Coburg

"Keine Geschmacksfrage!"

Die ersten Entwürfe über ein mögliches Hotel am Anger erregen die Gemüter. Designprofessor Michael Heinrich hat über die Auswirkungen von Ästhetik auf Gesundheit und Wohlbefinden promoviert. Beim Entscheidungsfindungsprozess bietet er die Unterstützung der Hochschule Coburg an.
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Nach welchen Kriterien entscheidet der Stadtrat, ob dieses oder jenes Gebäude genehmigt wird? Ist ein Bebauungsplan die einzige Handhabe, die als Argumentationshilfe zur Verfügung steht, oder spielt auch der persönliche Geschmack der einzelnen Stadtratsmitglieder eine Rolle?

Professor Michael Heinrich von der Fakultät Design an der Hochschule beschäftigt sich seit Jahren mit den Wirkungen von ästhetischer Umfeldqualitäten auf die menschliche Wahrnehmung. Im vergangenen Jahr hat er zum Thema "Metadisziplinäre Ästhetik" promoviert.

Jetzt hat er sich in die aktuelle Diskussion um das geplante Hotel am Anger zu Wort gemeldet und bietet beim Entscheidungsfindungsprozess die Unterstützung der Hochschule an.

"Die Interessensabwägung für ein umfangreiches innerstädtisches Bauvorhaben - wie etwa die Angerbebauung - ist natürlich ein komplexer Entscheidungsfindungsprozess, bei dem jedes Kriterium im Sinne des kommunalen Allgemeinwohls gewichtet werden muss", stellt er zunächst klar fest.

Professor Heinrich, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Pläne in der Zeitung sahen?

Prof. Michael Heinrich: Ein "Entwurf" für ein Anger-Hotel, wie es am Freitag veröffentlicht wurde, erschreckt zunächst durch seine völlige gestalterische Indifferenz dem städtischen Umfeld und seinen Funktionen gegenüber. Dabei fällt einmal mehr auf, dass ästhetische Beurteilungskriterien kaum sachlich, öffentlich und transparent reflektiert werden.

Wie erklären Sie sich das?

Dies ist aus der Tradition heraus verständlich, dass es lange Zeit keinen geschlossenen, wissenschaftlich begründeten Referenzrahmen für ästhetische Bewertung gab. Architekturgestaltung und Gestaltungsdiskussion folgen daher häufig ideologisch gefärbten Trends, sei es einer neomodernen funktionalistischen Dogmatik einerseits oder einer rückwärtsgewandten Vergangenheitsidealisierung andererseits; die ästhetische Ratlosigkeit von Entscheidungsgremien endet dann häufig darin, dass dem ökonomischen Pragmatismus des Bauherren nichts entgegengesetzt wird.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel aus Coburg?

Wenn Sie vom Festungsberg auf Coburg schauen, fällt auf, dass die sensible Stadtsilhouette an einigen Stellen durch Punkthochhäuser durchbrochen wird, die den Typ der geschichteten Kiste sowohl innerhalb der Stadt (Hindenburgstraße) als auch in den Randbezirken ohne Rücksichtnahme auf Landschaftslinien, benachbarte Gebäudekonturen oder Bautypologien als uniformierte Lösung präsentieren. Diese Bezugslosigkeit gegenüber Kontexten ist im Sinne mehrerer wahrnehmungspsychologischer Konstanten sehr fragwürdig. Es gibt viele ästhetisch-gestalterische Parameter, mit denen man Kontextbezüge sehr zeitgemäß inszenieren kann, ohne historisierend werden zu müssen. Solche Sensibilität zeichnet gute historische, aber auch gute zeitgemäße Architektur aus.

Gibt es denn Kriterien, auf die sich Entscheidungsträger stützen können - mal abgesehen von irgendwelchen Bauordnungen?

Menschliche ästhetische Wahrnehmung ist keinesfalls nur eine Frage des persönlichen Geschmacks. Sie folgt Gestaltbildungs- und Deutungsmustern, die nicht nur kulturell und biografisch, sondern auch biologisch verankert sind. Diese Muster gründen unter anderem auf den Funktionen neuronaler Reizverarbeitung und können durch entsprechende Fragenkataloge einzeln und funktionsbezogen abgefragt und bewertet werden.

Stehen Ihnen solche Fragenkataloge zur Verfügung und könnten Sie sich vorstellen, dass die Hochschule Coburg der Stadt hilfreiche Tipps geben kann?

Wir müssen in der Stadtplanung ästhetische Fehler der Vergangenheit - etwa mangelnde Umfeldbezüglichkeit und mehr - nicht endlos wiederholen.

In der Fakultät Design ist das Fach Psychologische Ästhetik in Zusammenarbeit mit den disziplinären Studiengängen (etwa Architektur) in der Lage, ästhetische Wahrnehmungs- und Deutungsvoraussetzungen sowie darauf begründete Fragenkataloge zur Diskussion beizusteuern.

Was bedeutet das letztendlich?

Ästhetische Ratlosigkeit und Kapitulation, Dogmenverhaftung oder auch Trendhörigkeit ist kein unabwendbares Schicksal mehr, es sei denn, sie ist eine bewusste Entscheidung zum Nicht-wissen-wollen.

Die Fragen stellte Christiane Lehmann.

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