Friesenhausen
Himmlische Aussichten

Jeder Tag ist ein von Gott geschenkter Tag

Als ich vor Jahren mit meinem Schwiegervater im Wald spazieren war, ausnahmsweise ohne Kinder, brach es kurz aus mir heraus: Ach, noch ein paar Jahre, dann können alle Kinder richtig gut laufen, dann ...
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Melanie von Truchseß
Melanie von Truchseß

Als ich vor Jahren mit meinem Schwiegervater im Wald spazieren war, ausnahmsweise ohne Kinder, brach es kurz aus mir heraus: Ach, noch ein paar Jahre, dann können alle Kinder richtig gut laufen, dann können wir richtige Wanderungen machen. Sinngemäß hat mein Schwiegervater geantwortet: Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils. Schieb dein Glück nicht in die ferne Zukunft: Wenn die Kinder groß sind, dann habe ich wieder Zeit. Wenn die Pfarrstelle wieder besetzt ist, dann beginnt wieder das Gemeindeleben. Und schieb das Heil auch nicht in die Vergangenheit: Ja, als ich noch jung war! Als der Pfarrer XY noch da war! Nein: Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils.

Na, mag man da einwenden: Zwischen den Wäschebergen, den Bauproblemen, in der Arbeitslosigkeit, bei meinen Schmerzen, in der Trauer: Von wegen! Gnade und Heil stelle ich mir anders vor. Dieser Vers aus dem 2. Korintherbrief ist der Wochenspruch für die beginnende Woche und stammt von Paulus. Seine Lebenserfahrung, sein bewährter Glaube gehen immer vom Kreuz aus. Es ist kein Gut-Wetter-Glaube. Gerade in der Bedrängnis hat er das erfahren: Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils. Können wir unser Leben auch so betrachten?

Im Jetzt und Hier

Dass unser Tag nicht deshalb wertvoll ist, weil er mit einem schönen Frühstück beginnt, weil heute frei ist, sondern weil er ein von Gott geschenkter Tag des Heiles ist? Das versucht uns Paulus nahezubringen. Heil und Gnade sind nicht dasselbe wie Wohlergehen. Sie hängen daran, dass ich im Jetzt und Hier das Heil ergreife und begreife und lebe, das mir in der Taufe geschenkt ist. Ein Leben aus der Kraft der Auferstehung, die uns mitten in der Bedrängnis Gnade, Heil und Gottesnähe zuspricht. Nicht erst in der Ewigkeit, sondern jetzt und hier wirkt diese Kraft. So wie es der ostdeutsche Liedermacher Gerhard Schöne in einem wunderbaren Lied singt: Ich hab keine Stimme und singe. / Mir ist angst und bang, doch ich springe. / Sehr klug bin ich nicht und doch denke ich. Bin ich auch pleite, gern schenke ich. / Mein Glaube ist schwach, doch ich pflanze. / Die Füße tun weh und ich tanze. Sehr fromm bin ich nicht und doch bete ich. / Bin ich auch schüchtern, trotzdem rede ich. Der Weg ist verbaut. Ich hab Ziele. / Die Lage ist ernst und ich spiele. Sehr froh bin ich nicht und doch lache ich. / Werd ich auch müde, noch wache ich. So, so, so will ich leben:

Mit Mängeln, mit Zweifeln und doch alles geben. / So, so will ich auch noch pfeifen auf dem letzten Loch!

(Melanie von Truchseß ist Pfarrerin in Friesenhausen.)



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