Lichtenfels

"Land" braucht sich nicht zu verstecken

Findet Kultur nur in den Ballungszentren statt? Dies fragten sich fünf Diskutanten und eine Moderatorin in Lichtenfels.
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Diskutierten zur Situation des ländlichen Raums (von links):  Urbanistin Kerstin Faber, Architekt Peter Haimerl, Bauherr Stefan Mehl, Moderation Anneke von Holst, Filmemacherin Lola Randl und Markus Häggberg  Foto: Gerda Völk
Diskutierten zur Situation des ländlichen Raums (von links):  Urbanistin Kerstin Faber, Architekt Peter Haimerl, Bauherr Stefan Mehl, Moderation Anneke von Holst, Filmemacherin Lola Randl und Markus Häggberg Foto: Gerda Völk

"Die ersten fünf Jahre waren sehr hart": Die Filmemacherin und Autorin Lola Randl ist von der Großstadt Berlin in ein altes kaputtes Haus in das Uckermärkische Dorf Gerswalde gezogen. Mittlerweile hat sich das Dorf zu einem Sehnsuchtsort der Großstädter entwickelt, die den Traum von der Selbstverwirklichung auf dem Land träumen. Die Filmemacherin überlegt sich, ob sie Gerswalde zusperren oder lieber doch die Flucht ergreifen soll.

Fünf Gäste gingen am Donnerstagabend im Verlauf einer zweistündigen Podiumsdiskussion im Showroom in der Reitschgasse der Frage nach "Ist das Land als Kulturraum noch zu retten?". Deutschlands Metropolen wie Hamburg, München oder Berlin boomen. Im Gegensatz dazu stehen die ländlich geprägten Räume. Oft werden Bahn- und Buslinien stillgelegt, Bildungs- oder Kulturangebote fehlen.

Bei der Diskussion ging es um die Rolle von Architektur, Kunst und Literatur für strukturschwache Regionen. Gegenüber entsteht gerade das "Archiv der Zukunft".

Demokratischer Planungsprozess

Kerstin Faber, Urbanistin und Projektleiterin der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen, ist spezialisiert auf Umbauprojekte und Gestaltungsprozesse für Regionen und Kommunen vor dem Hintergrund des Strukturwandels und seiner demografischen Herausforderungen. "Das Land darf nicht abgeschrieben werden", sagt sie.

Qualifizierte Angebote machen

Kerstin Faber möchte einen demokratischen Planungsprozess anschieben und "dem Land" wieder sein Selbstbewusstsein zurückgeben. Es gehe darum, den Menschen ein qualifiziertes Angebot zu machen und dazu gehöre auch die Architektur. Allerdings "den" ländlichen Raum gebe es nicht. Vielmehr beobachte sie, dass es viele Innovationen auf dem Land gibt, gerade im Umfeld von Ballungszentren. Kerstin Faber betont, dass es immer noch Menschen seien, die eine Veränderung anstoßen.

Impulse für die Zukunft setzen möchte Stefan Mehl, Geschäftsführer der R+G Beteiligungsgesellschaft und Bauherr des Archivs der Zukunft Lichtenfels. Ihm geht es vor allem um eine Belebung der Lichtenfelser Innenstadt. Mit seinem Projekt möchte er den Menschen Lust auf die Zukunft machen.

Für Peter Haimerl, Architekt des Archivs der Zukunft, geht es vor allem darum, mit der Architektur einen Kulturraum zu schaffen. "Es geht darum, dass ein Ort besser wird". Der Münchner Architekt hat das aufsehenerregende Konzerthaus in Blaibach im Bayerischen Wald geplant. Das Archiv der Zukunft in Lichtenfels soll ein Ort der Begegnung sein. Und nicht nur für die Stadt Lichtenfels eine Strahlkraft entwickeln, sondern auch weit darüber hinaus, wünscht sich der Architekt.

"Muss Kultur überhaupt gerettet werden?", fragt sich Markus Häggberg, Kulturschaffender und Journalist aus Lichtenfels, und schiebt die Frage nach, ob auch das Land gerettet werden müsse. Was fehle, sei ein Perspektivwechsel. Im Grunde sei das Angebot im Landkreis und den angrenzenden Kommunen gut. Als Beispiel nannte Häggberg die sechs Bühnen des Fränkischen Theatersommers und die vielfältigen Konzerte, die oft kostenlos sind.

Mangelnde Räumlichkeiten

"Warum reden wir dauernd von Kultur, wenn Kulturtreibende wegen mangelnder Räumlichkeiten nicht arbeiten können", warf Frank Ziegler, auch als Hausmeister "Fritz Paluschke" bekannt, in die Diskussion ein. Auch beklagte er, die mangelnde Bereitschaft des Bayerischen Staats, Geld für Kleinkunst auszugeben, aber im Gegenzug Millionen von Euro für die Philharmonie bereitzustellen.

"Kultur und Kunst müssen unabhängig sein, damit sie kritisch sein können", forderte Kerstin Faber. Gab aber zu bedenken, dass die hohen Mieten in den Ballungsräumen dazu beitragen könnten, dass immer mehr Menschen gezwungen sind, auf das Land zu gehen. Man sollte doch einmal die Arbeitgeber fragen, ob Kunst und Kultur zu den harten Standortfaktoren zählen, wünschte sich Markus Häggberg.

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