Maroldsweisach

Kratzer im Putz

Für ihre Masterarbeit im Fach Denkmalpflege untersucht Laura Deglmann Kunstwerke an alten Wirtschaftsgebäuden im Kreis Haßberge.
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Die Rahmung darf nicht fehlen, die Kratzputzmuster und -ornamente können aber vielfältig sein. Hier ein anderes Gebäude, an dem senkrechte und waagrechte Wellenlinien dominieren.
Die Rahmung darf nicht fehlen, die Kratzputzmuster und -ornamente können aber vielfältig sein. Hier ein anderes Gebäude, an dem senkrechte und waagrechte Wellenlinien dominieren.
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Eckehard Kiesewetter Kreis Haßberge — Die meisten Besitzer alter Fachwerkhäuser juckt das gar nicht: "Verzierungen im Fachwerk? Kratzputz, nie gehört", sagt der Besitzer eines Gehöfts im Eberner Stadtgebiet, der jüngst erst die Felder im Fachwerk frisch aufputzen ließ. "Sauber und glatt", wie er sagt. Vorbei ist's mit einem kunsthistorischen Schatz, den noch ein "Beweisfoto" vor der Renovierung dokumentierte.

In die verputzten Zwischenflächen im Fachwerk hatte der ausführende Handwerker damals Rahmen und dazwischen geometrische Formen gekratzt, Schlangenlinien. Fachleute nennen so etwas "Kratzputz".

Manchmal sind an den Fassaden Wellen zu sehen, manchmal Kringel, paragrafenartige Zeichen. Häufiger mal finden sich Initialen und Jahreszahlen. Seltenere Funde sind Sinnsprüche oder figürliche Darstellungen. An einer Scheune im Maroldsweisacher Gemeindegebiet hat Laura Deglmann, die gerade eine Magisterarbeit im Fach Denkmalpflege verfasst, sogar noch ein Hakenkreuz entdeckt.

"Die meisten Kratzputze stammen aus dem 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert", sagt die 26-Jährige, die Kratzputze in den Landkreisen Haßberge und Coburg erfasst. Die Arbeit wird Teil eines Projektes sein, das vor gut zehn Jahren im Freilandmuseum Bad Windsheim angestoßen wurde und frankenweit angelegt ist. Die ältesten bislang dokumentierten Kratzputze stammen aus dem Ende des 16. Jahrhunderts.

Die Zeichen wurden mit spitzen Gegenständen geritzt. Muster mit Reisig "gestupft", wie es in der Fachsprache heißt. Man musste den richtigen Zeitpunkt abpassen und dann schnell sein. Mancher Künstler hat auf diese Weise an diversen Gebäuden seine persönliche "Handschrift" hinterlassen. Sieht hübsch aus und hat obendrein praktische Funktion, denn die Ritzungen verändern die Oberflächenspannung, vermeiden Risse oder machen sie weitgehend unsichtbar.

Unterwegs auf Spurensuche

Laura Deglmann wird ihre Ergebnisse in eine Datenbank einpflegen und bis zum Abgabetermin Ende September mit anderen Befunden vergleichen und einordnen. Die Bereiche Pfarrweisach und Hofheim sind schon erforscht, auch Orte im Heldburger Land oder im Steigerwald. So ergeben sich regionale Unterschiede, was Zeit, Material und Ornamentik anbelangt. "Alle haben ihre Besonderheit", sagt die junge Wissenschaftlerin, im Vergleich zeige sich die Qualität. Nach den Orten des Marktes Maroldsweisach will sich die Studentin Dörfer im Seßlacher Gebiet vornehmen, Gleismuthhausen, Autenhausen und Merlach. Für Gemünda ist bereits ein reicher Schatz dokumentiert.

Wie kamen beide Gemeinden zu den wissenschaftlichen Ehren? "Wie die Jungfrau zum Kind", sagt Maximilan Neeb und lacht: "Wir in Seßlach sind ja mit Historischem reich gesegnet". Der neue Bürgermeister der Stadt (FW) ist "gespannt, was da zum Vorschein kommt". Vor ein paar Tagen hat er sich kundig gemacht. Mit seinem Maroldsweisacher Kollegen Wolfram Thein (SPD) begleitete Neeb die Studentin aus Pödeldorf durch Eckartshausen. In dem Dorf gibt es unterschiedlichste Kratzmuster und -techniken zu sehen. Deglmann spricht von einem "reichen Formenkanon". An einem Gebäude steht die Jahreszahl 1930, an einem anderen "Erbaut von Alfred Späth Anno 1935".

Kratzputze hatten beide Bürgermeister bislang nie groß zur Kenntnis genommen, jetzt aber entdecken sie sie immer wieder in den Stadt- und Gemeindeteilen. "Die meisten Leute sind sich gar nicht bewusst, dass solche Besonderheiten an ihren Gebäuden sind", sagt Wolfram Thein: "Es wäre schön, wenn man sie auch erhalten könnte."

Vor dem Abriss

Wie schnell das Gegenteil eintreffen kann, zeigt das kratzputz-dekorierte Brauhaus Eckartshausens. Das Gebäude in Gemeindebesitz ist baufällig und wird demnächst abgerissen. Es macht Platz für einen Neubau.

Warum finden sich die Kratzputze so häufig an Scheunen oder Ställen und kaum an Wohnhäusern? Das war nicht immer so. Nur stehen von den alten Wirtschaftsgebäuden in der Region noch relativ viele und sie werden schlichtweg seltener renoviert als Wohnhäuser. Doch es gibt Ausnahmen. So etwa an der Hauptstraße in Eckartshausen: Dort prunkt die Schaufassade eines Hauses mit Klinkern, die straßenabgewandte Seite aber ist, weil's billiger war, mit Fachwerk und Kratzputz gestaltet.

Laura Deglmann ist gelernte Kirchenmalerin, studierte dann Restaurierung und aufbauend Denkmalpflege. Ihren Magister macht sie jetzt bei Thomas Wenderoth. Der Architekt und langjährige Gebietsreferent für praktische Bau- und Kunstdenkmalpflege am Denkmalpflegeamt in München ist seit gut zwei Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kompetenzzentrum für Denkmalpflege der Uni Bamberg. "Kratzputze sind Kunsthandwerk im besten Sinne", sagt der Fachmann.

Doch ist Kratzputz auch eine Kostbarkeit? "Nicht im finanziellen Sinn", sagt die Oberfränkin: "Aber er zeugt von Handwerkskunst mit hohem Wert. Da darf man nicht aufs Geld schauen, sondern darauf, was dahinter steckt. Das ist das Wichtige!"

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