Kronach

Mit ewiger Jugend in den Tod

Eine zutiefst beeindruckende Premiere feierte die Schauspiel- und Theatergruppe "Das Kaleidoskop". Mit der Parabel "Das Bildnis des Dorian Gray" von Oscar Wilde nahm sich die Gruppe eines Klassikers der Weltliteratur an - und wie!
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Julius Warmuth (links vorne) wandert als Dorian Gray auf schmalem Grat zwischen Selbstverliebtheit, Größenwahn, Depression und psychischem Verfall. Foto: Heike Schülein
Julius Warmuth (links vorne) wandert als Dorian Gray auf schmalem Grat zwischen Selbstverliebtheit, Größenwahn, Depression und psychischem Verfall. Foto: Heike Schülein

Kronach — "Es wird der Tag kommen, an dem mein Gesicht verrunzelt und welk sein wird, die Augen trüb und farblos. Ich werde alt, hässlich und widerwärtig. Dieses Bild aber wird nie älter als an diesem Tag. Wäre es doch nur umgekehrt!" Der hübsche unbedarfte Jüngling Dorian Gray verliebt sich in sein eigenes Bildnis, das ihm seine Jugend spiegelt und geht einen verhängnisvollen Pakt ein. Er verpfändet dem Teufel seine Seele: Nicht er, das Bild soll statt seiner altern. So stürzt er sich in ein zügelloses, von Lust getriebenes, amoralisches Leben; bleibt dabei aber makellos schön, wogegen das Bild mehr und mehr die Spuren seiner Grausamkeit vorzeigt und schließlich zur Fratze wird.

Die freischaffende Regisseurin Sonja Trebes hat den Roman des irischen Schriftstellers Oscar Wilde "Das Bildnis des Dorian Gray" inszeniert und mit ihrer Schauspielgruppe "Kaleidoskop" einstudiert. Hierfür hat die gebürtige Teuschnitzerin eigens eine Dramenfassung des Literaturklassikers erstellt, die am Freitag, Samstag und Sonntag im Café Kitsch zu sehen war.

Und darum geht es: Der Maler Basil (Stefan Ebert) hat das Meisterwerk seines Lebens fertiggestellt: das Porträt eines schönen Jünglings namens Dorian Gray (Julius Warmuth). Als seine Mentorin Lady Harriet (Bianca Faber) begreift, dass nicht nur das Gemälde, sondern vor allem das Model für Basil eine Bedeutung darstellt, beschließt sie, sich selbst Dorian anzunehmen, ihn in die Londoner Gesellschaft einzuführen und damit Basils Einfluss zu entziehen. In Dorian findet sie einen willigen Schüler, der sich nicht nur von seiner Mentorin und deren Umfeld, sondern auch ihrem Lebenswandel und Weisheiten fasziniert zeigt.

Harriet erkennt seinen Narzissmus und pflanzt in den eigenverliebten Jungen den Wunsch, anstelle des eigenen Ichs das Gemälde altern zu lassen. Sobald dieser begreift, dass seine Sünden und Grausamkeiten spurlos an seinem Äußeren vorübergehen, stürzt er sich ohne Furcht vor Konsequenzen ins Leben. Nur sein Porträt hütet er verbissen - aus Angst, jemand könnte sein Geheimnis entdecken.

Seinen steilen Karriereweg in Londons vornehmsten Kreisen pflastern jedoch zahlreiche Kollateralschäden, darunter sein Freund Alan Campbell (Roobin Middeke) und die junge Schauspielerin Sibyl Vane (Sabine Vazques). Sibyls Bruder James (Johannes Richter), der Vergeltung für seine Schwester geschworen hat, läutet die Jagd auf den "Märchenprinzen" Gray ein.

Jedoch ist die Hölle stärker und verschlingt auch diesen Racheengel. Dorian scheint erneut zu triumphieren; scheitert jedoch zuletzt an sich selbst: Die Sünden haben eben nicht nur Spuren auf dem Bild, sondern auch in seinem Herzen hinterlassen und die Geister der Vergangenheit holen ihn ein. In seiner Verzweiflung und um sich der Last des schlechten Gewissens zu entziehen, ersticht er das Bild - und damit sich selbst.

Seit nunmehr 19 Jahren besteht der Theaterverein "Das Kaleidoskop e.V.", einstmals gegründet von Abiturienten der Kronacher Gymnasien. Brecht, Dürrenmatt, Shakespeare, Schiller, Zuckmayer - in all diese Welten ließ die Gruppe ihr Publikum bereits eintauchen, nun also Oscar Wilde. Das Herz der Schauspiel- und Theater-Gruppe ist Sonja Trebes, die seit dem Jahr 2000 die Inszenierungen gestaltet.

Den Teufel aus dem Leib gespielt

Nahezu jährlich wenden sich die in verschiedenen Berufen und unterschiedlichen Städten verstreuten Darsteller in ihrem Jahresurlaub der Theaterbühne zu. Beim diesjährigen Stück erhielt man Unterstützung vom Schauspieler Roobin Middeke, der Opernsängerin Natasha Pandazieva sowie dem Artisten Kolja Bukowski sowie insbesondere vom Protagonisten Julius Warmuth aus Berlin, der sich als Dorian Gray - im wahrsten Sinne des Wortes - den Teufel aus dem Leib spielt.

Einfach atemberaubend seine Wandlung vom hübschen, freundlichen Jüngling über den immer skrupelloser und zynischer werdenden, in Selbstentfaltung und Größenwahn versinkenden Schönling bis hin zur Depression, Verzweiflung und vollkommenen psychischen Verfall. Als skandalumwitterter Mittelpunkt der feinen, dekadenten Gesellschaft wird er geliebt, begehrt und beneidet. Als er schließlich Basil tötet, suchen ihn die Toten heim und er verfällt dem Wahn.

Großartig besetzt sind auch alle weiteren Rollen. Bianca Faber brilliert als geistreich-zynische Mentorin Lady Harriet, die auch die Waffen einer Frau kokett auszuspielen vermag. Sich ihrer Macht vollends bewusst, die sie über den jungen Dorian ausübt, beschließt sie, ihn nach ihrem eigenen Vorbild zu formen. Ihr geradezu dämonisierendes Spiel verfolgt der Zuschauer mit einer Mischung aus Anziehung sowie Abstoßung.

Stefan Ebert als Basil spielt als sensibler Künstler und Erschaffer des Bildnisses inmitten des falschen Glanzes den einzig echt Fühlenden. Und da ist noch die zauberhafte, zerbrechliche Sabine Vazquez als Sibyl Vane, die von Dorians Zurückweisung getroffen, mittels Blausäure Selbstmord begeht.

Überhaupt wird in dem Stück viel gestorben - und das hautnah auf Höhe des Publikums; nutzt die Gruppe doch den gesamten Stadl als Bühne, auch zwischen den Reihen der Zuschauer.

Applaus will nicht enden

Bevor diese sich mit nicht enden wollenden Applaus für ein großartiges Stück Theater bedankten, steht der Protagonist ein letztes Mal vor seiner teuflischen Fotografie - und sticht zu. Als seine Leiche gefunden wird; ist sie kaum zu erkennen: Sie hat ein verlebtes, runzeliges, widerwärtiges Gesicht; im Gegensatz zum Porträt, erstrahlend im vollen Glanz köstlicher Jugend und Schönheit.

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