Herzogenaurach

Kampf den Klamottenleichen

Mode-Wahnsinn zerstört die Umwelt, das sagen die Vertreter der Organisation Parents for future. Denn vieles werde gekauft, bleibe aber nach kurzem Tragen dann im Schrank. Das soll sich durch ein besonderes Angebot aber ändern.
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Die Werbung in Sachen "Klamotten-Umsonst-Laden" läuft auf allen Kanälen. Die Organisatoren hoffen auf einen guten Zulauf.  Foto: mb
Die Werbung in Sachen "Klamotten-Umsonst-Laden" läuft auf allen Kanälen. Die Organisatoren hoffen auf einen guten Zulauf. Foto: mb

Michael Busch Umsonst? Klamotten umsonst? Irgendetwas kann da wohl nicht stimmen, denn umsonst ist laut einem Sprichwort nur der Tod und der kostet letztlich das Leben. Und doch ist es schwarz auf weiß in der Ankündigung zu lesen: Klamotten-Umsonst-Laden in Herzogenaurach. Was steckt dahinter? Im Grunde eine einfache, aber gute Idee, erzählt Astrid Holzammer.

Die ist eine der Personen, die sich bei Parents for future in Herzogenaurach engagiert. Parents for future ist ein freier Zusammenschluss von erwachsenen Menschen. Diese stehen als Parents for Future in Solidarität zur Fridays for Future Bewegung. "Wir unterstützen die jungen Menschen in Ihrem großen Einsatz für einen ambitionierten Klimaschutz in Deutschland und weltweit. Dazu gehört für uns auch explizit das Mittel des Schulstreiks." So heißt es auf der Homepage der Bewegung zum Selbstverständnis.

In den Schrank schauen

In Herzogenaurach gibt es dazu eine Ortsgruppe, die für den kommenden Mittwoch, 22. Januar etwas ganz Besonderes geplant haben. Nämlich einen "Klamotten-Umsonst-Laden". Holzammer erklärt: "Wir wollen im Rabatz den Tausch von Kleidungsstücken ermöglichen. Man kann sowohl Klamotten abgeben, als auch mitnehmen." Das Prinzip ist einfach: Zwischen 17.30 Uhr und 21 Uhr kann der Besucher bis zu sieben Kleidungsstücke abgeben und auch wieder neu ausgesuchte Stücke Teile mitnehmen. Und auch derjenige, der nichts mitbringt, kann neue Kleidung für sich mitnehmen - das Abgeben ohne Gegenzug gehe natürlich ebenfalls.

Hintergrund ist, dass mehr als fünf Milliarden Kleidungsstücke in deutschen Schränken hängen. Pro Kopf sind das fast 100 Kleidungsstücke. Bei genauem Hinsehen, bemerken die meisten, dass ein Teil dieser Klamotten seit geraumer Zeit den Kleidungsschrank nicht mehr verlassen haben, "Klamottenleichen" bezeichnet Parents for future diese Stücke.

Wenn auch grundsätzlich der Lösungsansatz wäre, dass jeder einzelne, vor allem aus den Billigsegmenten, weniger erwerbe, könne man mit den bereits vorhandenen Kleidungsstücken natürlich sinnvoll umgehen. "Klar", sagt Astrid Holzammer, "es geht nicht darum an diesem Tag das Rabatz als Ersatz für die Altkleidersammlung zu sehen." Es soll schon noch tragbar sein, was da angeboten werde. "Es geht um die Schnelllebigkeit bei der Mode", erklärt sie. Das, was heute gekauft wird, ist morgen schon aus Sicht des Käufers nicht mehr "up to date", würde aber einen anderen Besitzer glücklich machen.

Am sogenannten Green wednesday, also grünem Mittwoch, überrascht die Ortsgruppe in Herzogenaurach mit zahlreichen Modelabeln die Besucher. Und anders als im Internet gibt es kein umständliches hin- und herschicken, kein Suchen und Vergleichen im Netz oder gar ein Beförderungsproblem über DHL und Co.

Unglaubliche Zahlen

Im Rabatz gibt es sogar die Möglichkeit, die Klamotten zur Probe anzuziehen, um zu sehen, ob alles sitzt und passt. Im Falle, dass dies nicht der Fall ist, bleibt das Kleidungsstück für einen eventuellen neuen Nutzer vor Ort, kein Rückversand ist nötig. Generell angesprochen seien laut Holzammer sicher Jugendliche bis hinein ins mittlere Alter, aber es schließt nicht aus, dass auch für die "untypischen Rabatz-Besucher" etwas mitangeboten werden könne. Dass diese Idee funktioniert, weiß die Organisatorin. "Ich habe zuletzt in Erlangen solch eine Umsetzung beobachtet. Das wurde gerade von den Studenten dort gerne genutzt", berichtet sie.

Die Hintergründe für diese Aktion sind allerdings bei genauem Hinsehen nachvollziehbar, sagen nicht nur die Mitglieder von Parents for future. 90 Prozent der Kleidung werde im Ausland produziert, vor allem in Billiglohnländern. Dort bekommt eine Näherin etwa 50 Cent bis ein Euro für ein Kleidungsstück, das in den Industrieländern dann 100 Euro koste. Bedenklich sein aber der Fakt, dass jedes Jahr rund 1,5 Milliarden Textilien in Deutschland ausrangiert werden. Immerhin gut 47 000 Lastwagen - aneinandergereiht eine über 870 Kilometer lange Lkw-Schlange von Kiel bis München, wie die ARD für die Sendung "W wie wissen" recherchierte.

Auch Greenpeace hat sich mit der Problematik beschäftigt. "Deutsche Verbraucher kaufen

im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr - tragen diese allerdings

nur noch halb so lang wie vor 15 Jahren”, schreibt die Umweltschutzorganisation in ihren Berichten. Das Problem bestehe darin, dass Modemarken in immer kürzeren Abständen neue Trends produzieren mit der Folge, dass günstige Kopien von Designer-Mode massenhaft gekauft und wieder weggeworfen werde. Ein echtes Recycling finde kaum statt.

Die Lösung, die letztlich auch Einzug in Herzogenaurach finden soll, laute: Weniger ist mehr. Oder zumindest eine mehrfache Nutzung der Materialien. Wie umweltbewusst und nachhaltig die Herzogenauracher dann tatsächlich sind, wird sich ein Stück weit, wohl am Mittwoch zeigen.

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