Bamberg

Mit Adalbert Stifter nach Böhmen? Unbedingt

Böhmerwald  Reisen, östlich, literarisch, in die Vergangenheit, in die Fremde und doch ins Vertraute. Ein ungenießbarer, aber immens gehaltvoller Roman aus dem 19. Jahrhundert über das 12. Jahrhundert wird von einem Autor der Gegenwart neu erschlossen: Michael Donhausers "Waldwand" folgt dem "Witiko". Reisen Sie mit.
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Blick in den Böhmerwald in seiner überwältigenden Größe und dunklen Schönheit, packend zu jeder Jahreszeit.  Fotos: Carolin Herrmann
Blick in den Böhmerwald in seiner überwältigenden Größe und dunklen Schönheit, packend zu jeder Jahreszeit. Fotos: Carolin Herrmann
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A dalbert Stifters Roman "Witiko" über die Gründungsgeschichte des Königreiches Böhmen im 12. Jahrhundert, erschienen 1867, umfasst tausend Seiten und wurde von Stifter doch nur als "Dichtungsversuch" bezeichnet. Der Roman muss dem heutigen Leser wie die undurchdringliche "Waldwand" erscheinen, als die der Böhmerwald auch heute noch dunkel und mächtig weit vor uns liegt, wenn wir von Franken aus östlich reisen. Wer bei uns hier je von Frankenwald oder Thüringer Wald ergriffen war, von ihrer noch immer wirksamen Aura der Ferne und Fremdheit, ihrer bleibenden Größe, trotz der allgegenwärtigen "Zivilisation", der muss erst Recht atemlos werden, nähert er sich dem Böhmerwald:
Nicht überschaubar, in seinem Wesen nicht fassbar, wie von Stifter (1805 - 1868) immer wieder beschrieben und als ein zentrales Motiv auch im "Witiko" geführt. Der Roman ist uns in der Langsamkeit seines Erzählens nicht mehr genießbar, sein Gehalt aber bleibt immens.


Bis in den Klang der Worte

Was den österreichischen Schriftsteller Michael Donhauser, geboren 1956 in Vaduz, dazu verführte, sich dieser Waldwand zu nähern, hinter sie zu dringen. "Waldwand" heißt seine Nachzeichnung von Adalbert Stifters langer und langsamer Erzählung von der Gründung des Adelsgeschlechts der Witigonen, mit der er vor allem auch die großen politischen und historischen Begebenheiten des 12. Jahrhunderts in dieser Region anschaulich schildern wollte. Und Donhauser wiederum geht einen Weg der faszinierenden "Paraphrase". Anfangs reagiert er mit Ungeduld, wie es jeder von uns als Leser des "Witiko" täte. Doch in Donhausers poetischer Nachzeichnung entsteht ein Sog des Verstehens, der Mehrschichtigkeit, durch die uns "Witiko" lebendig wird. Allmählich verwandelt sich die vermeintliche Behäbigkeit Stifters in faszinierend tiefschürfende Durchdringung der Geschichte. Donhauser analysiert akribisch bis in den Klanggehalt der Worte, er dringt in den musikalischen Fluss Stifters.


Politik und persönliche Geschichte

Stifter und Donhauser erzählen den Werdegang des jungen Ritters Witiko, der 1138 von Passau über Hauzenberg in Richtung Böhmen reitet. Er begegnet dem jungen Wladislaw, dem Sohn des vorigen Herzogs von Böhmen, und gerät in die Auseinandersetzungen um die Nachfolge im Herzogtum, in die auch die deutschen Fürsten eingebunden sind. Es kommt zum Krieg, zur Belagerung Prags, zu Aufstand und Umwälzungen, die später dann, formal 1198, in die Gründung des Böhmischen Königreiches münden.
Dabei ist "Witiko" ein Entwicklungsroman, in dem es um die Menschwerdung des jungen Ritters geht, der auf dem Weg der Mäßigung über sich selbst hinauswächst und sein Land, vor allem aber eine noch urtümlich lebende Gesellschaft "urbar" macht. Über der Geschichte stehen grundsätzliche Fragen nach Moral, Rechtmäßigkeit des eigenen Tuns und Bestrebens neuer Gesellschaften, wobei Stifter den Versuch unternimmt "die Welt dichtend zu ordnen", eine Welt "dichtend zu gründen". Dabei ist ihm der Böhmerwald das wuchtige Sinnbild übermächtiger Gegebenheiten, in denen der Mensch aus fast archaischen Anfängen erst überleben, dann sich einrichten und behaupten muss. Aus der staunenden Verneigung vor der Urgewalt und Größe des Böhmerwaldes kommt Stifters wehende Poesie und Tiefe, mit der er auf menschliches Bemühen blickt. Es ist der literarische Verdienst wiederum von Michael Donhauser, mit seiner eigenen poetischen Kraft uns diesen Schatz voller Einsicht(en) und durchaus auch individueller heutiger Erfahrung wiedergewonnen zu haben.

Michael Donhauser: Waldwand. Eine Paraphrase. Matthes & Seitz Berlin, 357 Seiten, 28 Euro.

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