Kulmbach

Kollegen auf den Nerv gebohrt

Der in Kulmbach aufgewachsene Hanns-Werner Hey hat in den 1970er Jahren als Kritiker zahnärztlicher Behandlung bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Im letzten Teil seiner Erinnerungen lässt er die Zeit lebendig werden.
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Der Zahnarzt Hanns-Werner Hey 2005 bei der Behandlung eines Patienten im indischen Himalaja-Gebiet Ladakh. Fotos: privat
Der Zahnarzt Hanns-Werner Hey 2005 bei der Behandlung eines Patienten im indischen Himalaja-Gebiet Ladakh. Fotos: privat
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Wolfgang Schoberth Am 27. April 1972 öffnet Hans-Werner Hey einen Sambuca und trinkt einen auf Willy. Gerade ist Rainer Barzel mit seinem Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt gescheitert. Brandt kann seine Ostpolitik mit der Anerkennung der Oder-Neiße als endgültiger Grenze fortführen, ebenso die Aussöhnung mit Polen, für die er mit seinem Kniefall vor dem Warschauer Getto ein starkes Zeichen gesetzt hat.

Heys Vater Oswin lehnt diese Politik ab, zu schmerzhaft sind seine Erinnerungen an die frühere Heimat. Er sträubt sich lange Zeit, Polen zu betreten: "Ich möchte Schlesien so in Erinnerung behalten, wie wir es verlassen haben."

Rührende Begegnung

Und dann fahren sie doch: Hanns-Werner Hey mit eigenem Auto von München aus, seine Eltern von Kulmbach aus mit einer Reisegesellschaft. Was sie dort erleben, überrascht sie alle. Der in Kulmbach aufgewachsene Zahnarzt Hans-Werner Hey hat gerade den dritten und letzten Teil seiner Erinnerungen "Anfangs, später und gestern" vorgelegt. Wie schon in den ersten beiden Bänden verschmelzen Zeit- und Familiengeschichte. Und wie dort schreibt Hey lebendig, frisch und witzig.

Man spürt, dass er viel journalistisch gearbeitet hat und wirkungsvolle Pointen zu setzen vermag. So auch bei der Beschreibung der Schlesienfahrt: Die Familie begibt sich in Breslau, Schweidnitz, Königzelt auf Spurensuche. In Kleinmerzdorf besucht sie einen Bauernhof, der Freunden gehört hat.

Das verfallene Gemäuer wird von einer polnischen Familie bewohnt, die 1945 von den Kommunisten aus Ostpolen nach Schlesien umgesiedelt worden ist. Das Gespräch der Eltern mit den alten Leuten verläuft rührend. Sie sprechen herzlich und vertraut miteinander, verbunden durch ähnliche Erfahrungen beiderseits der Grenze. "Als wir in den Wagen steigen", so schreibt Hey, "überreicht die Bäuerin Mutter eine Handvoll Birnen. Sie soll sie der früheren Besitzerin mitbringen ... und ihr sagen, sie kann hierher kommen und Urlaub machen." Danach ist sein Vater ein anderer.

Hat der erste Teil von Heys Autobiografie ("Der Mann ohne Kopf") den schwierigen Anfang der Flüchtlingsfamilie in Kulmbach beschrieben, den Kampf der Eltern, eine Zahnarztpraxis aufzubauen, und seine eigene Schulzeit bis zum Abitur 1960 am MGF-Gymnasium, der zweite Teil ("Übergänge") seine Studienjahre als Zahnmediziner, so stehen im dritten Teil seine Erfahrungen als Kassenarzt in München im Mittelpunkt.

In den 1970er Jahren erregt Hey als Großkritiker der Zahnmedizin Aufsehen. In seinem Buch "Die kranke Apollonia" 1977 spricht er die Mängel in der zahnärztlichen Behandlung und Prophylaxe aus. Mit seiner dreiteiligen Spiegel-Serie "Gutes Geld für schlechte Zähne" (1979) bringt er seine Standesgenossen gegen sich auf.

Vollends zur Hassfigur wird er, als das Magazin "Stern" im März 1979 Auszüge in reißerischer Manier nachdruckt: "Das faule Geschäft mit den Zähnen - wie unsere Zahnärzte Milliarden machen." Boulevardblätter wie die "Hamburger Abendzeitung" heizen die Stimmung weiter an: "Münchner schlägt Alarm: die Zahnärzte bohren sich eine Goldgrube." Ausführlich stellt Hey dar, wie hemmungslos einige Kollegen zurückschlagen. Er wird am Telefon als "Arschloch und Scheißkerl" beschimpft und der Bestechlichkeit bezichtigt: "Was haben Ihnen Stern und Spiegel dafür bezahlt?" Der zahnärztliche Bezirksverband München kündigt ein Berufsgerichtsverfahren gegen ihn an.

Nach 35 Jahren Tätigkeit als Kassenarzt schließt Hey seine Praxis in München und bereist mit seiner Frau Karla die halbe Welt. Ab 2005 stellt er sich neuen Herausforderungen und leistet zahnmedizinische Entwicklungshilfe im indischen Bundesstaat Ladakh, in Äthiopien und Kirgistan.

Über den Zaun geworfen

So glatt die Praxis-Abgabe in München verläuft, die Übergabe der Zahnarztpraxis seiner hochbetagten Eltern in Kulmbach (Langgasse 16) war es nicht. Auf ein Inserat in der Zeitung 1975 meldete sich nur ein Interessent auf einer Postkarte ohne Anrede: "Teilen Sie mir Scheinzahl und Umsatz mit." Da er der einzige blieb, mussten Elisabeth und Oswin Hey die Ablösesumme von 2000 Mark schlucken statt der erwarteten 17 000 Mark für Ausstattung, Geräte und Zulassung. Der Sohn kommentiert: "Endgültig gedemütigt fühlten sich die Eltern, als sie nach der Übergabe ihr Praxisschild auf dem Rasen der Hollergasse 8 fanden - kommentarlos über den Zaun geworfen."

"Was bleibt?", so fragt sich der 80-Jährige am Ende seiner 800-seitigen Erinnerungen. Die großen Kämpfe sind ausgestanden. Er ist dankbar für ein gutes, vielfältiges Leben in Freiheit, das nie wie das Leben seiner Eltern fremdbestimmt war durch zwei Kriege, Willkür und Vertreibung. Was ihm jetzt noch wichtig ist: den beiden Enkeln Paul und Luis Mut für die Zukunft zu machen, die positive Sicht auf die Welt zu stärken trotz bedrohlicher Entwicklungen rundum. "Helft mit, die Welt lebenswert zu erhalten", ermutigt er sie.

Die letzten Sätze seiner Erinnerungen klingen heiter und humorvoll: "Ich schaue ihnen beim Fußball zu, wie sie miteinander spielen und verbissen kämpfen. Wenn sie überhaupt keinen finden, stelle ich mich ab und zu noch einmal ins Tor, doch auch auf diesem Posten bin ich nicht mehr geschickt genug - dann werfen die beiden die Hände in die Luft und ich hole den Ball hinter dem Tor ohne Netz weit hinter der Wiese. Aber ich lasse mir Zeit, schließlich bin ich ja ein Opa."

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