Neunkirchen am Brand

Man geht immer noch zum "Bischof"

Käserei, Frisierstube, Metzgerei - die Gastwirtschaft "Zur Seku" in Neunkirchen am Brand hat eine facettenreiche Geschichte hinter sich. Nun feiern die Besitzer 100-jähriges Bestehen und sanieren das Gebäude.
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Vor der Wirtschaft (v. l.): Melanie und Stefan Schottdorf, Gretl und Klothilde Schottdorf Foto: Petra Malbrich
Vor der Wirtschaft (v. l.): Melanie und Stefan Schottdorf, Gretl und Klothilde Schottdorf Foto: Petra Malbrich

"Wir gehen zum Bischof." Das sagen die Leute heute noch und jeder weiß, dass damit das Gasthaus "Zur Seku" gemeint ist. Hausnamen bleiben bestehen. Und der Bahnhof war nur wenige Meter entfernt. Während Chefin Melanie Schottdorf das erzählt, blättert sie in einem dicken Fotoalbum.

Horst Fritsche, ein Mann, der lange ein Fremdenzimmer in der "Seku" bewohnt hat, fertigte dieses Album an. Eigentlich ist es auch das Stammbuch des 1970 von ihm gegründeten Stammtischs "Zur Seku", der anfangs zwölf Mitglieder zählte und bei dem sich zuletzt 34 Frauen und Männer regelmäßig trafen. Auch Fotos schmücken das Buch und untermalen damit die vielfältige Geschichte des Gasthauses, das ursprünglich eine Käserei war, bis das Ehepaar Andreas und Elisabeth Bischof 1915 das Gebäude kaufte.

Dort, wo nun die Theke steht, hörte das Haus auf. "Andreas Bischof war Haarformer, so wurden damals die Friseure bezeichnet", erzählt Melanie Schottdorf. Bischof richtete in der alten Käserei eine Frisierstube ein, wollte aber auch einen Schankbetrieb eröffnen, weil sich in seiner Stube viele Leute trafen.

In Neunkirchen jedoch gab es viele Gaststätten, weshalb Bischofs Konzessionsantrag kontrovers diskutiert wurde. Die Schankerlaubnis erhielt er dann 1919 und die Geschichte der "Seku" begann mit dem Umbau.

Während der NS-Zeit

Neben dem Haus war eine Scheune, die er zu einem kleinen Saal umbaute. "Während der NS-Zeit hat die NSDAP ihre Versammlungen dort gehalten. Das gefiel Andreas Bischof nicht, doch hätte er sich geweigert, wäre er gleich ins KZ gekommen", erzählt Schottdorf. Als Bischof dann erfuhr, die Wehrmacht suche eine Lagerhalle für die Uniformen, bot er den Saal an. Mit dem Ende der Versammlungen herrschte dann auch Ruhe vor den Aufmärschen.

Der liebste Platz der Leute war aber der Platz am Ofen. Gretl, die Tochter der Bischofs, erzählte eine Anekdote von einer Steinhäger-Flasche. Diese wurde mit Sand gefüllt und am Ofen gewärmt, so dass man sie abends als Wärmflasche mit ins Bett nehmen konnte. Einmal wurde versehentlich nasser Sand eingefüllt. Die Flasche im Ofen explodierte, was klang, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Der Schrecken stand den Leuten im Gesicht.

Saal als Gotteshaus

Nach dem Krieg kamen viele evangelische Flüchtlinge in den Ort. Sie hatten in dem katholisch geprägten Neunkirchen keine Kirche, und so funktionierten sie am Sonntagmorgen den Saal zum Gotteshaus um. Abends wurde dort getanzt, frühmorgens gebetet.

1950 übernahmen Stefan und Babette Bischof die Frisierstube mit Schankbetrieb und Saal. Er schloss die Frisierstube und richtete seinem Beruf entsprechend eine Metzgerei ein. Trotzdem wurde er "Käser" genannt. Eine Uhr brauchte er nicht. Die Sekundärbahn, abgekürzt die Seku, fuhr so langsam, dass man unter der Fahrt zum Blumenpflücken aussteigen konnte. Das wurde nicht nur in dem Stammtischbuch festgehalten, sondern auch vom Neunkirchener Künstler Felix Müller auf einem Bild.

Jedenfalls erkannte Stefan Bischof, welcher Wagen gerade zum Bahnhof fuhr und wie spät es deshalb war. "Wenn der Triebwagen vorbeifuhr, wusste er, dass er noch eine Stunde schlafen konnte", erzählt die Wirtin.

In der Zeit gründete sich auch der Stammtisch "Zur Seku" Das war 1970, und die Stammtischler waren zugleich Kartler, die hier Schafkopf spielten. Ein solcher Stammtisch fehle heute, meint Melanie Schottdorf. Ein Stammtisch, der auch die Geschichte in dem Fotobuch weiterschreibt. Denn dort ist noch einiges über das Gasthaus "Seku" zu lesen, das damals "Gasthaus zur Eisenbahn" als Namen auf den Backsteinen stehen hatte.

Klothilde und Gerhard Schottdorf übernahmen das Haus mit Metzgerei 1982 und errichteten einen großen Anbau und machten einen Umbau, mit dem das Gebäude das heutige Aussehen erhalten hat. Vorne ist die Wirtschaft untergebracht ist, in der Mitte die jetzige Küche und hinten die Metzgerei.

Ein arbeitsreiches Leben führte das Ehepaar, vor allem Klothilde, die nach dem Tod ihres Ehemanns 1997 das Anwesen in Eigenregie weiterführte und das Gebäude gegenüber erwarb, um die Fremdenzimmer auszuweiten. "Es hat mein Herz daran gehangen. Ich bin in dem Haus geboren und diejenige, die am längsten hier in dem Haus gelebt hat. Und ich hatte Unterstützung durch meine Schwester", sagt Klothilde Schottdorf. Vor allem aber hatte sie das Wissen, dass ihr Sohn Stefan den Betrieb weiterführen wird.

Gelernter Koch

Er lernte Koch und besuchte dann die Hotelfachschule Bareiss im Schwarzwald. Dort hat er sein Herz an seine Melanie verloren, die mit der er seit 2010 den Betrieb gemeinsam führt. Die beiden, Schwiegermutter Klothilde, deren Schwester Gretl und der Auszubildende Andre, führten die Wirtschaft zu Beginn. Nun sind sie vier Leute in der Küche und zehn im Service.

Das junge Ehepaar, das drei Kinder hat, nennt schon einige Projekte. Das Augenmerk wird vermehrt auf die Gästezimmer gelegt und das gesamte Anwesen saniert. Aber zunächst wird alles für die 100-Jahr-Feier der Gastwirtschaft "Zur Seku" vorbereitet. Den Namen samt selbst entworfenem Logo hat die Wirtschaft nämlich auch von Melanie und Stefan Schottdorf erhalten.

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