Lichtenfels
Unter uns am Obermain (532)  Franken hat eine Kneipenkultur. Mitunter, womöglich - wer weiß? - bleibt das so. Mal sehen.

Irgendwo im Landkreis

Markus Häggberg Zu den großen Herausforderungen der Zukunft zählt unzweifelhaft der Erhalt der heimischen Wirtschaft. Man hört ja immer wieder von Schwierigkeiten bei der Unternehmensnachfolge, von Ve...
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Markus Häggberg Zu den großen Herausforderungen der Zukunft zählt unzweifelhaft der Erhalt der heimischen Wirtschaft. Man hört ja immer wieder von Schwierigkeiten bei der Unternehmensnachfolge, von Veränderungen im Kundenverhalten, vom Kampf der Tradition gegen die Moderne oder was sonst noch allem. Das wirft dann Fragen auf.

Erst recht, wenn Gerüchte von Standortschließungen kursieren. Eben darum ist mein Spezi neulich einem Ortsrätsel und dem dazugehörigen Wirt in W. (eigentlich A., aber aus Tarnzwecken eben in W.) nachgegangen. Er passte den alten Herren regelrecht ab, gab sich ob der Begegnung freudig überrascht und gaukelte gehörig Sozialkompetenz vor. Ihm war an einer Vorhersage gelegen und daran, sie seinen Kumpels brühwarm weiterzuerzählen. So ward ihm die Zunge locker und er suchte den alten Mann zu einer Aussage zur Zukunft der Kneipe zu verleiten.

Der Wirt ist tapfer verwitwet und ziemlich vorgerückten Alters. Er kennt meinen Spezi schon von Kindesbeinen an. Und zwar von seinen eigenen. Also jedenfalls hat er noch nie schlecht über meinen Spezi gesprochen, obwohl mein Spezi gewiss kein Zecher von Bedeutung ist und zu seiner Schande noch nie aus der Ortskneipe hinausgetragen werden musste. Jedenfalls mimte mein Spezi ob der Begegnung mit dem Wirt also den Überraschten, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: "Ja schau. Servus, grüß dich. Na ... Mensch, du ... hm?" Derlei leutselige Einleitungen sind unzweifelhaft eine rhetorische Meisterleistung, denn um hinter ihnen den Prolog zu einem Aushorchen zu vermuten, müsste man schon ein Machiavelli sein.

Wirts Antwort allerdings war kurz und bündig: "Ach weißt du, es ist, wie's ist." Das Eis war offenkundig gebrochen und so fragte mein Spezi konkreter: "Puh ... und ... heute Abend wieder ... wie alt bist du jetzt eigentlich?" Die Antwort kam prompt und ehrlich: "Hör bloß auf, so alt wird keine Sau. Aber ehrlich: Man ist so alt, wie man sich fühlt." Darauf blickte mein Spezi gen Himmel, nickte ratlos und tat ganz so, als hätte ihn die Antwort weitergebracht. Dann sagte er: "Was ich ja toll finde, ist die Qualität von deinem Bier. Das bleibt doch auch in Zukunft so, nä? Ich meine ja nur, weil man immer hört, dass die Bierqualität abnimmt, gell?" Der Wirt winkte ab und antwortete: "Ja, ja, man hört so einiges." Nickend lächelte mein Spezi den alten Wirt an und tat ganz so, als habe er einen dunst, wovon der Alte sprach, sofern er etwas gemeint haben mochte.

Nun wollte mein Spezi der Unterhaltung eine mehr ins Investigative gehende Wendung geben. "Was ich so toll an dir finde, ist, dass du so unermüdlich arbeitest - du wirst uns noch alle überleben. Arbeit hält dich fit, was?" Der Alte klopfte meinem Spezi auf die Schulter. "Ach naja ... ist halt so ne Sache", ließ er knallhart durchblicken. "Jaaa, jaaa", pflichtete ihm mein Spezi bei. Dann wollte er es genau wissen: "Was ich immer toll finde, ist dieses Fleisch, das es bei dir immer am Dienstag auf der Karte gibt. Wirst du das auch weiterhin von ... diesem Metzger beziehen ... na, wie heißt er doch gleich?"

Jetzt wurde der Wirt zum ersten Mal konkret: "Ich hatte an Dienstagen nie offen." Dass er jetzt die Tage verwechselt hatte, war meinem Spezi selbst ziemlich peinlich, aber er gab nicht auf und versuchte es durch eine andere Hintertür, und man muss schon sagen, dass er sehr subtil war. "Ich mag deine Kneipe. Sie war gemütlich, ist gemütlich und wird immer gemütlich bleiben - hat man selten heutzutage."

Jetzt, zum ersten Mal seit Gesprächsbeginn, zeigte sich im Gesicht des Alten eine wirkliche Regung. Er klopfte meinem Spezi auf die Schulter, sah ihm kurz ins Gesicht und dann sagte er etwas Entscheidendes: "Bist'n wirklich feiner Kerl ... meinst du, der Club steigt heuer wieder auf?" Jetzt war mein Spezi gefragt und er machte seine Sache gut: "Ach ja, schauen wir mal, nä? Zu wünschen wäre es ihm ja."

Tja, Globalisierung hin oder her, so ist das bei uns auf dem Land - man spricht noch offen miteinander und spart im Grunde kein Thema aus.

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