Bad Kissingen
Lesetipp

Katharina Mevissens Debütroman "Ich kann dich hören"

Sigismund von Dobschütz Wer sich traut, auch Bücher unbekannter Autoren zu lesen, wird nicht selten mit literarischen Bestleistungen belohnt. Dies gilt auch für den kürzlich im Wagenbach-Verlag veröff...
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Sigismund von Dobschütz
Sigismund von Dobschütz
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Sigismund von Dobschütz Wer sich traut, auch Bücher unbekannter Autoren zu lesen, wird nicht selten mit literarischen Bestleistungen belohnt. Dies gilt auch für den kürzlich im Wagenbach-Verlag veröffentlichten Debütroman "Ich kann dich hören" der erst 28-jährigen Katharina Mevissen. Schon vor drei Jahren wurde ihr Manuskript völlig zu Recht mit dem Bremer Autorenstipendium belohnt. Im Buch geht es um die vielen Menschen fehlende Fähigkeit, sich mit anderen auszusprechen, mit anderen zu verständigen, anderen zuzuhören. Es geht ums Sprechen und Hören, auch um Gebärdensprache und Musik als Mittel des Ausdrucks, um verbale und nonverbale Verständigung.

Erzähler des Romans ist der 24-jährige Musikstudent und Cellist Osman Engels, Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter. Wir hören von Einsamkeit und Stille in der Familie.

Wir hören vom Vater, einem mehr mit seiner Violine als mit seiner Familie lebenden Berufsmusiker, der aufgrund seiner Tourneen für die beiden Söhne schon als Kind "nie da war"; von der Mutter, die vor Jahren Ehemann und Kinder verlassen hat; von Tante Elide, die auf ihr erträumtes Leben in Paris verzichten und die Rolle der Ersatzmutter und Hausfrau einnehmen musste. Erst als Vater Suat sich das Handgelenk bricht und damit zugleich seine Musiker-Welt zerbricht, erst als Tante Elide zurück in die Türkei will, um später doch endlich nach Paris zu ziehen, erst dann kommt alles bisher Unausgesprochene zur Sprache. Der junge Cellist Osman ist ebenfalls nicht beziehungsfähig, läuft Problemen davon, statt sie zu klären. Auch er selbst lebt in seiner eigenen Welt, in der Welt der Musik, die Worte ersetzt. "Man kann es daran hören, wie laut die Musik in meiner Familie ist und wie atemlos das Schweigen." Osman versucht sogar, sich in seiner Musik zu verstecken, statt sich den Problemen zu stellen. Kosaki, sein japanischer Lehrer an der Musikhochschule, hat dafür ein untrügliches Gehör: Osman solle den dritten Satz nicht wie wütendes Gewitter, sondern wie Nieselregen spielen.

Leicht und locker wie Nieselregen wirkt auch Katharina Mevissens Sprache in ihrem wirklich beeindruckenden Debütroman. Doch auch leichter Nieselregen macht auf Dauer bis auf die Haut nass.

Und so ist Mevissens Text nur scheinbar locker. Er geht tief unter die Haut: Osman will nicht zuhören und nicht sprechen, wogegen die taubstumme Jo alles geben würde, um genau dies zu können. Von Jo erfährt Osman beim Abhören eines gefundenen Diktiergeräts. Erst nach Abhören des Geräts beginnt er endlich Fragen zu stellen und zwingt Vater und Tante, aus der Vergangenheit zu erzählen. Und endlich hört Osman zu.

"Ich kann dich hören" ist ein thematisch, aber auch sprachlich wunderbares, eindringliches Debüt der damals beim Schreiben erst 24-jährigen Autorin.

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