Kulmbach

Jauchzer mussten ins Zuchthaus

Im Kulmbach vor 100 Jahren wurden selbst kleine Delikte hart bestraft. Ein Meineid hatte gravierende Folgen.
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Das Königliche Zuchthaus im Bayreuther Stadtteil St. Georgen vor über hundert Jahren  Foto: Stadtarchiv Bayreuth
Das Königliche Zuchthaus im Bayreuther Stadtteil St. Georgen vor über hundert Jahren Foto: Stadtarchiv Bayreuth
Zu Kaisers Zeiten herrschten noch Ruhe, Zucht und Ordnung. Mit Steinen und Flaschen auf Polizisten zu werfen wie jüngst in Hamburg, Autos (damals Fuhrwerke) anzuzünden und Verkaufsläden zu plündern und dann weder verfolgt, bestraft noch sonst irgendwie zur Rechenschaft gezogen zu werden, das war vor über einhundert Jahren undenkbar.
Schon wegen kleinster Delikte drohte damals Gefängnis. Ohne Bewährung, versteht sich. Allein Jauchzen zu fortgeschrittener Stunde konnte unter Umständen bis ins Zuchthaus führen, wie nachstehende Begebenheit, veröffentlicht im "Kulmbacher Tagblatt", zeigt.


"Vor Freude laut schreiend"

In allen Gesprächsprotokollen des Falles wird das Wort "Jauchzen" verwendet, im Juristenjargon wohl die Bezeichnung für nächtliche Ruhestörung. Der Duden bezeichnet das Synonym "Jauchzen" als "vor Freude laut schreiend".
Das haben sie wohl auch getan, der ledige Schuhmacher Johann Franz Fischer, 26 Jahre alt, und Christian Leppert, lediger Büttner, 19 Jahre alt, als sie am Sonntag, 26. Januar 1902, gegen halb zwei Uhr morgens und nach Verkündung der Sperrstunde die "Meierhöfer'sche Wirtschaft" verließen, um den Heimweg anzutreten.
Fischer und der ledige Büttner jauchzten. Als sie in die Nähe des Marktes kamen, erschienen, vom Röhrenplatz kommend, weitere Zecher. Es waren Johann und Nikolaus Knarr sowie Johann Kohles und ein gewisser Hoffmann. Wie im Polizeiprotokoll festgehalten, jauchzten die neu Dazugekommenen nicht.
Fischer erhielt wegen der nächtlichen Ruhestörung einen Strafbefehl zu drei Tagen Gefängnis. Daraufhin äußerte er: "Wenn ich gestraft werde, sollen die Andren auch gestraft werden." Er behauptete, dass Johann und Nikolaus Knarr sowie Johann Kohles und Hoffmann auch gejauchzt hätten. Diese erhielten nunmehr auch Strafbefehle und zwar auf jeweils vier Tage Gefängnis.
Während Hoffmann seine Strafe antrat, legten die übrigen drei Burschen Einspruch gegen den Strafbefehl ein. Es kam am 8. April 1902 zur Verhandlung vor dem Schöffengericht in Kulmbach. Fischer und Leppert bekundeten unter Eid, dass sowohl die beiden Knarr als auch Kohles gejauchzt hätten. Nachdem dies die drei Angeklagten entschieden in Abrede stellten, wurde die Verhandlung ausgesetzt, um weitere Erhebungen anzustellen.


Untersuchung wegen Meineides

Die nächste Verhandlung war auf den 29. April angesetzt. Leppert, wieder als Zeuge geladen, bekundete nun plötzlich, dass nur Fischer und Hoffmann gejauchzt hätten. In Folge dessen wurden die Knarr-Brüder und Kohles freigesprochen. Ganz klar, dass nun gegen Leppert eine Untersuchung wegen Meineides eingeleitet werden musste.
In der Schwurgerichts-Sitzung am 18. Juni 1902 in Bayreuth gestand Leppert, dass es wider besseres Wissen die Unwahrheit gesagt habe, denn tatsächlich hätten Fischer zweimal und Hoffmann einmal gejauchzt, die übrigen Burschen aber nicht. Zu dieser Aussage sei er von Fischer überredet worden. Fischer sei mehrmals zu ihm gekommen und habe auf ihn eingewirkt, für ihn doch Zeugen zu machen, damit die anderen auch gestraft würden.
Da er (Leppert) Fischer als einen gewalttätigen Mann kannte, der schon vier Jahre auf der Plassenburg im Gefängnis gesessen habe, habe er sich vor ihm gefürchtet, habe seinen Einflüsterungen gefolgt und den Meineid geleistet. In der zweiten Verhandlung in Kulmbach, wo Fischer nicht anwesend war, habe er dann die Wahrheit gesagt.
Fischer stellte sowohl die Anstiftung zum Meineid als auch den Meineid selbst in Abrede. Durch eine Reihe von Zeugen wurde aber offenkundig, dass Fischer lediglich aus Rache über seine Bestrafung die anderen Burschen wegen Ruhestörung denunzierte und den gutmütigen Leppert zu der falschen Aussage überredete.


Ehrenrechte aberkannt

Die Richter ließen bei Christian Leppert Gnade vor Recht ergehen und verurteilten ihn zu vier Monaten und 15 Tagen Gefängnis. Franz Fischer erhielt eine Gesamtstrafe von drei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus und die auf Meineid gesetzten Ehrenstrafen, also die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte und Eidesunfähigkeit.
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