situation einigermaßen entspannt gewesen. Man habe sogar ein bisschen "herumgeblödelt" und beschlossen, die Wohnung zu renovieren. Mit diesem Plan ist es jetzt vorbei. Vor Gericht sagte die Frau, die sich in den 80-er Jahren von ihrem Mann hatte scheiden lassen und ihn kurz danach ein zweites Mal heiratete: "Ich lass' ihn auch nicht mehr rein. Ich hab' zuviel Angst."


Keine Erinnerung

Der Angeklagte wurde 1943 in Oberschlesien geboren. Seine vielköpfige Familie fasste nach der Vertreibung 1945 in Ebermannstadt Fuß. Er erlernte später das Schreinerhandwerk. Vor Gericht machte er zwar Angaben zur Person und zum Tatvorwurf, an den entscheidenden Moment, in dem er seiner Frau das Messer an den Hals setzte, will er aber keine Erinnerung mehr haben. Das Wort "Messer" kam in seiner Aussage nicht einmal vor.
Als Vorsitzender Richter Manfred Schmidt ihm das noch mit getrocknetem Blut befleckte Messer zeigte, das eine Klingenlänge von 25 Zentimetern hat, bestätigte er lediglich, dass es ein Messer aus seiner Küche sei. Wozu es benutzt worden sei, wollte der Richter wissen. "Zum Fleischschneiden", antwortete der Angeklagte. Auf andere Fragen, zu seinem Tagesablauf beispielsweise, vermochte er nicht so präzise zu antworten: "Wann stehen Sie auf?" "Verschieden." "Frühstücken Sie mit Ihrer Frau gemeinsam?" "Verschieden." "Wird bei Ihnen zu Mittag gekocht?" "Verschieden." "Schauen Sie viel Fernsehen?" "Verschieden." "Wann gehen Sie ins Bett?" "Verschieden."


Hohe Fremdaggressivität

Auf die Frage, welcher Typ Mensch er sei und ob er manchmal aggressiv reagiere, wollte er keine Antwort geben: "Ich sage nichts." Genau das aber wollen Polizei und Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen herausgefunden haben. Vorgeworfen wird dem 72-Jährigen versuchter Mord in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Seine Schuldfähigkeit soll zum Tatzeitpunkt eingeschränkt gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sein Gesundheitszustand und die hohe Fremdaggressivität weitere Taten dieser Art erwarten lassen, wobei Familienmitglieder besonders gefährdet seien.
Das Motiv des gebrechlichen Mannes, das ihn an diesem 15. Juni des letzten Jahres ausrasten ließ, soll seine Angst gewesen sein, von Frau und Sohn in ein Pflegeheim eingewiesen zu werden. Der nächste Hauptverhandlungstermin wird darüber vielleicht Klarheit bringen: Dann sollen seine Kinder als Zeugen vernommen werden. Der Prozess wird am 18. und 23. Februar fortgesetzt.







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