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Beruf 

Integration: ein hartes Stück Arbeit

Der Iraner Mohamad Jula und der Syrer Emad Abbas sind nach ihrer Flucht nach Deutschland auch beruflich angekommen: Sie arbeiten bei ESN in Hofheim. Dass der Weg in den Arbeitsmarkt dennoch schwierig und eine große Herausforderung für Flüchtlinge und das Jobcenter in Haßfurt ist, wurde bei der Sitzung des Kreistag-Wirtschaftsausschusses deutlich.
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Mohamad Jula kommt aus dem Iran, ist 45 Jahre alt und lebt seit 2004 in Deutschland. Wie sein syrischer Kollege Emad Abbas (32) besitzt er eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Für die Personalabteilung von ESN Deutsche Tischtennis Technologie bringt diese vorläufige Duldung einigen Aufwand mit sich. "Dahinter steckt viel Bürokratie. Wir müssen verschiedene Fristen beachten und die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung im Auge behalten", erklärt Sophie Theissmann von der Personalabteilung der Firma in Hofheim. Für sie und Alfons Diem, Leiter der Personalabteilung bei ESN, ist dennoch klar: "Integration funktioniert nur über die Arbeit." Deshalb beschäftigt der Betrieb derzeit vier Mitarbeiter mit einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung.


"Teil unserer Wertekultur"

Doch diese vier Männer sind keineswegs die einzigen Mitarbeiter mit Migrationshintergrund bei ESN. Von den derzeit 215 Mitarbeitern kommt ein Großteil nicht aus Deutschland. "Wir haben Kollegen aus den Niederlanden, Kamerun, Polen, Tunesien...", zählt Sophie Theissmann auf und ergänzt: "Das ist Teil unserer Wertekultur. Das Unternehmen arbeitet mit Kunden aus der ganzen Welt zusammen und diese Weltoffenheit leben wir auch in unserer Firma." Für Emad Abbas und Mohamad Jula sind das die besten Voraussetzungen, um sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. Beide scheinen sich in dem Unternehmen wohl zu fühlen.
Der Syrer Emad Abbas weiß auf den Tag genau, wie lange er in der Produktion bei ESN arbeitet: seit vier Monaten und 18 Tagen. Er komme dort gut zurecht, nur mit der deutschen Sprache habe er, der seit 2011 in Deutschland lebt, manchmal noch Probleme.
Auch die Unternehmensführung hat dieses Problem erkannt und will betroffenen Mitarbeitern ab diesen Sommer Deutschunterricht anbieten. "Das ist nicht nur wichtig für das Miteinander, sondern auch für die Sicherheit. So können die Arbeitsanweisungen schneller und besser verstanden werden", erklärt Alfons Diem. Bisher müsse man diese teilweise Wort für Wort mit den Mitarbeitern erarbeiten.
Während Emad Abbas im Drei-Schicht-Betrieb in der Produktion arbeitet, ist Mohamad Jula seit April dieses Jahres in der Instandhaltung tätig und wartet Maschinen. Zuvor hatte er eine 20-monatige Umschulung zum Industriemechaniker bei den Königsberger Lehrwerkstätten besucht. Als ESN in einer Zeitungsannonce nach einem Industrie- mechaniker suchte, bewarb er sich. Emad Abbas dagegen hat über seinen Bruder, der bereits seit über zwei Jahren bei ESN arbeitet, zu dem Unternehmen gefunden. "Für uns ist wichtig, dass die Mitarbeiter qualifiziert sind und auch menschlich zu uns passen. Wo sie herkommen, spielt keine Rolle", sagt Diem.
Insgesamt stellt sich die Situation aber für Geflüchtete, die den Sprung in den Arbeitsmarkt schaffen wollen, alles andere als einfach dar, wie der Geschäftsführer des Jobcenters Haßberge, Werner Mahr, und sein Kollege Michael Melber, Teamleiter Markt und Integration, gestern in Haßfurt verdeutlichten.


"Deutsch ist das Ein und Alles"

Sie erklärten vor dem Kreistag-Ausschuss für Arbeit, Wirtschaft und Regionale Entwicklung des Kreises Haßberge, wie schwierig es vor allem sei, die Betroffenen auf ein entsprechendes Sprachniveau zu bringen, um in der Arbeitswelt zu bestehen. Die hiesige Landessprache gut zu beherrschen sei der Schlüssel, erklärte Michael Melber: "Deutsch ist das Ein und Alles." Deswegen habe das Jobcenter den Druck erhöht, um die Betroffenen in eine Position zu bringen, aus der heraus sie es schaffen können, am Arbeitsmarkt zu bestehen.
So habe das Jobcenter etwa deutlich gemacht, dass Sprachkenntnisse essenziell sind und die Jobcenter-Mitarbeiter erwarten dürfen, dass bei entsprechendem Kenntnisstand der deutschen Sprache auch deutsch gesprochen werden müsse: Wer den Integrationskurs abgeschlossen habe und dann im Jobcenter auf arabisch mit der Übersetzerin kommunizieren will, wird darauf hingwiesen, dass das nicht möglich sei. "Denn nichts anderes passiert, wenn sie einen Betrieb betreten", sagte Melber. "Ich muss mich artikulieren können."
Auch in Hinblick auf Anspruchsdenken habe man einige Migranten in die Schranken weisen müssen, ebenso seien Defizite in einigen Bereichen festgestellt worden, die als Grundqualifikation für das Lernen und Arbeiten in Deutschland gelten: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, zählte Melber unter anderem auf. Dass das Jobcenter diese Tugenden einfordert, hat sich laut Melber als sinnvoll erwiesen - denn die Bereitschaft der Geflüchteten zur Integration sei dadurch gestiegen. Zudem unterstütze das Jobcenter die Menschen dabei, alle notwendigen Qualifikationen zu erlangen. Maßnahmen wie Berufsvorbereitungsjahre, zusätzliche Sprachkurse oder berufsbegleitende Unterrichtsstunden, wenn Defizite in der Ausbildung bestehen, hätten sich als wirkungsvoll erwiesen. Zu beobachten sei generell: "Frauen können die deutsche Sprache meist sehr viel schneller als die Männer."
Den Einwand von Kreisrätin Susanne Kastner, dass ein halbes Jahr Integrationskurs mit 600 Stunden sehr "sportlich angelegt" ist, da es "unheimlich schwer" sei, die Prüfungen auf Deutsch zu schreiben, ließ Melber gelten: Die Anforderungen seien tatsächlich sehr hoch, weswegen auch Nachkurse angeboten würden. Landrat Wilhelm Schneider bekräftigte Kastners Einwand: "Ich sehe es auch als sehr sportlich an, in einem solch kleinen Zeitraum Deutsch zu lernen." Hier sollte man nach Möglichkeiten suchen, mehr Zeit einzuräumen.


Keine Sonderbehandlung

Melber betonte auch, es gebe keine Sonderbehandlung für Flüchtlinge, was die Unterstützung durch das Jobcenter angeht. Gleiche Bedingungen gelten für alle, "das Herkunftsland ist egal", jemand, der aus den USA, Kanada oder Spanien komme, müsse die Anforderungen genauso erfüllen. Ebenso bekämen Deutsche nicht mehr oder weniger Leistungen zugesprochen, sofern Anspruch besteht. "Uns ist wichtig: Die Gleichbehandlung aller Kunden beim Jobcenter", sagte Melber.
Laut Geschäftsführer Mahr steht das Jobcenter vor großen Herausforderungen. Derzeit seien 427 Flüchtlinge beim Jobcenter Haßberge gemeldet, das entspreche einem Viertel "unserer derzeitigen Kunden". Unwägbar sei aber der künftige Kundenzuwachs durch Familiennachzügler der anerkannten Flüchtlinge. Derzeit gehe man von zwei bis drei Personen bei einem Familiennachzug aus. In zwölf Monaten könnten so "50 Prozent unseres Kundenstamms mit Migrationshintergrund" sein, sagte Mahr. "Integration ist kein Sprint, sondern Mittel- bis Langstrecke." Es werde noch dauern, bis es zu einer "nachhaltigen Integration auf dem Arbeitsmarkt kommt".

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