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Kulmbach

Kommen Kulmbacher Entführer frei?

Die vier Verteidiger gehen von einem atypischen Fall aus: Nach einer missglückten Schleusung waren viele Emotionen im Spiel. Die Staatsanwältin forderte dagegen lange Haftstrafen für die Angeklagten.
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Im Kulmbacher Entführungsfall wurde gestern plädiert. Die Strafkammer des Landgerichts Bayreuth verkündet heute ihr Urteil.  Foto: Stephan Tiroch
Im Kulmbacher Entführungsfall wurde gestern plädiert. Die Strafkammer des Landgerichts Bayreuth verkündet heute ihr Urteil. Foto: Stephan Tiroch

Gut möglich, dass die Kulmbacher Entführer heute das Gerichtsgebäude in Bayreuth als freie Männer verlassen. Oder sie müssen nur noch eine kurze Haftstrafe verbüßen, bevor sie auf Bewährung entlassen werden. Denn heute verkündet die Strafkammer des Landgerichts ihr Urteil.

Den vier Iranern - drei aus Köln, einer aus Braunschweig - wird am Landgericht Bayreuth der Prozess gemacht. Angeklagt sind sie wegen erpresserischen Menschenraubs. Drei von ihnen sitzen bereits seit elf und der vierte seit zehn Monaten in Untersuchungshaft.

Die Angeklagten haben zugegeben, vor einem Jahr in Kulmbach einen Landsmann entführt zu haben. Beim Bahnübergang in der Kronacher Straße brachten sie den 38-Jährigen in ihre Gewalt und ließen ihn erst nach dreieinhalb Stunden um 22 Uhr in Offenbach wieder laufen. Ihr Motiv: Sie wollten von dem Mann, der nicht, wie ausgemacht, Angehörige und Freunde aus dem Iran nach Deutschland geschleust hatte, Geld zurückhaben: 5200 und 1500 Euro. Für Selbstjustiz ist im Rechtsstaat aber kein Platz.

Das Opfer gab an, während der Fahrt auf der Autobahn geschlagen und mit Messern verletzt worden zu sein. Bis heute, so der Nebenkläger, leide er unter Angstzuständen.

Schleuserhintergrund

Das Gericht geht davon aus, dass die Tat vor dem erwähnten Schleuserhintergrund stattgefunden hat. Es spreche viel dafür. Vorsitzender Richter Bernhard Heim teilte mit, dass in Weiden gegen den Kulmbacher ein Strafverfahren wegen Schleusertätigkeit läuft. Er sei jedenfalls "nicht das typische Entführungsopfer", so Heim.

Die Strafkammer hatte bereits am vorletzten Verhandlungstag angedeutet, dass der erpresserische Menschenraub mit einer Mindeststrafe von fünf Jahren wohl nicht nachzuweisen sein wird. Eventuell komme Geiselnahme in Betracht. Gestern nun der erneute rechtliche Hinweis, dass die Männer - abweichend von der Anklage - auch wegen schweren Raubs, Freiheitsberaubung und versuchter Nötigung verurteilt werden könnten.

Staatsanwältin bleibt hart

Als erste plädierte gestern Staatsanwältin Janina Leinhäupl. Sie verfolgte eine harte Linie und sah keinen Anlass für Strafmilderung. Die gemeinsame Tat sei von allen vier Angeklagten "vollumfänglich gebilligt" worden. Jeder hätte aussteigen und sagen können: "Halt, es reicht." Der Tatbeitrag sei allerdings unterschiedlich.

Leinhäupl hielt den Iranern zugute, dass sie sich entschuldigt, Reue gezeigt und bei einem Täter-Opfer-Ausgleich 6000 Euro Schmerzensgeld gezahlt hätten. Es liege eine Spontantat vor, bei der "alles erst ins Laufen kam". Es müsse allerdings die rabiate Vorgehensweise gesehen werden, die psychische Belastungen des Opfers und von dessen Freunden, die von den Entführern angerufen wurden. Wenn sie das geforderte Geld nicht bezahlen, komme der Mann nicht lebend davon. Eine Frau habe angegeben, dass ihre Kinder immer noch Angst haben, auf die Straße oder zur Schule zu gehen.

Die Staatsanwältin forderte lange Haftstrafe: vier Jahre für den Fahrer der schwarzen Limousine (33) und drei Jahre und zehn Monate für den Iraner aus Braunschweig (25) wegen schweren Raubs in Tateinheit mit erpresserischem Menschenraub und vorsätzlicher Körperverletzung; jeweils vier Jahre und zehn Monate für den Bruder des Fahrers (34) und den Pizzabäcker (29), der damals den Kontakt zu dem Schleuser in Kulmbach hergestellt hatte, wegen erpresserischen Menschenraubs in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und schwerem Raub.

Verunsicherung

Dass ein Mann auf offener Straße in Kulmbach in einen Wagen gezerrt und entführt worden sei, "hat zu einer großen Verunsicherung in der Bevölkerung geführt, das kann nicht hingenommen werden", stellte der Vertreter des Nebenklägers, Rechtsanwalt Ralph Pittroff aus Kulmbach, fest. Sein Mandant habe immer noch Angst, aber die Entschuldigung der Angeklagten angenommen und "kein großes Strafverfolgungsinteresse mehr". Pittroff ging von einem minder schweren Fall aus und meinte, dass die Strafe unter der Forderung der Staatsanwaltschaft liegen könne.

Die vier Verteidiger waren sich einig, dass hier ein ganz und gar atypischer Fall vorliegt. In den Köpfen der Angeklagten sei der Gedanke verankert gewesen, dass sie einen Rückzahlungsanspruch hätten. "Sie wollten sich nicht zu Unrecht bereichern. Sie wollen nur das Geld zurückhaben, weil die Gegenleistung nicht erbracht worden war", sagte Rechtsanwalt Andreas Angerer, Köln.

Weiter sagte er: "Die vier Angeklagten sind garantiert keine Schwerverbrecher oder Höchstkriminellen." Sie hätten keine schwere Straftat geplant, sonst wäre sein Mandant nicht mit dem eigenen Auto nach Kulmbach gefahren. Er sei wegen Freiheitsberaubung und versuchter Nötigung zu verurteilen, so Angerer. Strafmaß: ein Jahr und sechs Monate.

Um eine Freiheitsstrafe mit Bewährung bat Rechtsanwalt Johannes Hock, Mainz, für seinen Mandanten, den 25-jährigen Kraftsportler und dreifachen Weltmeister im Powerlifting. Der Verteidiger verwies auf die Gesamtumstände des Falles, die eine Absenkung des Strafrahmens hergeben. Denn die Gegenüberstellung von den bösen Tätern und vom armen Opfer gelte hier nicht: "Die Täter waren nicht ganz so böse und das Opfer nicht ganz so gut."

Er überlege sich, so der Verteidiger, wie es rüberkommt, dass ein Schleuser neben dem Geld, für das er nichts gemacht hat, auch noch 6000 Euro bekommt.

Familie allein im Wald

Ihr Mandant, so Rechtsanwältin Yeter Kaplan aus Köln, sei nach Kulmbach nur wegen seines schlechten Gewissens mitgefahren, weil er den Kulmbacher Schleuser vermittelt hatte. Es seien viele Emotionen im Spiel, sagte sie: "Bei der missglückten Schleusung wurden eine Familie, Frau und Kinder allein in einem Wald in Rumänien zurückgelassen. Ich möchte nicht wissen, was deren Familien durchgemacht haben." Der 29-jährige Pizzabäcker habe von Anfang bei der Aufklärung des Sachverhalts mitgewirkt. Sie sprach sich für eine milde Strafe aus: "Bewährung muss drin sein."

Rechtsanwalt Frank Seebode, Köln, verwies darauf, dass sein Mandant zufällig dazugekommen und spontan ins Auto eingestiegen sei. "Er wollte nur seinen Bruder begleiten und das ihnen zustehende Geld zurückholen", sagte der Verteidiger. Der 34-Jährige ("Ihm geht es ausgesprochen dreckig in der U-Haft") habe "einen Riesenfehler" begangen: "Er hatte bisher nichts mit Gewalt zu tun." Er habe sich dem Verfahren gestellt und sei nicht abgehauen, als die drei Mittäter vor ihm verhaftet wurden. Seebode sprach von einem minder schweren Fall, stellte aber keinen konkreten Strafantrag.

Das Urteil wird heute verkündet.