Kronach
Literatur-Projekt

Jan Palach und das Fanal vom Wenzelsplatz ließen Ingo Cesaro nie los

Natürlich ist die Kronacher Synagoge ein passender Raum für Cesaros Jan-Palach-Projekt, um dieses erstmals zu präsentieren. Mit dabei waren die Schauspielerinnen Ulrike Mahr und Lucie Lechner (München...
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Cesaro überreichte als Dank an die drei Mitwirkenden je eine Rose. Das Foto zeigt von rechts: Ute Fischer Peterson, Lucie Lechner, Ulrike Mahr und Ingo Cesaro Foto: privat
Cesaro überreichte als Dank an die drei Mitwirkenden je eine Rose. Das Foto zeigt von rechts: Ute Fischer Peterson, Lucie Lechner, Ulrike Mahr und Ingo Cesaro Foto: privat

Natürlich ist die Kronacher Synagoge ein passender Raum für Cesaros Jan-Palach-Projekt, um dieses erstmals zu präsentieren. Mit dabei waren die Schauspielerinnen Ulrike Mahr und Lucie Lechner (München). Beide inszenierten die zweisprachigen Palach-Gedichte. Ute Fischer Peterson, die für die musikalischen Einwürfe verantwortlich zeichnet, bot in den Sprechpausen den Zuhörern Gelegenheit, über das Gehörte nachzudenken.

Kein leichter Stoff, dieses Fanal von Jan Palach, der sich als Fackel Nummer eins am 16. Januar 1969 auf dem Wenzelsplatz anzündete und am 19. Januar an den Folgen der schweren Verbrennungen starb.

Nach der Begrüßung der Gäste und der Vorstellung der beteiligten Künstlerinnen ging Cesaro auf die lokale Partnerschaft für Demokratie "Demokratie leben" im Landkreis Kronach ein, die dieses literarische Projekt ermöglichte. So konnte er unter den Gästen auch Sabine Nachtrab begrüßen, die die Koordinierungsstelle bei der VHS leitet.

Dramatisches Ende

Panzer des Warschauer Paktes walzten im August 1968 die Demokratie-Bewegung, bekannt als "Prager Frühling", nieder. Cesaro ging auf das Aktionsprogramm der KP vom April 1968 ein, wo das neue Denken niedergeschrieben wurde. Es ging um Versammlungsrecht, um Pressefreiheit und um die Abschaffung der Zensur. Die Bürger konnten ins Ausland reisen.

Vorher im Juni 1968 wurde das "Manifest der tausend Worte" von Ludvik Vaculik veröffentlicht. Dubcek wird verhaftet und nach Moskau verschleppt. Dort unterschreibt er zusammen mit Ludvic Svoboda das "Moskauer Protokoll". Die Idee eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" wird von Panzern niedergewalzt. Gustav Husak übernimmt das KP-Präsidium. Es gibt leichte Verbesserungen.

Nun rezitierten Lucie Lechner und Ulrike Mahr die Gedichte "Dein Herz verbrannt nicht", "Eine unbekannte Hand" und "Auf dem Wenzelsplatz" abwechselnd auf Tschechisch und Deutsch. Eindrucksvoll die weiche Stimme von Lechner. Man merkte beiden sichtlich die Ergriffenheit an, denn Ulrike Mahr bemerkte ja noch, wie stark sie die Gedichte beeindruckt hätten. Und Lucie Lechner fühlte sich geehrt, bei diesem Jan-Palach-Projekt mitwirken zu dürfen.

Im zweiten Teil ging Cesaro auf das Fanal ein. Am Donnerstag, den 16. Januar 1969, gegen 15 Uhr, legte Jan Palach seine Aktentasche ab, zog seinen Mantel aus und übergoss sich mit dem Inhalt eines Benzinkanisters und zündete sich an. Wie eine Fackel rannte er über den Wenzelsplatz. Hätte nicht ein Straßenbahnschaffner geistesgegenwärtig seinen Mantel über Jan Palach geworfen, er wäre sofort gestorben. Obwohl 85 Prozent seiner Haut verbrannt waren, starb Jan Palach erst am 19. Januar 1969. Immer wieder betonte er, dass er kein Selbstmörder sei. Berge von Briefen und Karten erreichten das Krankenhaus. Die Ärztin Jarolslava Moserova las ihm viele vor. Immer wieder fragte Jan Palach, ob die Regierung schon reagiert hätte. Bekannt ist auch der Ausspruch von ihm, überliefert vom Studentenführer Lubos Holecek: "Ich habe mit dem Überleben gerechnet, doch habe ich den Tod nicht ausgeschlossen."

Es folgten die Gedichte "Schwere Träume", "Lautes Zähneklappern" und "Schweigen" und im zweiten Block "Ein Alptraum", "Wir hielten Abstand" und "Die Rechnung ging nicht auf".

Verstrickungen Cesaros

Cesaro hatte noch im Januar 1969 angefangen, Gedichte darüber zu schreiben, aber es gelang ihm anfangs nur eine Zeile: "Die Söhne opfern sich für die Zukunft ihrer Väter". Für die Gedichte gibt es keine Reihenfolge. Und im Gespräch mit seinem Freund und Übersetzer Josef Hrubý ging es immer darum, wie sich die Gedichte auf Tschechisch anhören. 1999 war Cesaro zu einer Lesung beim Prager P.E.N. eingeladen. Dort las er den Jan-Palach-Zyklus auf Deutsch und Josef Hrubý die tschechische Fassung. Die tschechischen Kollegen waren mit dem Thema nicht einverstanden, denn zu dieser Zeit war Jan Palach noch eine Unperson.

Bei der sich damals anschließenden Diskussion outete sich die bulgarische Ärztin Maria Vojtová als Verfasserin des Buches "Porc Jsem Nemluvila", was so viel wie : "Warum ich so lange geschwiegen habe" heißt. Dreißig Jahre habe sie aus Angst gezögert, dieses Buch zu veröffentlichen, denn sie betreute Jan Palach drei Tage bei seinem Sterben als Assistenzärztin im Krankenhaus. Sie war sehr erregt und stürzte auf dem Nachhauseweg, fiel ins Koma und starb nach 14 Tagen. Die tschechischen Kollegen warfen Cesaro vor, er wäre am Tod der Ärztin schuld. Erst viele Monate später legte sich dieser Vorwurf.

Zum Abschluss lasen Ulrike Mahr und Lucie Lechner die Gedichte "In diesen wahnsinnigen Zeiten" und "Die Liebe für sein Volk". Und abschließend den Satz auf Tschechisch und Deutsch: "Dein Herz verbrannte nicht, Jan Palach!"

"Sie haben mit ihrem Besuch heute Farbe bekannt", sagte Cesaro zum Abschluss und dass er noch immer bis zum Hals in diesem Projekt stecke und die heutige Veranstaltung ihn etwas davon befreien soll. Abschließend zitierte er Friedrich Bonhoeffer: "Dem Rad müssen wir selbst in die Speichen greifen". red

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