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Bamberg

Jesus ist für alle Menschen da

Der Bamberger Liturgiewissenschaftler Domkapitular Peter Wünsche nimmt Advent, Weihnachten und Christmetten-Besucher ins Visier.
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Die Christmette am Heiligen Abend - hier im Bamberger Dom - zieht Gläubige wie Kirchenferne an.  Foto: Matthias Hoch
Die Christmette am Heiligen Abend - hier im Bamberger Dom - zieht Gläubige wie Kirchenferne an. Foto: Matthias Hoch
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Marion Krüger-Hundrup Über leere Kirchen muss sich kein Pfarrer an den Weihnachtsfeiertagen beklagen. Da strömen selbst Leute in die Gotteshäuser, die sonst einen großen Bogen darum machen. Hat sie etwa die Adventszeit mit Glühweinseligkeit und Geschenkeeinkauf darauf eingestimmt? Wir fragten den Bamberger Liturgiewissenschaftler und Domkapitular Peter Wünsche nach den Hintergründen dieses Phänomens.

Die Adventszeit war ursprünglich Fastenzeit zur Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Warum hat sich von diesem Brauch nichts mehr erhalten?

Peter Wünsche: Der Advent war tatsächlich ursprünglich eine Zeit der geistlichen Vorbereitung auf Weihnachten. Aber er war viel weniger geregelt als die Fastenzeit vor Ostern. Das Fasten wurde je nach Region sehr unterschiedlich begangen; in Gallien, also im Raum Mailand und im heutigen Frankreich, eher strenger, in Rom und den davon abhängigen Liturgiegebieten eher abgemildert. Gemeinsam war eigentlich nur, dass man wie an allen Vigilien, also an den Vortagen von großen Festen, am 24. Dezember gefastet hat. Das war bis ungefähr zum II. Vatikanum auch bei uns so geregelt. Daher kommt auch der Brauch, am Heiligen Abend Fisch zu essen, zum Beispiel den traditionellen Weihnachtskarpfen.

Das zeigt auch schon das Problem: Der Heilige Abend wurde mehr und mehr vom Vorbereitungstag zum ersten Tag des Festes, zumindest in Mitteleuropa. Der Karpfen ist ja nur von der Theorie her eine Fastenspeise, tatsächlich eine festliche Leckerei. Dazu kommt, dass die Weihnachtsbäckerei nicht wie noch vor 100 Jahren am 22. und 23. Dezember stattfand, sondern den ganzen Advent durchzog. Mit dem Stollen und den Lebkuchen ist es ähnlich wie mit dem Karpfen: Sie sind der Form nach als fleischlose Gerichte Fastenspeisen, werden aber heute nicht mehr als solche empfunden. Das alles mag dazu beigetragen haben, dass der Advent heute keine Fastenzeit mehr ist, weder von den Empfindungen der Menschen noch von den Vorschriften her.

Aufgewertet wurde der Advent allerdings nach dem letzten Konzil in der Liturgie: Heute hat jeder Tag des Advents eine eigene Messfeier mit sorgsam ausgewählten Lesungen und Gebeten, was früher an den Wochentagen nicht der Fall war. Und die Inhalte des Advents sind vielfältig: Das Bedenken des Wiederkommens Jesu steht am Anfang; die Botschaft der alttestamentlichen Propheten und des Täufers Johannes prägen den Mittelteil, und die letzte Woche vor Weihnachten ist dann schon deutlich von der Vorfreude auf das Fest geprägt.

Die meisten Menschen - gleich ob kirchentreue oder kirchenferne - strömen am 24. Dezember in die Christmette. Ist diese denn der Höhepunkt der Weihnachtsfeier aus liturgischer Sicht?

Weihnachten entstand als Fest in Rom - was übrigens nur für wenige Feste zutrifft. Der Papst feierte ab dem 4. Jahrhundert eine Messe am Vormittag im Petersdom. Und diese Messe hatte als Evangelium nicht die Geburtserzählung des Lukas, sondern den feierlichen Eröffnungsteil (Prolog) des Johannesevangeliums: "Am Anfang war das Wort ... und das Wort ist Fleisch geworden." Insofern kann man sagen, dass die Messe am Vormittag des 25. Dezember die älteste und theologisch wichtigste Feier des Weihnachtsfestes ist.

Die Messe in der Nacht entstand wohl ebenfalls in Rom, nachdem man im 5. Jahrhundert in der Kirche St. Maria Maggiore eine Nachbildung der Geburtsgrotte in Bethlehem aufgestellt hatte. Zu dieser Messe gehörte das bekannte Evangelium von der Geburt Jesu in Bethlehem und der Verkündigung an die Hirten aus dem Lukasevangelium. Schließlich kam - wohl im 7. Jahrhundert - noch die Messe in der Kirche St. Anastasia am Forum dazu, wo der Papst auf seinem frühmorgendlichen Zug nach St. Peter vorbeikam.

Spätere Messbücher übernahmen die drei Weihnachtsmessen, aber sie wurden dann nicht mehr in drei verschiedenen Kirchen, sondern in ein und derselben Kirche gefeiert, wenn möglich aber an drei verschiedenen Altären. Auch im mittelalterlichen Bamberger Dom war das so: Die Mitternachtsmesse fand im Ostchor statt, die Messe am Morgen am Kreuzaltar (etwa da, wo heute das Kaisergrab steht) und die Messe am Tag im Westchor.

Heute sind im Messbuch die drei Messen erhalten; man wählt jeweils das Messformular, das der Tageszeit entspricht. Dass die Mitternachtsmesse heute die beliebteste ist, hat nicht unbedingt mit dem theologischen Gehalt zu tun, sondern mit der besonderen Tageszeit; als nächtliche Feier ist sie etwas Besonderes, das auch mit dem Gegensatz von Dunkelheit und Licht das Gemüt von vielen Menschen anspricht.

Sollte/müsste derjenige, der die Christmette besucht hat, dann nicht auch die hl. Messe am 25. Dezember mitfeiern?

Da die drei Weihnachtsmessen ursprünglich an drei verschiedenen Orten gefeiert wurden, kann man das so nicht behaupten. Die drei Messen betrafen den Zelebranten und den Klerus, nicht das Volk. Das konnte wohl immer auswählen. Ich kann mich aber noch an Zeiten erinnern, in denen zumindest "frömmere" Katholiken sowohl die Messe in der Nacht als auch die Morgen- oder Tagesmesse mitfeierten. Verpflichtend war das aber nie.

Wie sollen die regelmäßigen Kirchgänger den "Weihnachtschristen", also denen, die nur aus nostalgischen Gründen in die Christmette gehen, begegnen?

Ich persönlich habe mir zur Regel gemacht: Wer kommt, ist willkommen; es ist gerade an Weihnachten nicht meine Rolle, zu urteilen, zu richten oder auch nur zu tadeln.

Das Liederangebot im Gotteslob zu Weihnachten spiegelt nichts oder kaum etwas von der Not der ersten Weihnacht, von den Nöten unserer Zeit wider. Müssen die Gottesdienstbesucher tatsächlich musikalisch im eher Idyllischen verhaftet bleiben oder gibt es Alternativen?

Das sehe ich gar nicht so. Es gibt im Gotteslob durchaus zahlreiche Weihnachtslieder, die frei von falscher Idylle und gemütsträchtiger Romantik sind, sowohl im Stammteil des "Gotteslob" (bei den Nummern 236-258) als auch im Diözesanteil (765-771). Man müsste nur den Mut haben, sie einzuüben und zu singen. Versuche, zeitgenössische Weihnachtslieder zu schreiben, gibt es, aber keines von denen ist bisher so richtig beim Volk angekommen.

Die Krippe zu Weihnachten ist sicher nicht Ziel der Frömmigkeit, sondern ein Handlungsauftrag für Christen. Wie lautet dieser im Jahr 2019?

In Jesus kam Gott in die Welt für alle Menschen ohne Ausnahme. Macht damit Ernst.

Das Gespräch führte Marion Krüger-Hundrup.