Kronach

Im Kampf gegen das Vergessen

Christoph Zeckai erhält eine Ehrenurkunde der Obermayer Stiftung für sein Buch über die Geschichte der Juden in Kronach.
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Christoph Zeckai ist Lehrer, Kommunalpolitiker, Heimatpfleger und Autor. Foto: Archiv
Christoph Zeckai ist Lehrer, Kommunalpolitiker, Heimatpfleger und Autor. Foto: Archiv
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Nicole Julien-mann Zwölf Jahre alt war Christoph Zeckai, als er mit ansehen musste, wie sich ausgehungerte jüdische Häftlinge über einen Karren Saatkartoffeln hermachten. Die SS-Schergen des Naziregimes hatten noch in den letzten Kriegstagen 1945 versucht, die Befreiung der Juden in den Konzentrationslagern durch die alliierten Mächte zu verhindern. In den sogenannten Todesmärschen trieben sie die Gefangen quer durch das damalige Deutsche Reich. Dass einer dieser Züge mitten durch Schwarzenbach am Wald führte, hält der Historiker Zeckai heute für ein Versehen. Doch es war genau dieses traumatische Erlebnis, das sein späteres Leben prägte. Er studierte, unter anderem, Geschichte und machte es sich als Lehrer, Kommunalpolitiker und Heimatpfleger zur Aufgabe, sich gegen das kollektive Vergessen des Grauens zu stemmen.

Mit seinem beruflichen, politischen und ehrenamtlichen Engagement in Stadt und Landkreis Kronach hat er große Verdienste erworben, als Lehrer in der Maximilian-Welsch-Realschule, im Kreisrat, als Gründungsmitglied des Aktionskreises der ehemaligen Synagoge und als Kreisarchivpfleger. Jetzt wurde er mit einer Ehrenurkunde für sein Buch "Ein Stück Matzen, Nachbarin!" ausgezeichnet, das die Geschichte der Juden in Kronach umreißt. Keine geringere als Charlotte Knobloch, die ehemalige Vizepräsidentin des jüdischen Weltkongresses, Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und heutige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in Oberbayern und München hatte ihn für den "Obermayer German Jewish History Award" vorgeschlagen.

Der Preis wird seit fast 20 Jahren an Personen und Organisationen in Deutschland vergeben, die das jüdische historische und kulturelle Erbe aufrechterhalten. Das besondere an dieser Auszeichnung: die Preisträger gehören selbst nicht der jüdischen Glaubensgemeinschaft an.

Seine Mission: Aufklärung

Auch in der NS-Zeit gab es mitfühlende Deutsche, die das Schicksal der verfolgten Juden nicht kaltließ. Die meisten aber verschlossen Ohren und Augen. Manchmal aber konnte man nicht wegsehen, etwa als die SS-Männer in Schwarzenbach brutal auf die jüdischen Gefangenen einschlugen, weil sie die rohen Kartoffeln hinunterschlangen. Da regte sich auch die Bevölkerung in Schwarzenbach auf, erinnert sich Zeckai. Ankämpfen gegen das Wegsehen und das Vergessen wurde seither zu seiner Mission: "Aufklären, sich nicht scheuen zuzugeben, was geschehen ist."

Und so scheute er sich auch nicht, das unrühmliche Erbe aus der Nazi-Zeit in seinem Fach Geschichte zu behandeln: "Ich habe im Unterricht Filme über die Konzentrationslager gezeigt." Auch in öffentlichen Chroniken sei das das sogenannte Dritte Reich nicht oft vorgekommen, deshalb machte sich Zeckai kurzerhand selbst an die Arbeit. Die erste Auflage seines Buchs erschien 1992. Damals lebten noch einige Zeitzeugen, die er befragen konnte.

Zeckai ist Historiker, deshalb bewertet er nicht, er dokumentiert. Aber das Schicksal der jüdischen Kronacher Familien entwickelt gerade durch die kommentarlose Auflistung ihre beklemmende Wirkung. Es waren keine anonymen Menschen, sondern Nachbarn, Geschäftsleute, Schulfreunde, die deportiert wurden, wenn sie nicht rechtzeitig selbst vor dem Zugriff der Nazis emigriert waren.

Wieder ein aktuelles Thema

Zeckai sagt, niemals hätte er gedacht, dass rund 75 Jahre nach dem Holocaust Antisemitismus wieder ein Thema in Deutschland wäre. Vielleicht liegt es daran, dass immer wenn es um das Judentum geht, Nationalität und Glaubenszugehörigkeit über einen Kamm geschert werden. Ein israelischer Staatsbürger ist zwar mit großer Wahrscheinlichkeit ein Jude, aber ein Jude ist nicht zwangsläufig israelischer Staatsbürger. Die Politik des Staates Israel könne man kritisch beurteilen, aber die Religionszugehörigkeit nicht. Noch eine Differenzierung ist ihm wichtig: "Nicht alle, die die AFD wählen, sind Antisemiten."

Über die neuerliche Ehrung freut sich Christoph Zeckai. Aber seine persönlichen Höhepunkte waren die Aufnahme seines Buches in die Bibliothek der Internationalen Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und der Besuch von Charlotte Knobloch in Kronach zur Präsentation der zweiten Auflage seines Buches.

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