Bamberg

"Inklusion ist kein Projekt, sondern eine Aufgabe"

Behinderte Menschen müssen einen ungeschränkten Zugang zu Kultur haben. Ein Gespräch mit Harald Rink von der Lebenshilfe Bamberg, die ein entsprechendes Projekt initiiert hat.
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Harald Rink
Harald Rink
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Die UN-Behindertenrechtskonvention formuliert es eindeutig: Behinderte Menschen müssen einen uneingeschränkten Zugang zu Kultur haben. Deswegen wurde im Januar das Projekt "Kulturelle Bildung inklusiv" der Offenen Behindertenarbeit der Lebenshilfe Bamberg gestartet. Allen Menschen einen barrierefreien Zugang zu Kultur zu schaffen, ist keine leichte Aufgabe, wie Projektleiter Harald Rink weiß, doch er stellt sich der Aufgabe gerne.

Was kann man sich unter "Kulturelle Bildung inklusiv" vorstellen?
Harald Rink: Der Begriff "Kulturelle Bildung" hat Hochkonjunktur und erlebt einen beispiellosen Boom vor allem im Kinder- und Jugendbereich. Im Zentrum der kulturellen Bildung steht die Teilhabe an kreativen Kursangeboten in den Bereichen Tanz, Theater, Musik, Literatur, bildende Kunst und Medien. Doch Menschen mit Behinderung kommen immer noch zu selten in deren Genuss. Ganz zu schweigen von inklusiven Angeboten der kulturellen Bildung für Menschen mit und ohne Behinderung. Die "Lebenshilfe Bamberg e.V." hat daher im Januar 2018 mit Unterstützung von Aktion Mensch das Projekt "Kulturelle Bildung inklusiv" unter Federführung der Offenen Behindertenarbeit gestartet. Beispielhaft soll mit diesem Projekt die UN-Behindertenrechtskonvention in den künstlerischen und kulturellen Feldern in Bamberg umgesetzt werden.

Wie gestaltet sich die konkrete Arbeit des Projekts?
Meine Aufgabe ist die Vernetzung und Kooperation der Behindertenhilfe mit den Einrichtungen aus der Nichtbehindertenwelt sowie die Planung, Organisation und Durchführung von Angeboten zur inklusiven kulturellen Bildung.
Ziel ist es, Strukturen zu schaffen für eine nachhaltige inklusive kulturelle Bildung. Die vergleichsweise aufwendige Pionierarbeit trägt indes schon die ersten Früchte.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Mit der Bertold-Scharfenberg-Schule (Förderzentrum mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung) und der Heilpädagogischen Tagesstätte (HPT) der Lebenshilfe Bamberg haben wir ein gemeinsames Projekt mit den dritten Klassen der Grundschule Gaustadt gestartet. Insgesamt neun Kinder mit Behinderung und zwölf Kinder ohne Behinderung nehmen an einem Mal- oder Tanzkurs teil. Geleitet werden die Kurse von der professionellen Künstlerin Hannelore Heider und Tanzpädagogin Laura Schabacker.
Andere Schüler einer 8. Klasse der Heidelsteigschule und Jugendliche der HPT der Lebenshilfe haben gemeinsam mit Jonas Ochs, Gründungsmitglied von "Bambägga", gerappt oder in einem parallel angebotenen Trommelkurs mit Werner Silzer von "Body & Soul" groovige Rhythmen auf der Djembe gelernt.

Warum ist das Projekt notwendig?
Durch die aktive Beschäftigung mit Kunst und Kultur erleben Menschen mit Behinderung persönliche Wertschätzung, sie entwickeln neue Perspektiven und erlernen wichtige Fähigkeiten für ein erfolgreiches und selbstbestimmtes Leben. Und Menschen ohne Behinderung lernen Menschen mit Behinderung im gemeinsamen Tun und zwanglosen Beisammensein kennen und kommen zu einem selbstverständlichen Umgang. Wenn Menschen gemeinsam kreativ werden, entstehen ganz neue Formen des Miteinanders und der Kultur. Ganz bewusst richtet sich das Projekt "Kulturelle Bildung inklusiv" an alle Menschen mit den verschiedensten Behinderungsarten, auch außerhalb der Lebenshilfeeinrichtungen. So kommen derzeit zehn hörgeschädigte oder sprachbehinderte Jugendliche der HPT der Von-Lerchenfeld-Schule und der Martin-Wiesend-Schule jeden Montagnachmittag ins Schwitzen, wenn sie unter fachkundiger Anleitung der Tanzlehrerin Johanna Knefelkamp zu Breakdance-Helden werden.

An wen richtet sich "Kulturelle Bildung inklusiv" insbesondere?
Besondere Beachtung will das Projekt den Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung schenken. Bei Teilhabeangeboten jeglicher Art werden sie oftmals nicht mit einbezogen. Hier gilt es erst einmal neue Formen einer kulturellen Bildung zu entwickeln. Mit Jürgen Starklauf, einem Bewohner des Pflegeheims der Lebenshilfe in Stegaurach mit spastischer Tetraparese (Lähmung aller vier Gliedmaßen), probiert die Künstlerin Christiane Hartleitner einmal die Woche immer wieder neue Möglichkeiten aus, Farbe aufs Papier zu bringen. Sei es mit dem Pinsel im Mund, durch unterstützende Handführung oder auf andere experimentelle Art und Weise, aber in jedem Falle mit viel Spaß und guter Laune. Aufbauend auf den so gemachten Erfahrungen, sollen diese dann langfristig, in inklusiven Angeboten umgesetzt werden.

Wie sieht die Zukunft des Projekts aus?
Die Begeisterung der Kinder und Jugendlichen aber auch der Künstler, Gruppenleiter und Kooperationspartner ist geweckt. Der Anfang ist gemacht, weitere Kurse und Angebote sollen folgen. Denn Inklusion ist kein Projekt, sondern eine Aufgabe.

Die Fragen stellte
Niklas Schmitt.

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