Kulmbach

Klapprad statt Aston Martin

"Grenz-Geheimnisse" heißt das neue Buch des Bayreuthers Peter Engelbrecht. Nun stellte er es in der Akademie für Neue Medien im Langheimer Amtshof vor.
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In seinem Buch porträtiert Peter Engelbrecht auch mehrere Agenten der DDR. "Sie sahen unauffällig aus", sagte der Experte. Foto: Stephan Stöckel
In seinem Buch porträtiert Peter Engelbrecht auch mehrere Agenten der DDR. "Sie sahen unauffällig aus", sagte der Experte. Foto: Stephan Stöckel
Das Buch trägt seinen Namen zu Recht, wirft es doch Schlaglichter auf ein bislang weitgehend unbekanntes Kapitel der Geschichte der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Die geheimen Aktivitäten der DDR-Spionage ruhten bis vor kurzem als Verschlusssache in einem Glasschrank im Lesesaal des Coburger Staatsarchivs.
Statt Aston Martin fuhr der James Bond des Ostens in den 80er Jahren Klappfahrrad. Er kam auch nicht mit Anzug und Krawatte daher, sondern bevorzugte einen ganz anderen Kleidungsstil, den Engelbrecht folgendermaßen beschrieb: "Am 2. Oktober 1989 wurde im Landkreis Coburg ein Ost-Spion getarnt als Urlauber mit Wanderkarte, Fahrradpacktasche und Fotoapparat mit gefälschtem West-Berliner Reisepass von der Grenzpolizei festgenommen, weil er sich verdächtig verhielt. Ein anderer war mit Kniebundhosen unterwegs. Es waren junge, sympathische Männer, die sich unauffällig verhielten." Ihr Ziel sei es gewesen, nachrichtendienstliche Aufträge in den Bereichen Wirtschaft, Rüstung, Forschung und Entwicklung für die DDR durchzuführen.
Engelbrecht hat für sein Buch auch Akten aus der Jahn-Behörde in Gera ausgewertet. Aus diesen geht hervor, dass 1989 pro Monat sieben bis zwölf Schleusungen stattgefunden haben. "Die Agenten der DDR wurden mit Klapprädern durch Klappen im Metallgitterzaun geschleust", erläuterte Engelbrecht. Die Zahl der Schleusen entlang der deutsch-deutschen Grenze im Bereich Kronach-Hof bezifferte der Autor auf 16. Auch die westliche Seite kommt in seiner Recherchearbeit nicht zu kurz. Den Ausführungen des Referenten zufolge saß der amerikanische Nachrichtendienst NSA mit auf dem Schneeberg im Fichtelgebirge und lauschte gen Osten. "Das ist aus den Dokumenten des US-Whistleblowers Edward Snowden sowie aus schriftlichen Aussagen eines US-Abhörers in Hof ersichtlich", sagte Engelbrecht.
An der innerdeutschen Grenze wurden zwischen 1983 und 1987 mehrfach von Beamten des Bundesgrenzschutzes unbekannte Flugobjekte gesichtet. Der Grenzschutz ermittelte jahrelang ergebnislos. Nach Einschätzung Engelbrechts könnte es sich um Wetterballons oder um Leuchten zur Orientierung für militärische Flugzeuge gehandelt haben. "Die ganze Angelegenheit ist sehr rätselhaft, da die von mir befragten Beamten des Bundesgrenzschutzes und der Grenzpolizei nichts von Ufos wussten", stellte der Referent fest.
Als Zeitzeuge meldete sich der ehemalige Trebgaster Bürgermeister Siegfried Küspert zu Wort, der 40 Jahre lang beim Bundesgrenzschutz gearbeitet hatte. "Als Führer einer technischen Einheit wusste ich von den Schleusungen. Allerdings war das Gelände entlang der Grenze ein sehr unübersichtliches, das kaum zu überwachen war."
Im Anschluss an den Vortrag wurde eine Bilderausstellung mit Werken von Wolfgang Behrndt (Kulmbach), Joachim Brückner (Dresden) und Wolfgang Erbem (Rudolstadt) eröffnet. Sie zeichnet ein anschauliches und mitunter originelles Bild von der Zeit der Wende.
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