Zeyern

Im "Schimmela" schäumt das Bier

Kuriose Maßeinheiten gehörten bis in die fünfziger Jahre zur Wirtshauskultur im Frankenwald. Schäumendes Manna im "Schimmela" machte das Dorfwirtshaus zum "Himmela".
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Zu einem "Schimmela Bier" gehörte früher ein "Keiler" oder "Roampf" Brot. Foto: Alexander Grahl
Zu einem "Schimmela Bier" gehörte früher ein "Keiler" oder "Roampf" Brot. Foto: Alexander Grahl

Kronach/Zeyern — Es gibt so manche Lokalbezeichnungen oder gegenständliche Betrachtungen, über die sich die Gelehrten lange, manchmal sogar allzu lange, den Kopf zerbrechen, um den Ursprung feststellen zu können. So eine lange nicht gedeutete Bezeichnung ist auch das "Schimmela Bier", ein Name, der im alten Frankenwald ortsüblich war, heute aber nicht mehr gebräuchlich ist.

Die Gastwirtschaft und Bäckerei Buckreus in Zeyern, in den sechziger Jahren noch eines von sieben Wirtshäusern, an der Straße nach Hof gelegen, hatte tagtäglich von früh bis spät in die Nacht offen. An einem Holzbalken über der Schenke war folgendes Sprüchlein eingeschnitzt: "Middn Schimmela im Himmela".

Ja, draußen "bei der Wally", da war immer was los. Heute sind es noch die paar Alten, die sich mit Wehmut an die Wirtshausromantik von damals erin-nern dürfen und an die Bedeutung von einem "Schimmela".

Blank gescheuerte Zinnkrüge

Woher aber kommt die Bezeichnung "Schimmela"? Nun, vor hundert Jahren oder noch mehr saß auf dem Hause Klosterstraße 7 in Hof der Bäckermeister und Kommunbräuwirt Neugebauer. Wegen des sehr wohlschmeckenden Gerstensaftes hatte er verdienten Zulauf. Alle Vormittage und "zwischen Lichten", das heißt zum Dämmerschoppen, fanden sich Handwerksmeister bei ihm zu einem behaglichen Umtrunk ein. Und nach den so oft die Kehle austrocknenden Sitzungen nahmen auch die Magistratsräte und Gemeindebevollmächtigten aus dem nahen Rathaus gern die Gelegenheit wahr, ihre Gurgel zu befeuchten und ihrem Gaumen etwas anderes zu schlucken zu geben als nur muffigen Aktenstaub.

Alle bekamen das Bier in Zinnkrügen, die vor Gebrauch sauber mit Zinnkraut blank gescheuert waren. Die hatten die Zinngießer Herold gegossen, und bei den Stammgästen, und das waren die meisten, stand auf dem Krugdeckel der Name des Besitzers und auf dem Krug selbst war meist ein recht beziehungsvoller, lustiger Vers eingraviert. So ein Krug fasste ohne Schaummaß nicht weniger als einen Dreiviertelliter und wegen der hellglänzenden Farbe des Zinns nannte man diese Gemäße "Schimmel". Das gekühlte Bier schmeckte prachtvoll aus den Zinnkrügen.

Die Schankkultur gab es bis Mitte des vorigen Jahrhunderts auch in Kronach im "Scharfen Eck", beim "Appels-Max", beim "Schramms Andrejs" und in der "Hussitenklause". Heute sind "Schimmela" in den Wirtschaften nicht mehr gebräuchlich. Nur in manchen Haushalten gibt es sie noch und der kundige Hausvater weiß ihre kühlende Eigenschaft beim Trinken zu schätzen.

Der Name des Kruges, so sagt man, übertrug sich wegen des weißen Schaumes auf die Menge des Inhaltes. Das heißt, wer einen "Schimmel" verlangte, erwartete mindestens einen Dreiviertelliter Bier. Merkwürdigerweise gibt es noch in der Schweiz Bierkrüge mit einem weißen Rand, die man dort ebenfalls "Schimmel" nennt. Und es hat sich eingebürgert, dass man vieles Weiße mit dem Namen Schimmel belegt. Weiße Tiere, weiße Pilze und das Blatt Papier, das noch nicht von Druckmaschinen beschriftet ist. Auch flachshaarige oder blonde Kinder nennt man so und das führte in vielen Fällen zu den gleichlautenden Familiennamen, vermuten die Sprachforscher.

Übrigens, die Wirtschaften, in denen man aus "Schimmeln" trank, hatten bald ihren speziellen Namen weg: Sie hießen "Schimmelei". Und es gab unter den Biertrinkern manche Dispute darüber, ob das Bier aus "Schimmeln" besser munde als aus Buchenholzkrügen, die man "Bitschla" nannte. Aus Glas oder Steingut indes waren jene "Schimmela", mit denen in den frühen fünfziger Jahren die Schulbuben ihrem Opa das Fassbier frisch aus dem Zapfhahn vom Wirtshaus um die Ecke holen durften. Dabei wurde natürlich auf dem Heimweg manch edler Tropfen "verschüttet". Mit schaumbekrönter Nasenspitze bat man deshalb den Wirt, "nuch ann Schbruuz" draufzuschenken.

Davon kann der pfiffige "Kurti", ein "Zeyerne Engela" mit "Schdaawiesne Flügela", ein Liedlein flöten: "Dä alt Wallesbeck, Gott hou na seelich, die guud Siejel, hott nuch a Häzz fe Kinne khoadd und es Schimmela auf a Mejßla aufgschdoggd." Na, dann Prost!

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