Lichtenfels

Interview: "Inklusion ist kein Expertenthema, sondern geht jeden an"

Kreis Lichtenfels — Seit diesem Sommer gibt es eine Neuauflage des Beratungswegweisers für Menschen mit Behinderung (erhältlich beim Landratsamt oder im Internet unter www.lkr-lif....
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Kreis Lichtenfels — Seit diesem Sommer gibt es eine Neuauflage des Beratungswegweisers für Menschen mit Behinderung (erhältlich beim Landratsamt oder im Internet unter www.lkr-lif.de). Erstellt hat ihn der Behindertenbeauftragte Manfred Robisch. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit. In Sachen Barrierefreiheit sieht er noch großen Nachholbedarf im Landkreis.

Herr Robisch, den "Wegweiser für Menschen mit Behinderung" zu erstellen, war eine Ihrer ersten Tätigkeiten als Behindertenbeauftragter des Landkreises. Die erste Auflage, 2005 erstellt, hatte 50 Seiten. Mit wie viel Aufwand war das Zusammentragen aller Informationen für Sie verbunden?
Die Arbeiten an dem Beratungswegweiser dauerten circa ein halbes Jahr. Eine große Hilfe war mir hier das Internet, ich konnte darüber zahlreiche Adressen mit den dazugehörigen Daten erfahren.

War die Arbeit an der nunmehr 4. Auflage einfacher, weil man schon auf etwas aufbauen konnte?
Die Arbeit an der 4. Auflage war etwas einfacher, da ich viele Daten und Informationen aus der vorherigen Broschüre übernehmen konnte. Dennoch war ich circa drei Monate mit der Überarbeitung beschäftigt. Wichtig war mir, den Menschen mit Behinderungen und ihren Angehörigen entsprechende Hilfen und Informationen zur Verfügung zu stellen. Der Wegweiser kann letztendlich auch als eine Aufzählung der Einrichtungen verstanden werden, in denen Menschen mit Behinderung willkommen sind.

2007, zwei Jahre nachdem Sie das Ehrenamt übernommen hatten, war es Ihr Ziel, ein Netz ehrenamtlich tätiger Behindertenbeauftragter in den Gemeinden des Landkreises aufzubauen. Sind Sie heute mit dem Erreichten zufrieden?
Der Aufbau eines Netzwerkes in unseren Städten und Gemeinden des Landkreises war mir ein wichtiges Anliegen und ich bin mit dem Erreichten sehr zufrieden. Die Behindertenbeauftragten in den Kommunen kümmern sich insbesondere um die Belange der behinderten Menschen vor Ort. Besonders der Austausch untereinander, gegenseitige Informationen, sind wichtige Bestandteile dieses Netzwerkes. Es wurde auch ein Runder Tisch ins Leben gerufen, und wir treffen uns einmal im Jahr zum Austausch im Landratsamt. Es ist eine gute Zusammenarbeit, und die ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten der Städte und Gemeinden im Landkreis unterstützen sich gegenseitig bei den verschiedensten Aktionen.

Sie sind 68 Jahre, längst im Ruhestand, und halten dennoch regelmäßig Sprechstunden im Landratsamt. Was gibt Ihnen diese Aufgabe?
Ohne das Ehrenamt würden viele Dinge in unserer Gesellschaft nicht funktionieren. Egal, ob als Vorsitzender eines Sportvereins, als Betreuer einer Jugendgruppe oder wie ich als ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter. Täglich engagieren sich viele Menschen freiwillig und unentgeltlich für andere. Ich selbst bin seit 30 Jahren Vorsitzender des TV Unterwallenstadt und habe mich schon immer ehrenamtlich eingebracht. Ehrenamtliches Engagement ist ein wesentliches Element von Solidarität und humanitärer Verantwortung in der heutigen Gesellschaft. Im freiwilligen Engagement bietet sich für jeden Einzelnen die Chance, den öffentlichen Raum mitzugestalten. Ich war vorher nahezu 30 Jahre im Landratsamt Lichtenfels in der Ausländerbehörde beschäftigt. Als ich von der Geschäftsleitung gefragt wurde, ob ich den Aufgabenbereich als Behindertenbeauftragter übernehmen würde, habe ich nach kurzen Überlegungen zugesagt. Der Aufgabenbereich war völlig neu geschaffen worden, sodass ich mich nicht am Handeln eines Vorgängers orientieren konnte. Ich musste mir alles selbst erarbeiten. Anderseits bot sich die einmalige Chance, selbst Schwerpunkte zu setzen.

Wo sehen Sie noch die größten Schwachstellen in unserer Region, wenn es darum geht, dass Menschen mit Behinderung an allen Angeboten und Aktivitäten teilhaben können sollen?
Der Begriff Inklusion ist ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Inklusion ist kein Expertenthema. Es ist ein Thema, das die Zustimmung aller erfordert. Einen wichtigen Meilenstein markiert die UN-Behindertenrechtskonvention, die in Deutschland im Jahr 2009 in Kraft trat. Um Denken und Handeln zu verändern, bedarf es aber weitaus mehr. Es muss jedem bewusst sein, wie wichtig Inklusion für das gesellschaftliche Miteinander ist. Sie kann nur dann gelingen, wenn möglichst viele Menschen erkennen, dass gelebte Inklusion den Alltag bereichert. Es gibt hier verschiedene Handlungsfelder. In unserer Region hat sich insbesondere in Sachen Barrierefreiheit in der Vergangenheit zwar einiges getan. Doch es besteht noch ein großer Nachholbedarf. Behinderte Menschen haben ein Recht auf eine barrierefreie Umgebung. Der Anspruch auf Barrierefreiheit wird heute bei Weitem noch nicht erfüllt. So sind einige Bahnhöfe im Landkreis nicht barrierefrei. Noch immer berichten Betroffene über teils unzumutbare Barrieren bei Bahnreisen, Arztbesuchen oder beim Einkauf. Hürden sind nicht überall beseitigt worden. Eine barrierefreie Umwelt kommt jedoch nicht nur Menschen mit dauerhaften Behinderungen zugute, sondern auch Personen, Familien und Kindern und zeitweise gehandicapten Personen.

Die Fragen stellte Ramona Popp
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