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Ebern
Unser Thema der Woche // Geborgenheit

Lichtstube wie anno dazumal

Im Eberner Heimatmuseum wird abends in gemütlicher Atmosphäre gewerkelt, musiziert und Texten gelauscht. Bei Strickabenden erleben deutsche und afghanische Frauen ein selbstverständlich wirkendes Miteinander.
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"Einfach rechts und links im Wechsel!": Wärmende Stulpen fürs Handgelenk strickt Christine Hofmann in geselliger internationaler Damenrunde im Eberner Heimatmuseum. Begleitet von Gusti Lüttke (Gitarre) singen alle an diesem Abend Weihnachtslieder.  Fotos: Eckehard Kiesewetter
"Einfach rechts und links im Wechsel!": Wärmende Stulpen fürs Handgelenk strickt Christine Hofmann in geselliger internationaler Damenrunde im Eberner Heimatmuseum. Begleitet von Gusti Lüttke (Gitarre) singen alle an diesem Abend Weihnachtslieder. Fotos: Eckehard Kiesewetter
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Eckehard Kiesewetter Nachts im Museum, da ist was los. Nicht so turbulent wie in der gleichnamigen Filmkomödie mit Ben Stiller, wo die Ausstellungsstücke zum Leben erwachen und einiges Chaos anrichten. Eher leise und besinnlich. Aber durchaus publikumswirksam, wie Museumsleiter Ingo Hafenecker zufrieden vermerkt. In der kuscheligen Atmosphäre des Heimatmuseums, zwischen historischen Urkunden, alten Bauernschränken und Aufziehuhren, Ebern-Bildern von anno dazumal und Bettzeug aus Ur-Ur-Ur-Großmutters Zeiten geht es dort an dunklen Abenden vor Weihnachten urgemütlich zu.

Der Bürgerverein lädt jeweils dienstags (18 Uhr) zum stillen Advent, mal mit Zither und Harfe, mal mit Gesang und immer wieder mit amüsanten, nachdenklich stimmenden oder informativen Texten. Glühwein und Tee, Kerzenschein und wohlige Wärme dürfen auch donnerstags (18.30 Uhr) bei den Strickabenden nicht fehlen, bei denen Eberner Frauen in gemütlicher Runde mit Asylbewerberinnen aus Syrien und Afghanistan die Nadeln klappern lassen. Frauen, die prekären Situationen, Krieg und Verfolgung in ihren Ländern entkommen sind, und jetzt die Sicherheit und Geborgenheit in ihrer neuen Heimat genießen. Manche leben nun schon Jahre hier, sind treue Gäste der Strickabende. Gelegentlich wird gebastelt, manchmal gesungen und stets gibt es viel zu erzählen.

"Lichtstubenabende" nannte man früher derartige Zusammenkünfte, bei denen sich die Menschen vor der Kälte draußen in wohlig beheizte Räume drängten, Reparaturen, Näh-, Bügel- und andere Handarbeiten in dieser Geborgenheit erledigten, am Spinnrad saßen oder klöppelten und sich im fantasieanregenden Kerzenlicht Geschichten erzählten und sich womöglich Plätzchen und Bratäpfel schmecken ließen.

Der Begriff "Hygge" beschreibt heute ein Lebensgefühl. Gemeint ist Wohlempfinden und der Genuss an schönen Momenten, für die sonst kaum jemand mehr Zeit findet. Auch oder erst recht nicht im angeblich so stimmungsvollen Advent. "Früher war vielleicht doch manches besser", meinen die Strick-Frauen. Wo wäre der Rahmen für gemütliche Abende also passender als in der Wohnstubenatmosphäre des etwas angestaubten, kleinen Eberner Museums?

Nur die Ruhe!

Den "stillen Advent" bietet der Bürgerverein bereits im 18. Jahr an und Ingo Hafenecker, zugleich Vereinsvorsitzender, legt Wert darauf, "dass die Abende tatsächlich still sind". Christmas-Party-Gepolter oder Ähnliches wird es bei ihm nicht geben, stattdessen Ruhe und Besinnlichkeit. Hafenecker erzählt von einem wunderbar ergreifenden Abend mit den Bonhoeffer-Brautbriefen. Den postalischen Austausch zwischen dem evangelischen Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, 1943 inhaftiert in der Militäranstalt Berlin-Tegel, und seiner Verlobten Maria von Wedemeyer präsentierten Daniela Matrajec und Diakon Sven Steffan im Zwiegespräch; Herbert Becker erläuterte eindrucksvoll.

Immer wieder gab es auch Gelegenheit zum Lachen, etwa bei Ludwig Thomas' Weihnachtsgeschichte, für die Walter Dold seinen oberbayerischen Dialekt auspackte. Der Rentweinsdorfer Dorflehrer ist aber evangelisch und hatte Probleme mit mancher allzu tief katholischen Textpassage. Schon wollte Dold absagen, berichtet Hafenecker. Weil die Ankündigungen aber bereits raus waren, dichtete Dold prekäre Textabschnitte kurzerhand um. Am Ende kam das Ganze so gut rüber, dass er den Abend wiederholen musste.

Voll wird der Museumsraum bei Auftritten der Hofheimer Sänger oder der Haßfurter Stubenmusik, laut Museumsleiter "so voll, dass manche auf den Vitrinen sitzen müssen".

Beschaulicher geht es bei den Strickabenden zu, bei denen jeweils rund ein Dutzend deutsche sowie syrische und afghanische Frauen zusammentreffen. Manchmal bringen die Asylbewerberinnen ihre Kinder, gelegentlich auch die Männer mit. Nebenher lernen die Neubürger in spe hiesiges Brauchtum kennen, wie neulich als der Nikolaus (Dietmar Hofmann) ins Haus schneite.

Mit Händen und Füßen

Seit mehr als zehn Jahren gibt es die Strickabende bereits, für die Inge Günther den Museumsraum gemütlich dekoriert. Die Asylbewerberinnen sind seit fünf Jahren dabei. Gelebte Integration ohne großes Tamtam. Anfangs haben die Organisatoren vom Bürgerverein Wolle gesammelt, weil die Ausländerinnen emsig handarbeiteten. Sie strickten zum Erstaunen ihrer Gastgeberinnen nicht mit Nadeln, sondern mit bloßen Händen, was natürlich dementsprechend große Maschen erzeugt. Mittlerweile - das Deutsch der Gäste wird immer besser - entwickelt sich der Treff für sie mehr und mehr zum Plauderstündchen. "Die Verständigung klappt gut, deutsch, arabisch, teils mit Händen und Füßen", sagt Inge Günther. Wichtig ist das Miteinander. Und das genießen die Frauen offenbar so sehr, dass sie weitermachen, wenn das Heimatmuseum zum Ende der Adventszeit schließt. Ab dann finden die Strickabende im evangelischen Gemeindehaus statt.

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