Erlangen

Keine falsche Scham

Die Welt-Kontinenz-Woche soll auf tabuisierte Leiden aufmerksam und Betroffenen Mut machen.
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Kein Wort kommt über ihre Lippen, sie leiden lieber jahrelang still vor sich hin als die peinlichen Probleme laut auszusprechen: Bei vielen Menschen mit Inkontinenz überwiegt die Scham. Sie vertrauen sich nicht einmal Ärzten an und so wachsen sich die Symptome immer weiter aus. Dabei muss aus ein paar Tropfen in der Unterhose keine Inkontinenz entstehen - wenn rechtzeitig die richtigen Schritte eingeleitet werden. Betroffene früh zu erreichen, ihnen Hilfe anzubieten und Mut zu machen: Das ist eines der Ziele der Welt-Kontinenz-Woche, die noch bis zum 23. Juni läuft. Auch das Kontinenz- und Beckenbodenzentrum des Universitätsklinikums Erlangen beteiligt sich daran.

Den hiesigen Experten ist es ein großes Anliegen, nicht nur über die Behandlung bereits bestehender Probleme zu informieren, sondern auch Vorbeugungsmaßnahmen und konservative Therapiemöglichkeiten bei beginnender Harn- und/oder Stuhlinkontinenz vorzustellen.

"Inkontinenz ist das Hauptsymptom, aber die ersten Anzeichen für eine Beckenbodenschwäche sind vielfältig", weiß Birgit Bittorf, Ärztin an der Chirurgischen Klinik des Uni-Klinikums Erlangen. "Am offensichtlichsten ist der unkontrollierte Verlust von Urin und/oder Stuhl, aber auch immer wiederkehrende Verstopfungen sind ein Hinweis auf eine entsprechende Erkrankung."

Viele Betroffene warten viel zu lange, bis sie sich Hilfe holen. "Gerade Frauen sind den Umgang mit Binden gewohnt", weiß Mathias Winkler, Oberarzt an der Frauenklinik des Uni-Klinikums Erlangen. "Sie arrangieren sich teils über viele Jahre mit dem Tröpfeln." Dabei sollten Patienten am besten sofort kommen und erste Symptome gleich abklären lassen.

"Prophylaxe ist das A und O. Mit einer ganzen Reihe von konservativen Maßnahmen können wir außerdem viel erreichen. Operationen sind häufig erst der letzte Schritt", erklärt Verena Lieb, Oberärztin an der Urologischen und Kinderurologischen Klinik des Uni-Klinikums Erlangen

Inkontinenz vorbeugen

Funktionsstörungen von Blase und Darm treten bei beiden Geschlechtern und in jedem Alter auf. "Natürlich ist die Zahl der Betroffenen unter den Senioren am größten", bestätigt Bittorf, "aber ein gesunder Lebensstil trägt viel dazu bei, dass Inkontinenz erst spät zum Thema wird." Die Prophylaxe ist keine Zauberei: ein normales Körpergewicht, nicht rauchen, ballaststoffreiche Ernährung zugunsten einer geregelten Darmtätigkeit, ausreichende Flüssigkeitszufuhr, nicht schwer heben und körperliche Betätigung.

"Wir sprechen bewusst nicht von Sport", betont Lieb. "Es reicht, wenn Sie die Treppe statt den Aufzug nehmen und zwei-/dreimal in der Woche einen 30-minütigen Spaziergang machen. Sie müssen keine Höchstleistungen erbringen." Generell sollten Extreme vermieden werden: "Trinken Sie genug und vor allem gleichmäßig über den Tag verteilt", erläutert Winkler.

Eine volle Blase sollte außerdem immer geleert werden: "Viele Menschen sitzen das dringende Bedürfnis aus, weil sie zum Beispiel gerade Stress auf der Arbeit haben", weiß Bittorf.

Konservative Möglichkeiten

Mit Patienten, die sich selbst im Kontinenzzentrum des Uni-Klinikums Erlangen vorstellen oder von einem niedergelassenen Arzt überwiesen werden, führen die Spezialisten zunächst ein ausführliches Erstgespräch. Dabei fragen sie unter anderem ab, ob es sich um einmalige Ereignisse handelt oder um seit Jahren bestehende Probleme. "Wir bitten viele der Betroffenen, eine Zeit lang Tagebuch zu führen, um einen Überblick zu bekommen", erläutert Bittorf.

Auch vor der anschließenden Diagnostik muss sich niemand fürchten: Bei Frauen gleicht sie der normalen gynäkologischen Untersuchung. Je nach Situation führen die Ärzte Funktions- und Druckmessungen durch, spiegeln Harnblase oder Darm. Fälle, die sich tatsächlich als Funktionsstörungen der beiden Organe manifestieren, werden in der interdisziplinären Kontinenz- und Beckenbodenkonferenz gemeinsam besprochen, so dass für jeden Patienten ein individueller Behandlungsplan erstellt werden kann.

Idividuelle Behandlung

"Erst schöpfen wir die konservativen Möglichkeiten aus", sagt Winkler und nennt Beispiele: "Wir empfehlen Physiotherapie zur Aktivierung des Beckenbodens oder Biofeedbacktraining, und zur Stuhlregulation setzen wir Quellmittel wie Flohsamen ein." Viele Leiden lassen sich damit gut in den Griff bekommen.

Wenn die konservativen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, beraten die Erlanger Experten ihre Patienten hinsichtlich einer Operation. "Bei manchen Frauen senken sich - zum Beispiel infolge von Schwangerschaften, Veranlagung oder schwerer körperlicher Arbeit - die inneren Organe", erläutert Winkler. "Im Rahmen eines kleinen Eingriffs rekonstruieren wir das Beckenbindegewebe und können die Probleme so in der Regel beheben." Bei Männern tritt Inkontinenz oft nach Prostatakarzinom-OPs auf.

"Wir begleiten die Betroffenen so lange Bedarf besteht - manchmal über viele Monate und Jahre", betont Winkler. Weitere Informationen gibt es bei der Geschäftsstelle des Kontinenzzentrums unter Tel. 09131/85-42660. red

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