Forchheim

Jetzt ist "alles im Fluss"

Der Frankfurter Christof Jauernig kündigte vor rund vier Jahren seinen sicheren Job als Analyst einer Unternehmensberatung - ohne Plan B. In der Volkshochschule Forchheim wird er seine Aufbruchsgeschichte nun vorstellen.
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Christof Jauernig
Christof Jauernig
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Langsam aber sicher habe alles nur noch wenig Sinn ergeben. Mit diesen Gedanken sah sich der ehemalige Analyst Christof Jauernig aus Frankfurt konfrontiert. In seinem über viele Jahre ausgeübten Beruf untersuchte er Themen der Bankenbranche, bis er das vorherrschende Klima der Profitorientierung nach und nach nicht mehr mit seiner inneren Einstellung vereinbaren konnte. Ohne Plan B kündigte er und brach zu einer mehrmonatigen Reise nach Asien auf, die ihm neue Blickwinkel eröffnete. Seine Erlebnisse und Empfindungen hielt er fotografisch und in Textform fest. Am kommenden Donnerstag wird Christof Jauernig seine Aufbruchsgeschichte "Gedanken verloren | Unthinking: Vom Analyst, der ging, um die Welt mit dem Herzen zu sehen" in der Volkshochschule (VHS) vorstellen. Wir haben vorab mit ihm gesprochen.

Wie sieht Ihr Alltag zurzeit aus?

Christof Jauernig: Gerade eben war Sommerpause. Jetzt geht es aber wieder mit der Veranstaltung auf Tour, mit der ich auch in Forchheim sein werde. Während dieser Lesereise habe ich viele Termine. Dazwischen mache ich Büroarbeit, kümmere mich um neue Termine, ich bin ein Ein-Mann-Team. Nächstes Jahr soll es mit der Lesereise weitergehen.

Sie haben Ihren bisherigen Beruf als Analyst ohne sichere Alternative an den Nagel gehängt. Wie lange dauerte der Prozess, bis Ihnen Ihr damaliger Beruf fremd geworden war?

Es war ein schleichender Prozess. Am Anfang hat mir alles noch Spaß gemacht. Mit der Zeit hat sich aber meine Einstellung geändert. Ich konnte mich mit der Bankenbranche immer weniger verbinden. Es war eine kopflastige Arbeit, zu der ich mich gezwungen habe, bis es nicht mehr ging. Dann habe ich die Reißleine gezogen. Bis dahin ist ungefähr ein Jahr vergangen.

Wie hat sich als erstes bemerkbar gemacht, dass Sie sich nicht mehr wohlfühlen? Sträubt man sich zunehmend gegen Tätigkeiten, die man eigentlich immer eher gern gemacht hat oder eher gegen die Aspekte im Job, die sowieso schon schwerer fielen?

Eine Mischung aus vielem. Ich habe wohl von vorne herein den falschen Beruf gewählt. Die umsatzorientierte Atmosphäre war mir immer mehr zuwider, und selbst die interessanteren Aufgaben haben das nicht mehr aufgewogen. Wie wahrscheinlich viele Menschen bin ich aber aus pragmatischen Gründen zu lange dabei geblieben.

Hatten Sie ein gutes finanzielles Polster für die sechsmonatige Reise durch Asien?

Ich hatte Geld gespart und konnte so die Reise finanzieren. Gleichzeitig habe ich meine Wohnung in Frankfurt in der Zeit untervermietet, da fielen die Mietkosten schon einmal weg. Das hat es möglich gemacht.

Von welchen Institutionen werden Sie eingeladen, um von Ihrer Aufbruchsgeschichte zu erzählen?

Es ist eine bunte Mischung an Einrichtungen, von psychosomatischen Kliniken bis zu Kulturbühnen, auch Banken sind dabei. Seit Ende letzten Jahres trete ich viel in Volkshochschulen auf. Dort möchte ich auch solche Menschen ansprechen, die mit ihrer aktuellen Lebenssituation nicht zufrieden sind. Das kann der Job sein, muss es aber nicht. Äußere Umstände halten uns oft dazu an, diese Situationen erstmal unverändert zu lassen. Ich möchte dazu anregen, ehrlich hinzuschauen, wenn etwas im eigenen Leben nicht mehr passt.

Wie läuft so ein Vortragsabend ab?

Ich versuche, die Atmosphären meiner Reise und meines einschneidenden biografischen Umbruchs spürbar zu machen. Über Worte sind diese schwer erklärbar. Stattdessen projiziere ich Bilder, begleitet von gesprochenen Texten und eigenen eingespielten Klavierimprovisationen. Die Fotos sind sozusagen Symbole für meine innere Reise. Anschließend gibt es eine Fragerunde, bei der jeder das fragen kann, was ihm auf dem Herzen liegt.

Welche Rolle spielt der Titel Ihrer Veranstaltung "Gedanken verloren | Unthinking"?

Als Analyst drehte sich viel um intellektuelle, zukunftsfokussierte Arbeit. Das hat mich ausgelaugt. Als ich zu der Reise aufbrach, ging es darum, das Gedankenkarussell zur Ruhe kommen zu lassen, ganz in der Gegenwart anzukommen. Schritt für Schritt die Schönheit des Moments kennenzulernen und wertfrei wahrzunehmen. Dieses Gefühl möchte ich teilen. Es geht nicht darum, zu erklären. Es wird kein klassischer Backpacker-Reisebericht werden, kein typischer Reisevortrag. Die Zuschauer sind eingeladen, sich in die Atmosphäre zu versenken. Die Gedanken dürfen auch sie in dieser Zeit "verlieren".

Wie hat sich Ihre Einstellung zu Geld verändert?

Ich habe Geld noch einmal anders kennengelernt. Seit mehreren Jahren lebe ich inzwischen von Monat zu Monat, meine Ersparnisse sind bereits aufgebraucht. Das Geld hat eine neue Wertigkeit bekommen. Als ich mit meinen Vorträgen im Kleinen in der Nachbarschaft angefangen habe und die zehn Euro, die jemand in den Hut gelegt hat, im Supermarkt ausgegeben habe, dann war das etwas Besonderes. Ich wusste, da legt jemand Geld in den Hut, den meine Geschichte berührt hat. Ich verdiene mein Geld mit etwas, für das ich brenne. Es ist zwar deutlich weniger als zuvor. Aber ich lebe sparsamer, bin zufrieden.

Wie fallen die Reaktionen aus, die sie von den Besuchern bekommen? Wie unterscheiden sich psychosomatische Fachkliniken z.B. von der Kleinkunstbühne?

Die Reaktionen sind ähnlich. Egal, wo ich hinkomme, habe ich den Eindruck, dass sehr viele Menschen Veränderungswünsche in sich tragen. Die Menschen in psychosomatischen Kliniken sind aber an einem krisenhafteren Punkt im Leben als die im Kulturverein. Ich möchte ihnen gerne zeigen, dass im Neuanfang Kraft stecken kann, dass in einer Krise der Samen für etwas gutes Neues verborgen liegen kann, selbst, wenn das noch nicht absehbar ist. Insgesamt zeigen sich die Gäste oft von meiner Geschichte berührt. Das ist ein wesentlicher Grund, warum ich das so lange weitergemacht habe und weiter mache.

Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Meine Geschichte erzähle ich erstmal noch eine Weile weiter. Was danach kommt, ist noch nicht raus, alles ist im Fluss. Ich plane nur so weit wie nötig, vom Rest lasse ich mich überraschen. Das Interview führte

Mirjam Stumpf

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