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Kronach

Kunst für einen Bau der Superlative

Die größte "Kunst am Bau" des Landkreises Kronach befand sich einst am "Mississippidampfer". Leider hatten die auffälligen dynamisch-bunten "Farbwege" nur knapp über 30 Jahre Bestand. Heute erinnert nichts mehr daran.
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"Historisches" Foto des Gebäudes mit der "Kunst am Bau" aus dem Jahr 1973, kurz nach der Fertigstellung, dem Fränkischen Tag freundlicherweise überlassen von der Oberfränkischen Baugenossenschaft
"Historisches" Foto des Gebäudes mit der "Kunst am Bau" aus dem Jahr 1973, kurz nach der Fertigstellung, dem Fränkischen Tag freundlicherweise überlassen von der Oberfränkischen Baugenossenschaft
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Nie vorher und nie mehr danach wurde in Kronach ein so großes Mietswohnhaus gebaut, wie das - zwischen 1971 und 1973 in mehreren Bauabschnitten errichtete - große Staffelhaus an der Ecke Kaulangerstraße/Innerer Ring der Oberfränkischen Baugenossenschaft. Landläufig bekannt ist es unter dem Namen "Mississippidampfer". Es handelt sich um ein Gebäude, das - in einzelnen, voneinander versetzten Kuben und Blöcken - sich in Flügeln aus verschiedenen Himmelsrichtungen von einer zweigeschossigen Höhe hin zu einem achtgeschossigen Hochhaus entwickelt.

Geplant von den Architekten Schomberg, beabsichtigte man, so Kreisheimatpfleger Robert Wachter, durchaus seine Wirkung als neue "städtebauliche Dominante". Mit seinen insgesamt 89 Wohnungen sollte es - laut eines Zeitungsberichts von September 1970 - auf insgesamt sechs Millionen DM kommen und dazu dienen, den Anfang der 1970er Jahre noch immer herrschenden großen Mangel an Wohnungen in der Kreisstadt zu mildern - und das, obwohl diesbezüglich schon in den 50er und 60er Jahren ein großes Volumen an Mietshausblöcken geschaffen worden war.

"Viel Mut zum Wagnis"

"Anders als heutige Wohnblöcke versah man zu dieser Zeit aber jenen "großen vielgliedrigen Wohnhügel", wie man ihn in einem Zeitungsbericht bei seiner Fertigstellung 1973 betitelte, zusätzlich mit "Kunst am Bau" - und zwar mit "viel Mut zum künstlerischen Wagnis", würdigt Wachter. Den Auftrag für die Verschönerung eines für Kronach so epochalen Gebäudes mit zeitgemäßer Kunst vergab man an den Künstler Alfred Russ. Dieser lebte seit dem Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Tod in Bayreuth. Hier wirkte er als freischaffender Maler und Bildhauer, der mit seinen Werken zahlreiche Gebäude in Oberfranken und auch im Landkreis Kronach verschönerte.

Für den Kronacher "Mississippidampfer" schuf er ein sich über 300 Quadratmeter Wandfläche und eine Tiefe von 50 Metern verteilendes Kunstwerk aus dem damals neuen Material Polyester. Es überzog die kompletten Südwände des südlichen Flügels, der in insgesamt sechs Abtreppungen emporsteigt. "Diese Südfassaden eigneten sich besonders gut, da sie einerseits aus Grundriss-technischen und konstruktiven Gründen völlig fensterlos blieben; zum anderen von der Wirkung für ein Kunstwerk sich am besten entfalten konnten", erläutert der Kreisheimatpfleger.

Alfred Russ entschied sich für eine abstrakte bunte und strukturierte Plastik in Form von drei vertikalen "Farbwegen". Sie sollten fortan in den Farben Rot, Gelb und Blau sich aus dem Erdreich heraus in bizarr und unregelmäßig fließenden Bändern von großer Plastizität optisch über die gesamten Südfassaden jenes Gebäudeteils bis über das Dach hinwegbewegen.

Der neue Werkstoff Polyester, der, so Wachter, wieder einmal demonstriert habe, wie unglaublich zukunftsorientiert diese Epoche auf ihre neu erfundenen Materialien gesetzt habe, schaffte dabei ganz neue Akzente und Möglichkeiten in Größe und Farbe. Die Fronten der Bänder mit ihren stark strukturierten Oberflächen, die wie von Riesen bildhauerisch mit Hammer und Meißel bearbeitet schienen, erzeugten durch einen matten Glanz zugleich den Eindruck von Keramik. Damit schufen sie einen zusätzlichen Kontrast zu den mit glatten weißen Platten verblendeten Rasterfassaden mit ihren von breiten grauen Farbabschnitten betonten Dachrändern.

"Dem Künstler gelang sogar der Clou, dass - aus den unterschiedlichen Blickwinkeln heraus - dieser Farbklang der Bänder sich zu einer kontinuierlichen Dreier-Linie optisch zusammenspannte, obwohl jede Wandfläche anders gestaltet war", stellt Wachter heraus. Jene drei plastischen Farbstreifen hielten einerseits die einzelnen Baukörper gestalterisch zusammen; andererseits unterstrichen sie auch die Staffelung und Bewegung der Architektur und berücksichtigten so deren Eigenleben. Als Gegengewicht dazu schuf der Künstler an der Südwand des östlichen Treppenhauses noch ein hochrechteckiges abstraktes Feld, das sich aus frei geometrisch geformten Abschnitten jener drei Farbbänder zusammensetzte.

Nie mehr in dieser Dimension

"Diese ,Kunst am Bau‘ des ,Mississippidampfers‘ stellte ein absolutes Novum dar: Das größte Kunstwerk, das der Landkreis und Oberfranken sowie darüber hinaus bislang gesehen hatten. Nie zuvor und wohl auch nie mehr danach hatte es "Kunst am Bau" von dieser Dimension in der Region gegeben", verdeutlicht der Kreisheimatpfleger. Das Kunstwerk sei zum Markenzeichen des Gebäudes geworden. Es habe bei seiner Fertigstellung eine neue Sehenswürdigkeit in Kronach gebildet, die von der Bevölkerung bestaunt und diskutiert wurde.

Leider hatten die auffälligen dynamisch-bunten "Farbwege", mit denen der Künstler "mehr Leben, mehr Bewegung und mehr Heiterkeit" in den grauen Alltag hineintragen wollte, aber nur knapp über 30 Jahre Bestand. "Dem allseits geforderten Vollwärmeschutz fiel das farbenfrohe und zugleich einzigartig monumentale Kunstwerk bei der großen Renovierung des Gebäudes im Jahr 2005/06 zum Opfer", bedauert Dr. Wachter, dass heute nichts mehr daran erinnere. Aus der früheren Kronacher Sehenswürdigkeit und beispiellosen Besonderheit wurde so ein konventioneller großer Mietsblock.