Bad Staffelstein

Kirche von den Rändern denken

Warum zieht es Harald Wildfeuer seit über zehn Jahren immer wieder in den Sommermonaten als Urlauberpfarrer nach Bad Staffelstein? Welche Ideen zur Glaubensvermittlung hat er? Wie lassen sich die in seiner kurzen Zeit hier umsetzen?
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Harald Wildfeuer ist seit vergangenem Donnerstag die Vertretung für Pfarrer Helmuth Bautz. Foto: Niklas Schmitt
Harald Wildfeuer ist seit vergangenem Donnerstag die Vertretung für Pfarrer Helmuth Bautz. Foto: Niklas Schmitt

Niklas Schmitt Auch in diesem Jahr wird Pfarrer Helmuth Bautz im Sommer wieder von Harald Wildfeuer vertreten. Bereits zum zehnten Mal ist der Würzburger vier Wochen lang Kur- und Urlauberpfarrer in Bad Staffelstein.

Wildfeuer, der seit vier Jahren die Fachakademie für Sozialpädagogik in Schweinfurt leitet, hat einen guten Draht zur Kurstadt: "Ich bin auch als Urlauber gerne hier." Er spricht von einer Doppelrolle, die er erfüllt: Urlauber und Pfarrer.

Dabei ist es nicht alleine der Gottesgarten, der ihn an Stadt und Region begeistert; nicht nur die Natur, die er mittlerweile mit dem Rad erkundet, oder der Staffelberg, auf den es ihn immer wieder zieht. "Es ist fast ein Glücksfall hier, dass es diesen Kurbetrieb gibt."

Denn dieser sei verankert in der Region und bilde keine eigene, abgetrennte Welt. Beide Seiten würden sich gegenseitig durchdringen und so ein lebendiges Miteinander schaffen.

Das ist Wildfeuer wichtig, schließlich gehen auch die zahlreichen Kirchenaustritte nicht gedankenlos an ihm vorbei. Er weiß um die Sondersituation, in denen sich viele Gäste befänden und stellt sich die Frage, wie die Kirche auf die gesellschaftlichen Veränderungen reagieren kann.

Ein besonderes Erlebnis für viele

"Wie nimmt jemand, der heute in der Gesellschaft lebt, die Kirche wahr?" Wildfeuer ist der Perspektivwechsel wichtig. Er will keine Lösungen von oben herab verordnen, sondern den Gästen Möglichkeiten bieten. Denn in den Phasen der Ruhe im Urlaub oder in der Kur stellten sich oft existentielle Fragen.

"Die Kirche ist interessanter an ihren Rändern als in ihrer Mitte", sagt er. Die Kurseelsorge ist für ihn ein solcher Randbereich, der nicht durch Sonntagsgottesdienste, Pfarrfeste und das Kirchenjahr gleich strukturiert ist. Viele Menschen brauchten diese Rhythmen einfach nicht mehr, weil sie, zumal in Großstädten, anders lebten. Aber die brauchen auch eine Erfahrung mit Gott, meint Wildfeuer.

Wenn er an einem Mittwochmorgen im Kurpark steht und zum Morgengebet einlädt, ist jeder willkommen. Der Pfarrer erzählt davon, wie manche zuerst etwas schüchtern von weiter weg den Menschenkreis betrachteten und sich dann langsam interessiert näherten. Manche kämen wieder, manche erzählten ihm einige Zeit später von Sätzen, die er gesagt hat und die sie gestärkt hätten.

Es sei zwar keine Party, die er veranstalte, aber doch ein besonderes Erlebnis für viele - vielleicht sogar eine religiöse Erfahrung, meint Wildfeuer. Aber nicht, weil er diese herbeiführt, sondern weil die Gäste es selbst so definieren. "Sie empfinden es als Erlebnis und als gute Erfahrung", berichtet Wildfeuer von der Rückmeldung, die er erhält.

Da ist er wieder, der Mensch, den der Pfarrer in den Mittelpunkt stellt. Für den will er Möglichkeiten schaffen, die für den einzelnen offen interpretierbar bleiben. Offener seien auch die Kurgäste, die in besonderen Lebenssituationen neu mit der Kirche in Berührung kämen.

Dabei ist sein Konzept von Kirche, wenn er sich zwanglos mit Gläubigen im Kurpark trifft, ein ganz altes. Auch Paulus habe auf dem Markt von Gott erzählt, die Strukturen, Rituale und Kathedralen kamen erst später. Die Kirche müsse sich heute differenzierter darstellen, meint Wildfeuer und sagt: "Die Kirche muss sich als Kirche im Vollsinn verstehen." Die Ecclesia Triumphans sei in der pluralen Gesellschaft in der Krise.

Neben dem Perspektivwechsel ist Wildfeuer einfach wichtig, neben seiner beruflichen Tätigkeit, auch mal wieder als Pfarrer tätig zu sein. Das Prinzip, mit dem er in Zusammenarbeit mit Pfarrer Bautz an seine vier Wochen in der Kurstadt herangeht, hat sich seit dem Anfang nicht verändert.

Gut vorbereitet ist er, offen für Überraschungen und bereit, hier und da etwas zu riskieren. So ist der Zuspruch zum Mondscheinspaziergang zum Staffelberg von Jahr zu Jahr gewachsen. Waren am Anfang noch rund 30 Interessierte mit dabei, habe sich die Zahl der Teilnehmer mittlerweile fast verzehnfacht. Das komme aus dem Bewusstsein, dass dort etwas anderes gemacht würde.

So versucht er, ein breites Angebot neben den Gottesdiensten und Sprechstunden zu schaffen. Von Vorteil sei, dass die Kirchengemeinde und Kurseelsorge organisatorisch getrennt seien. Der Pfarrer fragt sich aber auch, was er überhaupt leisten kann. Lieber mache er etwas weniger, das dafür aber dann gut.

Wildfeuers Ziel ist es, die Menschen abzuholen, sie in ihrer Lebenswelt aufzusuchen. Dadurch fühlten sich die Menschen ernstgenommen und seien auch bei den Predigten anders dabei. Das müsse sich auch bei den großen Kirchen ändern, sagt Wildfeuer. "Das ist eine andere Haltung dahinter und da ist der Unterschied."

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