Münnerstadt

"Jeder Mensch hat gleich viel Zeit"

Der Münnerstädter Stadtpfarrer Pater Markus Reis sitzt im Sommer jeden zweiten Sonntag nach der Vesper am Jugendhaus am Dicken Turm und hat für alle Zeit.
Artikel drucken Artikel einbetten
+1 Bild

Mit der Aktion "Der Pfarrer hat Zeit" bietet Augustinerpater Markus Reis nach der Vesper in der Klosterkirche den Menschen an, sich einfach mit ihm zu unterhalten. Das wird gut angenommen, aber es macht ihm auch überhaupt nichts aus, wenn er an seinem alten Lieblingsplatz eine Weile allein ist. Pater Markus, wie sind Sie auf die Idee zu "Der Pfarrer hat Zeit" gekommen? Pater Markus: Dafür gibt es mehrere Gründe. Es gibt das Klischee, dass der Pfarrer keine Zeit hat. Dem wollte ich etwas entgegensetzen. Jeder Mensch hat gleich viel Zeit, das gilt auch für einen Pfarrer. Außerdem gab es schon vor 20 Jahren die Idee, die Passanten, die auf der Treppe der Augustinerkirche in Würzburg sitzen, anzusprechen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Und der Platz vor dem Jugendhaus ist ein sehr schöner Platz. Als ich noch Leiter des Jugendhauses war, habe ich diesen Platz sehr genossen.

Wie wird ihr Angebot angenommen? Das ist sehr unterschiedlich. Letztes Jahr war ich nur wenige Minuten allein. Manche Leute sind ganz geplant vorbeigekommen, haben vorher angerufen, ob ich auch wirklich da bin. Andere kommen einfach so. Es gab sehr persönliche Gespräche. Es ist aber auch vorgekommen, dass jemand vorbeigekommen ist, damit ich hier nicht allein sitze. Dann haben wir einfach geratscht. Dieses Jahr gab es auch gute Gespräche, aber ich war auch mal eine halbe Stunde allein. Interessant ist auch die Außenwirkung. Ich wurde von Leuten außerhalb Münnerstadts angesprochen, dass das eine gute Idee sei.

Um was geht es bei den Gesprächen? Es sind oft seelsorgerische Gespräche. Aber manchmal wollen die Leute auch einfach etwas loswerden.

Kannten Sie alle Gesprächspartner? Ja, ich habe sie alle gekannt, die meisten sind aus der Pfarrei.

Wie geben Sie die Termine für "Der Pfarrer hat Zeit" bekannt? Über das Pfarrblatt und über die Zeitung. Ich vermelde es nicht noch einmal im Gottesdienst. Ich will mich nicht anpreisen. Wer kommt, der kommt.

Ist die Aktion für Sie erfolgreich? Das kann man so nicht beantworten. In unserer westlichen Welt denken wir zu sehr an das Kosten-Nutzen-Schema. Im Glauben sagen wir: Der Gottesdienst hat keinen Zweck, aber er ist höchst sinnvoll. Ich habe auch kein Problem damit, hier eine Stunde alleine zu sitzen. Überrascht war ich, dass mich einige Leute auf die Aktion angesprochen haben. Außerdem habe ich ja nicht nur die eine Stunde Zeit, sondern man kann mit mir immer Gespräche vereinbaren.

Wird es im nächsten Jahr wieder "Der Pfarrer hat Zeit" geben? Tendenziell ja. Darüber habe ich mir aber noch nicht so viele Gedanken gemacht. Ich suche noch nach einem Ort, dass ich "Der Pfarrer hat Zeit" das ganze Jahr über anbieten kann. Aber ich habe noch keinen gefunden, wo ich mich auch im Winter hinsetzen will. Der Pfarrer hat Zeit - das steht fest. Aber als Stadtpfarrer der Pfarrei St- Maria Magdalena mit ihren vier Filialgemeinden haben Sie auch alle Hände voll zu tun. Was beschäftigt Sie denn derzeit am meisten? Ich mache mir Sorgen darüber, ob wir für die Neuwahlen der Kirchenverwaltungen im November wieder genügend Kandidaten in unseren Gemeinden finden. Die Sanierung der Stadtpfarrkirche mit der Restaurierung der historischen Glasfenster steht an. Das muss gut vorbereitete werden. Und wenn es nächstes Jahr zu Ostern ernst wird, wird es noch mehr Energie kosten. Nach dem Dachstuhl und den Fenstern ist in einem zweiten Abschnitt die Sanierung des Kircheninnenraums mit der liturgischen Neuordnung einschließlich Mittelgang an der Reihe.

Das Gespräch führte

Thomas Malz.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren