Bayreuth
Bayreuther Festspiele (II)

Klaus Florian Vogts "Lohengrin" zaubert überirdisch zarte Glücksmomente

War das Festspielhaus schon bei der Eröffnung am Donnerstag ein Backofen, so schien der tags darauf noch höher geschaltet. Denn bei der "Lohengrin"-Wiederaufnahme waren die Temperaturen gefühlt gerade...
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Klaus Florian Vogt in der Rolle des Lohengrin Foto: Festspiele
Klaus Florian Vogt in der Rolle des Lohengrin Foto: Festspiele

War das Festspielhaus schon bei der Eröffnung am Donnerstag ein Backofen, so schien der tags darauf noch höher geschaltet. Denn bei der "Lohengrin"-Wiederaufnahme waren die Temperaturen gefühlt geradezu lähmend hoch. Kein Wunder: Die Inszenierung von Yuval Sharon wirkt in ihrem zweiten Jahr noch statischer, nichtssagender, marginaler.

Dass dennoch am Ende gejubelt wurde, hat damit zu tun, dass es nicht wenige Opernfreunde gibt, die schon dadurch glücklich zu machen sind, wenn sie schöne Stimmen und Musik in schöner Ästhetik geliefert bekommen. Genau das leistet die Produktion dank ihrer hohen musikalischen Qualität und der Bühnenbilder und Kostüme von Neo Rauch und Rosa Loy.

Man kann eintauchen in eine ferne, märchenhaft-technoide Welt, in der die Farbe Blau dominiert, stufenweise kontrastiert von der Komplementärfarbe Orange - und einem i-Tüpfelchen in Grün. Leider hat diese Mischung aus neoromantischer Architektur des frühen Elektrifizierungszeitalters mit holländischer Malerei des 17. Jahrhunderts und surrealistischen Elementen keine Tiefenwirkung.

Was daran liegt, dass der Regisseur, der in ein fertiges Bildkonzept einspringen musste, daraus nichts zu machen wusste.

Es ist eine Inszenierung, die nur behauptet und nichts begründet. Man sieht zwar, dass Frauen in Brabant schnell auf dem Scheiterhaufen landen, aber erklärt das schon die Fesselung Elsas durch Lohengrin im 3. Akt? Bis auf wenige Momente ist eine Personenführung, die über Opernklischees und -standards hinausgeht, nicht erkennbar. Geschweige denn ein schlüssiges Konzept.

Wenn man die meiste Zeit damit verbringt, sich meditativ in die langsam vorbeiziehenden Wolken und Schilfkulissen sowie in neckische Kostümdetails zu vertiefen, wenn schon der Verlust eines Flügels - die Hauptfiguren sind alle beflügelt - und das Vertuschen der kleinen Panne ereignishaft wirkt, ist klar: Es tut sich sonst nicht viel auf der Bühne!

Schlimmer noch das manierierte Gestenvokabular in diesen "lebenden Bildern". Warum die Choristen mal eingefroren herumstehen und mal nicht, erschließt sich nicht. Und erst recht nicht, warum der sonst so steife König das Volk plötzlich anheizt wie ein Animateur im Ferienclub. Wenigstens wirkt die Brautbettszene heuer nicht so brutal wie im Vorjahr.

Vielleicht liegt das daran, dass Klaus Florian Vogt den Quatsch nicht Eins zu Eins nachmachen wollte. Der Wagnertenor, der seit 2007 für die lyrischeren Rollen in Bayreuth zuhause ist, gibt heuer neben dem Stolzing dreimal den Lohengrin, alternierend mit Pjotr Beczala, der auch die zwei Aufführungen mit Anna Netrebko als Elsa singt (über die gesondert berichtet wird). Vogt wurde in seiner Paraderolle trampelnd gefeiert, denn er kann heldisch glänzen und mit seiner zuweilen knabenhaft wirkenden Stimme an den richtigen Stellen überirdisch zarte Glücksmomente zaubern. Camilla Nylunds neue Elsa hat ein schönes Piano, allerdings wirkt ihr Sopran im Ausdruck meistens zu pauschal und nicht kräftig genug.

Zumal Elena Pankratova als neue Ortrud mit ihrem Mezzosopran das Haus mühelos füllt. Georg Zeppenfelds König ist wie gehabt nobel, Tomasz Koniecznys Telramund hingegen grob. Die Hauptsache sind aber ohnehin der prachtvolle Festspielchor unter Eberhard Friedrich und das Festspielorchester unter Christian Thielemann. Die raumgreifenden großen Bögen gelingen ebenso wie die filigranen Streicherklänge, in denen so viel silbrig-zarte Sehnsucht liegt, dass man die Wehklage am Ende trotz der unsinnigen Schlusslösung der Regie glaubt.

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