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Rentweinsdorf

Lebens-Lauf: Erfolgsspur über 60 Jahre

Walter Dold aus Rentweinsdorf schätzt man im Landkreis als Kulturschaffenden. Dabei kam er einst als Spitzensportler in die Region.
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Der eine strengen Blickes, der andere freundlich lächelnd: Der Dichter Friedrich Rückert empfängt Besucher an der Eingangstür des Hauses von Walter Dold - der Kulturpreis des Haßbergvereins, mit dem der Rentweinsdorfer im Jahr 2018 ausgezeichnet wurde.  Foto: Eckehard Kiesewetter
Der eine strengen Blickes, der andere freundlich lächelnd: Der Dichter Friedrich Rückert empfängt Besucher an der Eingangstür des Hauses von Walter Dold - der Kulturpreis des Haßbergvereins, mit dem der Rentweinsdorfer im Jahr 2018 ausgezeichnet wurde. Foto: Eckehard Kiesewetter
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Eckehard Kiesewetter Eine Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland, Ehrenpreis der evangelischen Kirchenmusik, Eberner Bürgermedaille, Rückert-Kulturpreis des Haßbergvereins, Ehrenbürger, ... Das klingt nach Prominenz, Ruhm und Karriere, aber ganz bestimmt nicht nach einem Dorflehrer, der im Grunde nichts anderes wollte, als seinen Hobbys nachzugehen.

Walter Dold spricht heute von seiner "Macherei", die nicht auf Lorbeer ausgerichtet war, sondern einfach dem Spaß an der Freude folgte. Zu seiner Macherei gehören respektable Holz- und Tonarbeiten, seine Mitarbeit am Rentweinsdorf-Buch, sein jahrzehntelanges Engagement als Dorforganist, vor allem aber ungezählte Veranstaltungen, die er über sechs Jahrzehnte hinweg im Baunachgrund angeboten hat: Konzerte mit Bamberger Symphonikern, Singstunden, Kantatenabende oder Denkwürdiges zum 3. Oktober.

"Ich habe halt", sagt Walter Dold, "viele Gelegenheiten genutzt, um mein Leben zu bereichern." Und er habe gute Mitmacher gefunden. "Dass viele davon etwas mitkriegen wollten, freut mich heute noch. Es musste ja niemand kommen. Der Eintritt war freiwillig!"

Musikalische Klasse, die fundierte Bildung, geschichtliches Interesse, sein fächerübergreifendes, erhellendes Denken, ein schlitzohriger Humor und die Gabe zum unterhaltsamen Vortrag haben Dold zum beliebten Veranstalter gemacht. Nach einer 60-jährigen Liaison zwischen einem vor Ideen sprühenden Pfiffikus und seiner zweiten, fränkischen Heimat dürfen beide hochzufrieden sein, das kulturell enorm bereicherte Eberner Umland ebenso wie der Rentner, der sich heute mithin sogar gerne als "Münchner im Himmel" bezeichnet.

Ein Großstadtkind

Dold hatte Glück. In Kempten geboren, wuchs er in München als Sohn von Bildungsbürgern auf. Kunst und Literatur hatten in der Familie ihren festen Platz. Goethe, Schiller, Keller, Meyer, Eichendorff und wie sie alle heißen, dazu Besuche in Museen und Konzertsälen. Vor allem machte man in der Familie Musik: vierhändig am Klavier mit dem Vater oder in Ensembles mit Freunden. Gelegentlich, so erinnert sich Dold, spielte man gar Schuberts "Forellenquintett" im Wohnzimmer.

Vor genau 60 Jahren ist das Großstadtkind als Junglehrer in die Haßberge gekommen. "Damals wurde fast alles nach Unterfranken geschickt", erinnert sich der inzwischen 84-Jährige, weil es dort noch so viele kleine Dorfschulen gab. In Oberbayern gibt es keine evangelischen Dörfer und Volksschulen waren damals noch konfessionell gebunden. "Dass es Rentweinsdorf überhaupt gibt, habe ich erst durch meine Versetzung erfahren." Was Studienkollegen ein Greuel war, reizte den 24-Jährigen. Er wollte Volksschullehrer auf dem Land sein, "weil man dort für alles zuständig ist".

Aschenbahn ade

Dass der Wechsel aus der Stadt dann aber doch zu einem Kulturschock wurde, hatte andere, sportliche Gründe: Dold war erfolgreicher Leichtathlet, zählte zur bayerischen Spitze auf der Mittelstrecke, über 800 und 1500 Meter und in der 1000-Meter-Staffel. Mehrere bayerische Meistertitel und einen soeben erreichten dritten Platz bei der süddeutschen Meisterschaft brachte er mit, als er sich im Frühherbst 1959 in Lederhose und mit dem Koffer in der Hand in Rentweinsdorf wiederfand. Bislang hatte er zweimal wöchentlich beim Post SV München auf der Aschenbahn trainiert. Hier dagegen fand er nur Hügel und Feldwege vor, die nicht gerade zum regelmäßigen Training einluden. Für die Teilnahme an einer Meisterschaft in Bad Reichenhall gewährte das Schulamt in Ebern dem Spitzensportler, der später sogar auf einem Werbeplakat für die Olympischen Spiele in München zu sehen war, ausnahmsweise nochmal schulfrei. Später versuchte es Dold zwei Jahre lang beim FC Bamberg, hängte die Laufschule dann aber an den Nagel.

Der Mittelstrecke blieb er dennoch treu, denn länger war sein Weg vom Wohn- zum Schulhaus nie. Sport gab es für die Schüler in Rentweinsdorf zunächst auf dem Planplatz. Ab der Einweihung der neuen Schule 1964 dann in der ersten Turnhalle überhaupt im ganzen Landkreis Ebern. Die Schule mit fünf Lehrern für acht Klassen war die drittgrößte im Kreis. Sie bot einen Vorgeschmack auf die spätere "Baunach-Allianz", denn Lehrer aus Ebern und Baunach arbeiteten zusammen. Wir "ergänzten" uns gegenseitig, erzählt Dold, "für die Lauferei war vor allem ich zuständig - besonders beim Wintertraining auf dem Kraiberg!"

Rentweinsdorf erlebte Sportfeste und eine Dorfolympiade mit Spaßdisziplinen. Auch den "Kappelseelauf" hatte der Junglehrer angeblich schon angedacht, rund um den See gleich neben der Schule. "Wir haben es dann aber bleiben lassen, denn in den Traktorspuren rund um den See war das Laufen unmöglich".

392 Mark verdiente der Volksschullehrer am Anfang. Als Dienstwohnung wurde ihm von der Gemeinde zunächst ein "Ausweichkämmerle" mit Schreibtisch, Bett und Schrank zur Verfügung gestellt. Man hielt Ziegen; Kühe konnten sich die einfachen Leute nicht leisten, erinnert sich Dold, der sich im übrigen herzlich aufgenommen sah: im Pfarrhaus bei der Familie des Pfarrers Kurt Laacke und im Schloss bei Gottfried und Elisabeth von Rotenhan.

Nolens volens zur Kirchenmusik

Dann natürlich die Läufe auf der Klaviatur: Dold setzte sich, weil kein Klavier zur Verfügung stand, zum Üben in der Kirche auf die Orgelbank. Dies klappte so gut, dass ihn Pfarrer Laacke eines Tages ungefragt als Organist bei der Landeskirche meldete. Man kann sich die Überraschung vorstellen, als Dold das Bestätigungsschreiben aus Ansbach in der Hand hielt.Daraus erwuchs eine lebenslange Aufgabe. Demnächst wird der Musikus eine Urkunde für 60-jähriges Wirken als Kirchenmusiker in den Händen halten.

Sein erstes Auto übrigens, einen Ford, hat sich Walter Dold nur aus einem Grund ausgesucht: Ein Cembalo, das er für die Kirchenmusik eigens transporttauglich bauen ließ, musste hineinpassen. So bedurfte es eines Autos mit Heckklappe zum einfacheren Beladen.

Am Anfang und am Ende

Seine Eva, eine Pfarrerstochter, die er schon aus Jugendjahren kannte, hat Dold 1962 geheiratet. Sie war ebenfalls Lehrerin, ließ sich nach Rentweinsdorf versetzen und übernahm die Klassen 1 und 2; er hatte die Klassen 7 und 8. "Viele Jahre fing das Rentweinsdorfer Schulelend damit also mit Dold an und endete mit Dold", scherzt der Senior heute: "Trotzdem grüßen uns die Leute im Dorf immer noch." Wohl aber auch, weil Walter Dold den Lehrplan lebensnah bereicherte, seinen Unterricht ganzheitlich ansetzte. Als Dorflehrer konnte er sich Freiheiten nehmen, beispielsweise im Geschichtsunterricht über die alten Griechen aus dem Homer zu lesen, mit Schülern Museen, die Ruine Rotenhan oder den Bamberger Dom besuchen. Und egal, ob nun Mathe oder Deutsch auf dem Stundenplan stand, Dold hat den Unterricht immer mit einem Lied begonnen und beendet.

Auch im Zuhause der Familie im Gemeindeteil Sendelbach, in dem drei Töchter aufwuchsen, wurde stets gesungen und musiziert. An der Freude daran wollte Dold andere teilhaben lassen. Im kleinen Freundeskreis zunächst, dann mit Gesangverein und Posaunenchor und später mit Profimusikern und -sängern aus Bamberg und Umgebung. "Die "Bamberger" haben gerne mit mir zusammengearbeitet, weil wir da ihre Frauen und Kinder und Schüler mit einspannten", erzählt Dold heute. Gern erinnert er sich an seine Geburtstagskonzerte in der Hauptschule Ebern, wo er ab Mitte der 70er bis zum Ruhestand im Jahr 2000 eingesetzt war. 200 bis 300 Schüler hörten andächtig zu, wenn er mit Symphoniker-Freunden musizierte. Oder an die großen Konzerte im Marktsaal Rentweinsdorf, der 1988 eröffnet wurde. "Sie sorgen mir dafür," hatte der damalige Bürgermeister Willi Schönmann dem Lehrer aufgetragen, "dass eine Kulturhalle daraus wird".

Dolds Musikfreundschaften und der Marktsaal ermöglichten Veranstaltungen in bemerkenswerter Dimension und Qualität. Durch seine Bekanntschaft mit dem Bamberger Klavierbauer Johann Christoph Neupert beispielsweise ist Dold nach eigenem Bekunden einer der wenigen gewesen, die sämtliche Cembalo-Konzerte Bachs aufführen konnten. Einmal standen vier Cembali gleichzeitig auf der Bühne. "Wir konnten so tolle Sachen aufziehen", schwärmt er heute. Das ist vorbei, weil die Augen nachließen und er die Noten nicht mehr lesen kann.

"Durch unsere vielen Konzerte stand für die Öffentlichkeit die Musik im Mittelpunkt", sagt Dold heute, "aber die Kunst und Literatur waren mir genauso wichtig". Gleiches gilt für die Geschichte, weshalb er sich auch im Bürgerverein und im Heimatmuseum Ebern einbrachte. Seinem Heimatdorf Sendelbach hat er zur 1200-Jahr-Feier im Jahr 2004 einen eigenen Dorfgeist, den Sendel, geschenkt und seine eigene Dorfgeschichte geschrieben - ein unnachahmliches Schelmenstück.

Doch Walter Dold kann auch hintergründig: Sein "3. Oktober in Rentweinsdorf" wird bis heute als geschichtsträchtiger Tag begangen. Darauf ist Dold stolz, und "den Rentweinsdorfern von Herzen dankbar, dass sie mich diesen Tag immer noch gestalten lassen". Oft zeigt er da verblüffende Zusammenhänge auf, wie man sie in keiner noch so schlauen Dissertation zu lesen bekommt. Diesmal wird er ab 19.30 Uhr im Marktsaal weit in die Geschichte blicken, 3000 Jahre zurück zu bleibenden historischen Stätten wie Stonehenge und den Pyramiden, um zielsicher mit pointierten Rückschlüssen im einstigen innerdeutschen Grenzland, in den Haßbergen und im Rentweinsdorf des 21. Jahrhunderts zu landen. Typisch Dold - wie immer mit freiwilligem Eintritt.

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