Lichtenfels
Unter uns am Obermain (499)  Die Sprache hilft zur Verständigung. Angeblich. Ach was, man sagt ja gar nix, man redet ja nur.

Mal von der Sprache reden

Bisweilen hört man Beschwerden über den Verfall der Sprache. Die Sätze werden immer schlichter, der Wortschatz verarmt, die Präpositionen fallen schon weg und der Konjunktiv hat endgültig ausgespielt....
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Bisweilen hört man Beschwerden über den Verfall der Sprache. Die Sätze werden immer schlichter, der Wortschatz verarmt, die Präpositionen fallen schon weg und der Konjunktiv hat endgültig ausgespielt. Es gibt aber auch eine Gegenbewegung dazu, die Sprache erweitert, streckt und vernebelt. Besonders Berufsgruppen kommen mit sich überein, dass die Sprache noch viel zu bieten hat. Das habe die Außenwelt gefälligst zu teilen.

Meine Freundin ist Sprachwissenschaftlerin und hält mir immer wieder vor Augen, dass George Orwell schon bewiesen habe, wie sehr die Sprache und das Denken zusammenhängen. Eben darum sei es unbedingt notwendig, zu gendern und überhaupt sehr ausbalancierend rumzuformulieren und gar nicht erst in die Nähe von Bewertungen oder Verletzung zu geraten.

Und genau hier liegt das Problem, denn manchmal glaube ich wiederum, dass sich Gedanken nur bilden können, weil sie Extreme als Referenzpunkte haben. Insofern kann ich Orwell auch gegen meine Freundin ins Feld führen, finden sich in seinen Büchern doch auch Menschen, die darum schwachsinnige Lieder singen, weil die Sprache bis zur Bewusstlosigkeit ausbalanciert und geglättet wurde.

Mir persönlich kamen schon die merkwürdigsten Begriffe unter. Von einem Sozialpädagogen lernte ich beispielsweise mal, dass ein Blinder nicht blind sei, sondern "eher anderssehend". Ein lieber Bekannter von mir hält mich für einen Deppen und das teilt er mir alle zwei Tage auch telefonisch und erfrischend mit. Nie käme er auf die Idee, mich für minderschlau zu halten. Nein, er hält mich für einen ausgemachten Deppen. Mal abgesehen davon, dass er nicht unrecht hat, ist das Wort auch viel griffiger als "kognitiv suboptimiert".

Auch hatte ich mal mit einem Menschen zu tun, der im Hospizwesen unterwegs ist und ins Schwimmen gerät, sobald man von ihm die Worte Tod oder Sterben abverlangt. Es gibt kein Sterben und den Tod schon gar nicht. Der Mensch ist im Anderszustand oder gar im "Anderssein". Dabei ruderte er spirituell mit den Armen und schaute verzückt. Die Begründung für die Worthülsen war, dass das Sterben zu sehr nach Tod klingen würde.

Den Vogel schoss aber jemand ab, dem ich vor geraumer Zeit begegnen durfte und der mir die Vorzüge des Altenheims damit erklärte, dass man dort "passivkochen" könne, also zugucken, wenn andere kochen. Enthaltsamkeit wäre demnach Passivsex und Doofheit Passivverstehen. Wie erfrischend war es doch einmal, als mir auf einem Heavy-Metal-Konzert in der Lichtenfelser Stadthalle ein Mann im Rollstuhl entgegenkam bzw. entgegenfuhr. Genau genommen fuhr er mich über den Haufen und wir hatten jede Menge Spaß dabei. Doch wie sollte ich ihm mitteilen, wie wunderbar ich es fand, ihm hier an diesem lauten aber geselligen Ort zu begegnen. So stammelte ich herum und quatschte erst etwas von Invalidität, dann von Versehrtheit und am Schluss kam ich doch noch auf Behinderung.

Behinderung war gewiss das derzeit allgemein akzeptierte Wort, aber ich hatte es bei meiner rollenden Bekanntschaft eher mit einer speziellen Type zu tun. So blickte mich der Mann auf eine Weise an, die mir sagte, dass ich ihm auf den Keks ging und er sich keinesfalls als behindert betrachtete. Er setzte sich in seinem Rollstuhl so aufrecht hin, wie nur irgendwer, nahm also Haltung an, straffte sich und schrie(b) mir hinter die Ohren: "Ich bin nicht behindert, ich bin ein Krüppel!" Also ich fand, das hatte schon wieder was.



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