Haßfurt

Kontroverse um Doppelstruktur

Das Mehrgenerationenhaus Haßfurt und das Familienzentrum am Landratsamt kommen sich in die Quere.
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Zu Doppelstrukturen in den Angeboten des Mehrgenerationenhauses und des Familienzentrums am Landratsamt Haßberge in Haßfurt diskutierten rund 60 Ehrenamtliche mit Landrat Wilhelm Schneider (links).  Foto: Christian Licha
Zu Doppelstrukturen in den Angeboten des Mehrgenerationenhauses und des Familienzentrums am Landratsamt Haßberge in Haßfurt diskutierten rund 60 Ehrenamtliche mit Landrat Wilhelm Schneider (links). Foto: Christian Licha

Man spürte deutlich den Frust der Ehrenamtlichen, der in der Luft lag. Sie trafen sich zu einer Aussprache mit Landrat Wilhelm Schneider zum Konflikt zwischen dem Mehrgenerationenhaus (MGH) und dem Familienzentrum (Landratsamt) im Hinblick auf doppelte Angebotsstrukturen beider Institutionen. Gudrun Greger und Lisa Geyer als hauptamtliche Mitarbeiterinnen des MGH, Rot-Kreuz-Geschäftsführer Dieter Greger, Bürgermeister Günther Werner sowie Vertreter des Kreisjugendamtes und des Familienzentrums diskutierten mit rund 60 weiteren Gästen im Rot-Kreuz-Haus, um gemeinsam mit dem Landrat eine Lösung zu finden. Jürgen Gerling, der sich ehrenamtlich im MGH engagiert und Mitglied im Freundeskreis MGH ist, moderierte.

Eine gewisse Brisanz liegt darin, dass das MGH unter der Trägerschaft des Roten Kreuzes läuft und dessen Kreisvorsitzender der Landrat ist.

Anliegen und Angebot

Das Treffen war sowohl ein Anliegen der Ehrenamtlichen als auch ein Angebot von Landrat Wilhelm Schneider. Auslöser dafür war ein Brief von den MGH-Ehrenamtlichen an den Landrat, in dem sie ihre Sorge um die Konkurrenzsituation zwischen Angeboten des Mehrgenerationenhauses und denen des neu geschaffenen Familienzentrums im Landratsamt kundtaten. Mit dem Bundesprogramm "Kita-Einstieg - Brücken bauen in frühe Bildung", das seit 2017 bis Ende 2020 läuft, erhält das Familienzentrum jährliche Zuwendungen von 150 000 Euro für Sach- und Personalkosten. Das Programm verfolgt das Ziel, Kindern aus Familien mit besonderen Zugangshürden und "mit oder ohne Fluchthintergrund" den Zugang zu frühkindlicher Bildung und Betreuung zu erleichtern.

"Die Klientel des Familienzentrums ist nur ein Ausschnitt dessen, was vom MGH insgesamt betreut wird", erläuterte Schneider und betonte, dass er voll und ideell das MGH und die Arbeit der Ehrenamtlichen dort unterstütze. Auch unterstützt der Landkreis zusammen mit der Stadt Haßfurt und dem BRK das MGH finanziell.

Die Aufgabe des Familienzentrums sei, einen niederschwelligen Zugang zu Familien mit Kleinkindern zu schaffen, um möglichst frühzeitig an diese auf freiwilliger Basis heranzukommen. So könne man früh eingreifen, wenn sich Schwierigkeiten abzeichnen sollten. Überschneidungen lassen sich laut Schneider nicht ausschließen, aber das Familienzentrum sei ganz und gar nicht auf Migrationsfamilien konzentriert. "Ich sehe das Familienzentrum als Ergänzung, das einen ganz anderen Schwerpunkt hat als das MGH", so Schneider.

Familien mit Unterstützungsbedarf seien die Zielgruppe des Familienzentrums. Aber dieses müsse das Angebot offen gestalten, so dass der Zugang für alle möglich sei. Wenn man merke, dass Besucher im Hinblick auf Belange des Jugendamtes keinen echten Bedarf haben, werde zum MGH vermittelt, von dem die Familien das Angebot bekommen, das benötigt werde.

Greet Drews, eine seit fünf Jahren engagierte Ehrenamtliche im MGH, hielt dem Landrat vor, dass sie stinksauer sei über dessen Aussage in einer Kreistagssitzung, dass alle Ehrenamtlichen nicht qualifiziert seien. "Das habe ich so nie gesagt", wehrte sich Schneider gegen die Behauptung und fügte hinzu, dass er gesagt habe, dass bei Familien, die Bedarf haben, Profis ran müssen, und das gehe nur institutionell.

Ursula Saalberg, die Leiterin des Familienzentrums am Landratsamt, stellte die Aufgaben des Jugendamtes vor, die das Familienzentrum durchführt. So sei dies die koordinierende Kinderschutzstelle, psychologische Beratung, Qualifizierung von Tagesmüttern und Beratung durch Familienhebammen. 2017 kam das Programm "Kita-Einstieg" hinzu, so Ursula Saalberg, mit dem Ziel, Kinder frühzeitig in institutionelle Einrichtungen zu bekommen. Das Familienzentrum biete auch Kurse an, die sich mit denen des MGH überschneiden - und die das strittige Thema darstellten. "Die Kurse dienen nur dazu, um diesen Zugang zu haben", bat sie zu bedenken.

Dr. Arman Behdjati-Lindner ist seit der ersten Stunde im MGH dabei und fühlte sich vom Landrat ein bisschen verlassen, der ja auch Rot-Kreuz-Kreisvorsitzender ist und somit das Oberhaupt der Ehrenamtlichen. Behdjati-Lindner sagte, ihm lägen Briefe an Flüchtlingsfamilien vor, in denen es heiße: "Kommt zu uns (Familienzentrum), wir haben ein Geschenk für Euch."

Die Baby-Willkommenspakete gebe es schon seit dem Jahr 2000, erklärte der Landrat. Frischgebackene Eltern würden im Rahmen des Erstkontaktes angeschrieben. Seit dem Bestehen des MGH sei ein Wegweiser neu aufgelegt, ergänzte Ursula Saalberg, der dem Willkommenspaket beiliegt und über alle Angebote die es gibt, informiere.

"Bislang haben wir sehr gut mit dem Jugendamt zusammengearbeitet", sagte MGH-Leiterin Gudrun Greger. Mitarbeiter des Jugendamtes seien in das MGH gekommen und man habe gemeinschaftlich Projekte gestartet. Mit der Schaffung des Familienzentrums sei dies beendet worden, so Greger. Aus ihrer Sicht wird das Engagement der Ehrenamtlichen somit nicht mehr wertgeschätzt. Einem gut funktionierenden System (dem MGH) würden von einer staatlichen Behörde (Landratsamt) Parallelstrukturen gegenüber gestellt, die durch Bundesmittel finanziell gefördert werden, sagte Greger und forderte eine Abschaffung der Doppelstruktur.

Entwurf ist fertig

Acht Mal habe man bereits zusammengesessen und sich mittlerweile auf etwas geeinigt, das aber noch nicht Thema in der letzten Jugendhilfeausschusssitzung war, erklärte Schneider. "Wir wollten erst das heutige Gespräch abwarten." Der Entwurf sei aber fertig und unterschriftsreif. Möglichst ab 1. Juli sollten von den vier halben Arbeitsstellen des Familienzentrums zwei an das MGH übertragen werden. Vorher müsse noch der Jugendhilfeausschuss zustimmen. Mit dieser Regelung, die von den Anwesenden als positiv aufgenommen wurde, könne man Überschneidungen im Angebot ausregeln.

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