Kulmbach

Kulmbacher Firmen melden Nullnummer

Die Industriebetriebe wachsen nicht mehr, aber Handel und Dienstleistungen, Gastronomie und Bau melden eine positive Entwicklung.
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Das Baugewerbe ist von der nachgebenden Konjunktur noch nicht betroffen.  Symbolfoto: Paul Zinken, dpa
Das Baugewerbe ist von der nachgebenden Konjunktur noch nicht betroffen. Symbolfoto: Paul Zinken, dpa

Eine Nullnummer verzeichnete die Kulmbacher Industrie im zweiten Quartal 2019. Die Beschäftigtenzahl blieb gegenüber dem Vorjahr unverändert, der Umsatz stieg nur noch um 0,1 Prozent. Im vierten Quartal 2018 hatten das Beschäftigtenplus nach Berechnungen der IHK für Oberfranken in Bayreuth in der Industrie noch bei 2,7 Prozent und der Umsatzzuwachs bei 3,1 Prozent gelegen.

"Die Rahmenbedingungen für die Industrie sind auch im Landkreis Kulmbach schwieriger geworden", sagt Michael Möschel, IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des IHK-Gremiums Kulmbach. Der Landkreis Kulmbach habe nicht zuletzt dank der großen Bedeutung seiner Industrie vom Konjunkturaufschwung seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 profitiert. In Betrieben des verarbeitenden Gewerbes mit 50 und mehr Beschäftigten sei die Mitarbeiterzahl seit 2010 um 660 oder 9,7 Prozent auf 7453 gestiegen. Beim Umsatz hätten die Unternehmen im gleichen Zeitraum um 16,9 Prozent zugelegt.

Vier Branchen sind Möschel zufolge oberfrankenweit vom aktuellen Umsatzrückgang in der Industrie besonders stark betroffen: Die Kfz-Zulieferer, die Glas- und Keramikindustrie, die Textilindustrie sowie die Polstermöbelhersteller. "Gerade die Situation der Automobilindustrie bleibt nicht ohne Auswirkungen auf den Wirtschaftsraum Kulmbach", so der IHK-Vizepräsident.

Breit aufgestellt

Die deutschen Automobilhersteller setzten nicht mehr so viele Autos ab wie in den vergangenen Jahren und hätten ihre Produktion zurückgefahren. Das bekämen auch die Kfz-Zulieferer zu spüren. Zum Glück sei Kulmbach auch in der industriellen Produktion breit aufgestellt. Von der Nahrungsmittelindustrie über die Kälte- und Klimatechnik bis hin zum sonstigen Maschinenbau könne der Standort Branchenprobleme besser abfedern.

Nicht betroffen von der nachgebenden Konjunktur seien der Handel, die Dienstleistungen, der Tourismus und das Baugewerbe, wie Möschel betont. "Dort wächst die Nachfrage weiterhin."

Längst sei Kulmbach mit der Weltwirtschaft eng verbandelt. Gut ein Drittel der Industriearbeitsplätze sei den Exporten zu verdanken. Die Nachfrageschwäche in China, der Konflikt zwischen den USA und China, der drohende harte Brexit oder die Regierungskrise in Italien hinterließen deshalb auch am Standort Kulmbach ihre Spuren.

Nach zehn Jahren Aufschwung sieht Möschel die Gefahr einschneidender Veränderungen. Bund, Land und Kommunen hätten sich an ein hohes Steueraufkommen gewöhnt. "Die Verlockung ist groß, einfach weiterzumachen wie bisher." Davor warnt Möschel jedoch: "Ehe wir uns versehen, wird Deutschland so wieder zum kranken Mann in Europa. Wir haben Defizite in nahezu allen Zukunftsbranchen, die müssen wir beheben, wollen wir wettbewerbsfähig bleiben."

Politik hat keine Strategie

Möschel nennt hier den Infrastrukturausbau, die Digitalisierung, die Energiewende, den Klimaschutz und den Fachkräftemangel: "Jeder Unternehmer hat eine Mittel- und Langfriststrategie. So etwas fehlt in der deutschen Politik seit Jahren."

Ob es sich um eine eher kurzfristige Nachfrageschwäche oder um erste Vorboten für strukturelle Probleme handelt, lasse sich aktuell nicht beantworten. "Im Oktober liegen die aktuellen Ergebnisse der IHK-Konjunkturumfrage vor. Dann wissen wir zumindest, mit welcher Entwicklung die Kulmbacher Unternehmen für die kommenden zwölf Monate rechnen", so der Vizepräsident. red

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