Forchheim

Kämpferin für Menschen in Not

Die Forchheimer Stadträtin Eva Narr war nach dem Zweiten Weltkrieg eine von sieben weiblichen Abgeordneten im bayerischen Landtag. Es war ein großer Erfolg auch für die SPD, aus der sie aber 1954 austrat.
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Eva Narr
Eva Narr
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Nach 1945 verstetigte sich in der Wiederaufbauphase der Prozess der Verselbstständigung der Frauen. Als sogenannte Trümmerfrauen trugen sie erheblich zum Wirtschaftswunder der Fünfziger Jahre bei. In Forchheim ergriff Eva Narr mit der Gründung einer SPD-Frauengruppe im November 1947 die Initiative zur politischen Organisation der Frauen.

Sie war 1939 nach Forchheim zugezogen, hatte im Zweiten Weltkrieg als Rot-Kreuz-Schwester in Polen gearbeitet, ab 1942 das Forchheimer Aussiedlerlager betreut, dann die gesundheitliche Fürsorge in den Flüchtlingslagern übernommen und 1947 die örtliche Arbeiterwohlfahrt mitbegründet.

Geprägt von ihrer karitativen Tätigkeit und durch ihr Elternhaus - ihr Vater war Arbeiter - trat sie 1946 in die SPD ein und wurde 1948 als einzige Frau in den Stadtrat gewählt. Ihr Weg in die Politik sei angesichts des sozialen Elends, das sie erlebt habe, "ganz von selbst, ja aus innerer Notwendigkeit" erfolgt, erklärte sie bei ihrem Amtsantritt: Auch ihre neue Tätigkeit im Stadtrat betrachte sie "nicht so sehr vom parteipolitischen Standpunkt aus, wie aus dem Willen heraus, der Gesamtheit zu dienen und nach Möglichkeit der allgemeinen Not zu steuern".

Einladung an die Frauen

Tatsächlich gelang es ihr in den Jahren darauf, die örtlichen Frauenorganisationen in einem "überparteilichen und überkonfessionellen Komitee" zusammenzuschließen. Auf ihre Einladung hin kamen am 15. März 1950 "Vertreterinnen sämtlicher Forchheimer Frauenorganisationen" von der Gewerkschaft über die Vertriebenen bis hin zu katholischen und evangelischen Gruppierungen - insgesamt 14 Frauenvereinigungen - zusammen und gründeten die Forchheimer Frauenarbeitsgemeinschaft.

Eva Narr (1910 in Potsdam geboren, Besuch der Höheren Töchterschule in Bad Harzburg, Abitur in Leipzig und hier anschließend Kontoristin in einer Textilgroßhandlung) stärkte das Selbstbewusstsein der Frauen mit dem Argument, dass sie "zwei Drittel der Wählerschaft" stellten und "etwa 75 Prozent des gesamten Volksvermögens durch ihre Hände" gingen. Als einzelne Gruppe sei man allerdings zu schwach. Nur in der "Geschlossenheit" des gemeinsamen Auftretens könne man etwas bewirken. Eva Narr wurde zunächst der kommissarische Vorsitz übertragen und ihr mit Frau Karnbaum vom Katholischen Frauenbund und Frau Hager vom Deutschen Gwerkschafts-Bund (DGB) zwei Stellvertreterinnen zur Seite gestellt.

Uneinigkeit gezeigt

Doch schon beim ersten Ausspracheabend der Frauen-AG zeigte sich Uneinigkeit. Eva Narr hatte zwei Resolutionen mitgebracht, eine, die sich gegen drohende Brotpreiserhöhungen richtete, und eine zweite, die eine Wiederbewaffnung Deutschlands ablehnte. "Beide Vorschläge wollen die Frauen erst noch in ihren Gruppen besprechen", hieß es im Pressebericht vom 8. April 1950. Offensichtlich war es einem Teil der Frauen politisch zu brisant, derart regierungskritisch an die Öffentlichkeit zu treten.

Erst im November 1950 kam es noch einmal zu einer Versammlung der Frauen-AG im Forchheimer Rathaus, in der die an der Landtagswahl teilnehmenden Parteien ihr Programm vorstellten. Aber bis auf die Moderatorin Eva Narr waren die Referenten ausschließlich Männer, die mit Ausnahme von Fritz Hoffmann (SPD) zudem gar nicht auf spezielle Frauenfragen eingingen.

Für eine Volkshochschule

Eva Narr ihrerseits vertrat standhaft in Partei und Gewerkschaft "die uneingeschränkte Gleichberechtigung der Frau im Staats- und Berufsleben". Im Stadtrat beantragte sie die Gründung einer Volkshochschule, weil "die bisherigen Kulturvereine dem allgemeinen Bedürfnis in keiner Weise" genügten und die "Arbeiterschicht durch Ablehnung des Gewerkschaftsvertreters" in der "Kulturgemeinde" ignoriert worden sei.

Die 1949 aus dem Volksbildungsverein hervorgegangene Kulturgemeinde Forchheim bediene mit gelehrten Vorträgen das konservative Bildungsbürgertum und vernachlässige dabei breite Bevölkerungsschichten. Mit ihren öffentlichen Auftritten wuchs ihr Bekanntheitsgrad und trug ihr die Kandidatur für die Landtagswahl 1950 ein. Und tatsächlich errang sie eines der zwei Listenmandate der SPD in Oberfranken.

Sie war eine von sieben weiblichen Abgeordneten im bayerischen Landtag - bei insgesamt 204 Abgeordneten insofern ein sensationeller Erfolg, nicht nur für die Frauen, sondern auch für die SPD in Forchheim. Trotzdem fiel die Würdigung nur kurz aus. "Frau Narr ist seit Jahren bereits in der Sozialpolitik tätig", hieß es in einer knappen Pressenotiz, "und setzte sich besonders lebhaft auch für ein stärkeres Verantwortungsbewußtsein der Frauen für die öffentlichen Angelegenheiten ein."

Nach ihren eigenen Angaben sah Eva Narr den Schwerpunkt ihrer parlamentarischen Arbeit in der Sozialpolitik. Deswegen habe sie sich gezielt für den Petitions- und Beschwerdeausschuss entschieden, weil sie hier "den besten Einblick in die Not des Volkes erhalte und in besonderer Weise Kontakt mit notleidenden Menschen bekomme."

In zahlreichen Fällen habe sie schon "offenkundige Not" lindern können. In den sitzungsfreien Tagen bereiste sie ganz Oberfranken und halte hier in den größeren Orten Sprechstunden und Konferenzen ab. Wenn manchmal auch Abhilfe nicht möglich sei, so lindere "ein aufklärendes und mitfühlendes Wort" doch die größte Bitterkeit. Anerkennend heißt es dazu im Zeitungsbericht, man spüre schon bei der bloßen Schilderung ihrer Arbeit, wie vollständig sie darin aufgehe.

Nach ihrer Wahl in den Landtag zog sich Eva Narr zusehends aus ihrer Stadtratsarbeit zurück. In den Sitzungsprotokollen ist ihr Fehlen jeweils mit "entschuldigt" vermerkt. Mehrmals heißt es auch in den Presseberichten über Partei- und Arbeiterwohlfahrtsveranstaltungen, dass sie wegen Erkrankung fehlte oder ein Referat nicht halten konnte.

Soziale Not

Mit ihrer ganzen Energie dagegen setzte sie sich für die Themen ein, die ihr am Herzen lagen: Gleichberechtigung der Frau und Behebung der sozialen Not. In Forchheim rief sie am 8. März 1953 anlässlich des Internationalen Frauentags ins Gedächtnis, was 1910 die Frauen bewegt hatte, über alle Grenzen hinweg gemeinsam für die Gleichstellung der Frau zu kämpfen. Sie kritisierte aktuell die schleppende Behandlung des vom Grundgesetz geforderten Gesetzes zur Gleichberechtigung von Mann und Frau im Bundestag. Und sie machte deutlich, dass sie ihre Aufgabe als Volksvertreterin nicht darin sehe, im Landtag "mehr oder wenig gehaltvolle Reden zu halten, als vielmehr den Mitmenschen zu helfen".Kein Wunder, dass sich ihre "Kundschaft" zahlen- wie gebietsmäßig sehr vergrößert habe und die Vorsprachen bei Behörden und Ministerien einen Großteil ihrer Zeit und ihrer Arbeitskraft in Anspruch nehmen würden.

Kritik aus eigener Partei

Mit dieser Aussage wandte sie sich offensichtlich gegen die Kritik, die innerhalb ihrer Partei gegen sie laut geworden war. 1952 hatte sie schon auf eine erneute Kandidatur für den Stadtrat verzichtet und nun, zwei Jahre später, bewarb sie sich auch nicht mehr für den Landtag - trotz guter Chancen auf eine Wiederwahl, wie mancher Parteigenosse meinte.

Austritt aus der SPD

1954 trat sie schließlich ganz aus der SPD aus, ohne jede öffentliche Erklärung und ohne großes Lamento. Als sie 21 Jahre später starb, würdigten weder die Stadt noch die SPD ihre politische Leistung. Nur das Rote Kreuz erinnerte sich an sie und trauerte um "eine gute und hilfsbereite Kameradin, die über 40 Jahre vorbildlich dem Roten Kreuz diente".

Es dauerte 16 Jahre, bis wieder Frauen aus Forchheim und dem Umland Mandate im bayerischen Landtag wahrnehmen konnten: von 1970 bis 1982 Gudila Freifrau von Pölnitz (CSU) und von 1982 bis 1990 Irmgard Edle von Traitteur (CSU).



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