Bamberg
Unser Thema der Woche // GLEICHBERECHTIGUNG

Kein politischer Auftrag mehr?

Mitglieder bei "Uferlos" sind froh, dass sie kaum mehr Anfeindungen ausgesetzt sind. Entsprechend geht es bei der Vereinsarbeit meist um gemeinsame Unternehmungen. Doch problemlos lebt es sich als Homosexueller noch immer nicht.
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Bei der Gleichberechtigung von Homosexuellen hat sich laut Uferlos-Mitgliedern in den vergangenen Jahren viel getan. So dürfen etwa gleichgeschlechtliche Paare seit 2017 standesamtlich heiraten. Doch viele haben noch immer mit Problemen zu kämpfen.  Symbolbild: Britta Pedersen/dpa
Bei der Gleichberechtigung von Homosexuellen hat sich laut Uferlos-Mitgliedern in den vergangenen Jahren viel getan. So dürfen etwa gleichgeschlechtliche Paare seit 2017 standesamtlich heiraten. Doch viele haben noch immer mit Problemen zu kämpfen. Symbolbild: Britta Pedersen/dpa

Markus Klein Gespräche über Fasching, den nächsten gemeinsamen Urlaub, witzige Geschichten über Bekannte, Speisekarten-Tipps, glückseliges Zuprosten: Die 15 Männer um die drei zusammengeschobenen Kneipentische im "Ölkännla" könnte man für einen Kegel- oder Fußballverein halten. Wobei die Fahne in der Mitte des Tischs keine Vereinsfarben zieren, sondern die des Regenbogens. Und: "Für Fußball interessiert sich keiner von uns. Höchstens für die Spieler", sagt Bernd Maier. "An manchen Klischees ist dann doch ein bisschen was dran." Maier, heute in Jeans und T-Shirt, sah kurz nach seinem Coming-out auffälliger aus. "Da bin ich in richtig tuntigen Outfits weggegangen", erzählt er. "Ich hab die Homosexualität so lange unterdrückt, da war das wie ein Befreiungsschlag. Das habe ich einfach gebraucht."

Heile Welt?

Ein Befreiungsschlag ging auch durch die Gesellschaft, allerdings sehr langsam. "Wir sind mittlerweile fast gleichberechtigt", sagt Martin Claas, Vorsitzender des Vereins "Uferlos", der sich seit 40 Jahren für die Belange der lesbischen, schwulen, bi- und transsexuellen Menschen (LGBT) in Bamberg einsetzt. Der Auftrag des Vereins hat sich über die Jahrzehnte gewandelt. "Früher stand die politische Arbeit im Vordergrund, der Kampf für die Gleichberechtigung", erzählt Claas. "Damals musste man sich auch noch auf öffentlichen Toiletten treffen - nicht unbedingt der optimale Rahmen", ergänzt Vereinsmitglied Stefan Zern. "Da hat es die Generation, die nachkommt, zum Glück leichter. Gerade in den letzten fünf Jahren hat sich viel getan. Wenn ich heutzutage einen politischen Diskussionsabend organisiere, kommt keiner."

Stattdessen konzentrieren sich Vorstand und Mitglieder vor allem auf die gemeinsame Freizeitgestaltung: Urlaube, Bowlingturniere, Städtereisen, Kontaktpflege zu den Vereinen der Nachbarstädte, Partys und Kneipenabende wie diesen. Der Verein arbeitet auch mit der Stadt Bamberg zusammen. Zum diesjährigen Vereinsjubiläum empfängt der Dritte Bürgermeister Wolfgang Metzner die "Uferlos"-Mitglieder im Rathaus. "Das Stadtmarketing kam auf uns zu und hat gefragt, ob wir nicht einen Faschingswagen machen wollen", erzählt Claas. Das tut der Verein dann auch seit dem vergangenen Jahr - und er organisiert die Aftershow-Party. Auch mit der Kirche läuft es inzwischen etwas besser: "Uferlos" feiert jährlich ein Sommerfest am Michelsberg. "Da hatte ich mal ein klärendes Gespräch mit der Stiftung, mittlerweile ist die Zusammenarbeit gut", sagt Claas. Eine heile Welt also?

Nein. Klärende Gespräche muss Claas immer wieder führen. Oft müsse er sich etwa mit der katholischen Kirche auseinandersetzen. Zum Beispiel sprach Claas einmal den Bamberger Erzbischof Ludwig Schick auf dem Neujahresempfang der Stadt an, nachdem Schick sich zuvor öffentlich abwertend gegenüber Homosexuellen geäußert hätte. Schick habe abgewiegelt, die Presse hätte seine Aussage falsch dargestellt. "Ich habe ihm angeboten, das mit mir zusammen klarzustellen. Aber das wollte er dann auch nicht", erzählt Claas.

"Und erst vor kurzem musste ich bei dem Kommentar von Kardinal Brandmüller wieder mit dem Kopf schütteln." Walter Brandmüller hatte behauptet, am Missbrauch in der katholischen Kirche seien Homosexuelle schuld. "Ich war so froh, als ich endlich 18 Jahre alt war. An meinem Geburtstag bin ich aus der Kirche ausgetreten", sagt Claas. "Warum soll ich auch Leute bezahlen, die mich nicht akzeptieren?"

Claas geht sehr offen mit seiner Homosexualität um, schreibt etwa auch in Bewerbungen, dass er Vorsitzender von "Uferlos" ist. Probleme hatte er deswegen nie. "Ich arbeite in einem Kindergarten, von einem kirchlichen Träger, da käme das nicht so gut", sagt hingegen Maier. "Aber man muss das ja auch nicht an die große Glocke hängen."

Am Tisch sitzen fast nur Pärchen, Küsse und andere Liebkosungen sieht man nicht. "Wir wollen nicht auffallen", sagt Zern. Liegt das an den anderen oder einfach daran, dass Franken generell zurückhaltender sind? "Wir wurden so erzogen", sagt Maier, "das macht man hier einfach nicht." Die wenigsten wollen auffallen, deshalb sind in diesem Artikel auch alle Namen bis auf den von Claas geändert.

Eltern haben oft noch Probleme

Kirche und Arbeitgeber einmal dahingestellt: Die meisten klärenden Gespräche muss Claas mit Eltern führen. "Vor vier Jahren kam ein 16-Jähriger zu uns, der nach seinem Coming-out zu Hause rausgeworfen wurde", erzählt der Vereinsvorsitzende. "Fünf mal habe ich mit der Mutter gesprochen." Solche Probleme kämen immer wieder vor, aber auch immer seltener. Die meisten Eltern junger Homosexueller könne Claas mit der Frage überzeugen: "Was ändert sich denn für Sie?" Inzwischen hat es auch die Mutter des 16-Jährigen akzeptiert - und kommt oft zu den Veranstaltungen des Vereins. "Bei uns sind auch fünf Heten (Heterosexuelle). Vor allem die Frauen fühlen sich wohl, weil sie mal nicht angemacht werden", sagt Zern.

Das Tischgespräch geht nun um Coming-outs. Jeder hat seine eigene, oft problembehaftete Geschichte. "Mein Vater hat drei Monate nicht mit mir geredet", sagt Maier. "Meine Mutter hat zu mir gesagt: ,Das hab ich schon lange gewusst.' Bei meinem Vater war es etwas schwieriger", erzählt Claas. "Bei mir ist es immer noch schwer mit den Eltern", sagt Andreas Bahmer, der sich als "Spätzünder" bezeichnet. "Ich konnte das erst mit 27 Jahren vor mir selbst zugeben. Ich komme aus einem kleinen Dorf. So etwas gibt es da einfach nicht."

"Ach, das gibt es viel öfter als man denkt", meint Maier. Der Anteil der LGBT-Personen in der deutschen Bevölkerung liegt laut der umfassendsten Studie bei 7,4 Prozent. Es entbrennt ein Gespräch über die Ursachen von Homosexualität: Vererbung oder Sozialisation? "Meine Schwester ist lesbisch. Viele Geschwister von Leuten, die ich kenne, sind homosexuell. Auch fast die Hälfte meiner alten Schulklasse", erzählt Claas. "Hast du die wohl angesteckt?", scherzt Bahmer.

Ursache hin oder her: Im Großen und Ganzen fühlen sich die "Uferlos"-Mitglieder in Bamberg wohl und akzeptiert. Maier fehlen nur die Schwulen- und Lesbenkneipen, von denen es bis Anfang der 2000er noch fünf gab. "Heute läuft alles nur noch über Dating-Seiten im Internet, das ist schon schade", meint er. "Auf diesen Seiten habe ich nur schlechte Erfahrungen gemacht, deshalb bin ich auch zu Uferlos gekommen", erzählt Bahmer. "Echt?", fragt Maier. "Wir wollten damals nie dahin, weil wir gesagt haben, da sind nur alte Knacker, die keinen abbekommen" - was sich inzwischen aber geändert habe: "Uferlos" hat eine eigene Jugendabteilung, außerdem gibt es eine Hochschulgruppe. Und auch im Stammverein sind die Mitglieder zwischen 19 und 60 Jahre alt. Zudem sei Maier nun selbst ein "alter Knacker" - mit Kinderwunsch.

"Ich hätte eigentlich schon gerne welche." Viele stimmen ein. "Aber bis die Adoption wirklich gleichberechtigt läuft, wird es noch eine Weile dauern." Bahmer findet vor allem den Austausch wichtig: "Wenn Heten mehr Kontakt zu Schwulen haben, werden es deren Kinder einmal leichter haben, falls sie homosexuell sind."



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