Bamberg

Insassen erzählen von ihrem Alltag

Lüpertz-Fenster, Texte von jungen Strafgefangenen und adventliche Stimmung im Juli - der Abendgottesdienst in der St. Elisabeth-Kirche rüttelte auf.
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Rolf-Bernhard Essig und Hanne Mausfeld tragen Texte von jungen Häftlingen der JVA Ebrach vor.  Foto: Krüger-Hundrup
Rolf-Bernhard Essig und Hanne Mausfeld tragen Texte von jungen Häftlingen der JVA Ebrach vor. Foto: Krüger-Hundrup

Marion Krüger-Hundrup Das war in der Sandstraße nicht zu überhören! Aus der St. Elisabeth-Kirche drang lauter Gesang mit Orgelbegleitung: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit....", tönte das bekannte Adventslied mitten im Juli. Doch dieser Sound war keine Verirrung im Kirchenjahr, sondern ein bewusster Akzent bei diesem Gottesdienst am Samstagabend: "Adventliche Menschen sind wir immer, wir warten auf den Herrn", hatte Pfarrer Hans Lyer eingeleitet. Zumal "Macht hoch die Tür" für Gefangene ein "gefährliches Lied" sei.

Zellentüre auf, Zellentüre zu

Zellentüre auf, Zellentüre zu: So sieht nämlich der Alltag von Häftlingen aus. Was geht in ihnen vor, wenn sie eingesperrt werden? Wie verletzlich sind sie im Verlust der Freiheit? Welche Fantasien werden greifbar, wenn sie schwarz auf weiß zu Papier gebracht werden? Die Gottesdienstbesucher in der vollbesetzten Elisabethenkirche bekamen berührende Einblicke in das Innerste jugendlicher Strafgefangener der JVA Ebrach, in der Pfarrer Lyer ihr Seelsorger ist. Die beiden Literaten Rolf-Bernhard Essig und Hanne Mausfeld lasen Texte dieser "neuen Mönche von Ebrach, die meistens in Blau gekleidet sind", so Lyer.

Mönchischer Geist in der JVA

Im einstigen Kloster Ebrach werde schon seit Jahrhunderten geschrieben, man könne den Geist noch in den Mauern spüren, lächelte der Priester. Dieser mönchische Geist lebt seit 2006 in der Schreibwerkstatt der JVA weiter, die Pfarrer Lyer eingerichtet hat.

Ehrenamtlich sorgen Rolf-Bernhard Essig und Hanne Mausfeld dafür, dass darin die jungen Häftlinge freiwillig all das zu Papier bringen, was sie hinter den Mauern bewegt.

In der Vorabendmesse stellte Pfarrer Lyer erst einen Spannungsbogen her zwischen der Begegnung Jesu mit der tätigen Marta und der zuhörenden Maria und den Texten aus der JVA. "Manchmal ist es angesagt, nicht faul zu sein, zuzuhören, präsent zu sein, offen zu sein für etwas Neues, wie Jesus es gemacht hat", so Lyer. Die Verbindung der Frauen Marta und Maria passe zu der Lesung von Texten junger Männer, "die nicht hier sein können".

Essig und Mausfeld trugen ausgewählte Beispiele aus dem Büchlein "Türe auf, Türe zu" vor, das in der Schreibwerkstatt des Jugend-Gefängnisses entstanden ist. Ungeschönt, sehnsuchtsvoll, hart, verzweifelt, träumerisch, nachdenklich und fast immer sehr überraschend: Die Texte aus der "Talentschmiede Knast" rüttelten die Gottesdienstgemeinde auf. Wer im Gefängnis sitzt, kann gleichwohl klug, tiefgehend, emotional schreiben.

Ein richtiges Brot mit dem Symbol des Kreuzes, gebacken in der JVA Ebrach, lag auf dem Altar. Pfarrer Lyer sprach die Wandlungsgebete, bat Rolf-Bernhard Essig und Hanne Mausfeld zu sich, die ihm beim Brechen des Brotes für alle in der St. Elisabeth-Kirche helfen sollten. Wie in der Urgemeinde.

"Nur Trauer und Leid bestimmen meine Zeit. Doch irgendwann dann kommt die Zeit, dann bin ich wieder frei!" hatte sich ein Häftling seine Sehnsucht vom Herzen geschrieben. Dieser Gottesdienst erfüllte eine Sehnsucht des Kirchenvolkes. Ausgedrückt in den expressiven Farben und bildgewaltigen Motiven des ersten Fensters von Markus Lüpertz für St. Elisabeth, das an diesem Abend nicht verhüllt war.

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