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Kronach

"Ich säe mein Waas in Gottes Hand"

Das bäuerliche Arbeitsleben im Frankenwald war mit dem Lenz ganz schön verbandelt. Abstrakte Liebesorakel und aufreizende Fruchtbarkeitsrituale beim "Rangespflanzn" beflügelten die Lebensgeister. Mondphasen und Sternzeichen waren dem Bauern hilfreiche Wegbegleiter.
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Eine Bäuerin beim Säen des Getreides im Jahr 1924 auf der Reichenbacher Höhe Repros: Alexander Grahl
Eine Bäuerin beim Säen des Getreides im Jahr 1924 auf der Reichenbacher Höhe Repros: Alexander Grahl
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"Im Märzen der Bauer die Rößlein anspannt; er pfleget und pflanzet all' Bäume und Land. Er ackert und egget, er pflüget und sät und regt seine Hände gar früh und noch spät". Das romantisch verklärte Frühlingslied vom fleißigen Bauernvolk war das Nonplusultra im Gesangsunterricht der fünfziger Jahre an den Schulen des Frankenwaldes. Es war ein Aufatmen nach der oft erbarmungslosen Winterzeit und offenbarte den Beginn des bäuerlichen Arbeitsjahres.

Mit der Frühjahrsaussaat verbanden sich mancherlei fromme Bräuche. Unter die Saat mengte der Bauer einen Scheffel geweihte Körner. Das Saattuch sollte aus selbst gesponnenem Leinen sein. War das Tuch einmal geknotet, dann durfte der Knoten nicht mehr gelöst werden. Ging der Bauer zum Säen, so sollte er sich nicht umschauen, auch keine schwarze Katze oder eine alte Frau durfte ihm über den Weg laufen, sonst war das ein böses Omen. Dagegen bedeutete es Glück, wenn ihm ein Hahn auf dem Weg begegnete oder ihn der Gockel von einem Hof heraus mit lebhaftem "Kikeriki" begrüßte.

Drei Körner "der ersten Faust" wurden vom Bauern gekaut. Den Körnerbrei spuckte er nach dem Durchschreiten des Ackers an den Wegrand für die Vögel, die auch einige Körner aus "erster Hand" erhielten. Dann machte der Bauer den ersten Schritt, warf in jede der vier Himmelsrichtungen eine Hand voll Körner und sprach dazu ein kurzes Gebet. Nun atmete er tief und sagte: "Ich säe den Samen auf Gottes Land, behüt' ihn Gott vor Fraß und Brand!"

In Form von drei Kreuzen

Hoppelte bei diesem Arbeitsablauf gerade ein Hase über das Feld, so sah das der säende Bauer gerne. Es war ein gutes Zeichen für die Saat, auch würde es dann um Ostern viele Eier geben. Beim Säen musste der Bauer lange Schritte machen und den Samen weiträumig ausstreuen. Dann gab es lange Halme. Man musste aufpassen, dass keine Untersaat entstand, sprich: dass man keine Fläche ausließ. Untersaaten beim Säen brachten eine unvorhergesehene Taufe in die Familie oder auch den Tod eines Familienangehörigen.

In manchen Landstrichen war das Besäen des Feldes früher meist Frauenarbeit. Man warf den Samen zuerst in der Form von drei Kreuzen, damit die Schnecken die Saat nicht anfressen. Beim Weizensäen sprach die Bäuerin: "Ich säe mein Waas in Gottes Hand aus meiner Hand, aber keinen Brand" und betete ein "Vaterunser" - wobei "Brand" hier kein Feuer war, sondern eine Getreidekrankheit. Man achtete beim Säen auch darauf, welche Vögel dem Sämann folgten. Große, wie etwa die Krähen, waren angesehen, die kleinen hatte man nicht so gerne. Die Volksmeinung war: Je größer die Vögel, um so größer der Wuchs des Getreides.

Beim Säen wurde darauf geachtet, dass man den richtigen Wochentag, den günstigsten Mondstand, ebenso ein gutes Sternzeichen oder gebräuchliche Säetage wählte. Säen am Gründonnerstag gelang nach Volksmeinung immer. Eine andere Meinung war: Alles was an einem Freitag im März gesät wird, gedeiht besser als an anderen Tagen; zwei Feiertage hintereinander säen ist noch besser, und wenn es möglich ist, an drei aufeinanderfolgenden Freitagen zu säen, dann wird das Wachstum hervorragend.

Der "Görngtouch" im Rodachtal

Als weitere günstige Saatzeit galt im Rodachtal der "Görngtouch" am 23. April. Der Bauer hatte es nicht gerne, wenn an Georgi oder gar schon vorher die Frösche quakten, das war für das Gedeihen der Feldfrüchte nicht förderlich. Es wurde auch darauf geachtet, dass die Saat zur richtigen Mondzeit in die Erde kommt. Rüben und "Gelba Rumm" werden am besten bei abnehmendem Mond, Klee, Weizen, Roggen, Hafer dagegen bei zunehmendem Mond gesät.

Das Mondlicht soll nach altem Glauben einen starken Einfluss auf das Wachstum der Saaten haben. Soll der Flachs gut geraten, so musste diese Saat "eh' die Sonne steigt" in die Erde. Im Sternzeichen des Krebses unternahm der Bauer nicht gerne etwas, denn dieses Sternbild soll Unglück bringen. Eine Ausnahme war das "Ärflschdeggn", das in dieser Zeit geschehen musste, weil die Kartoffel wie der Krebs rückwärts geht, respektive nach unten in die Erde wächst.

Hinweise auf die Beachtung der Sternzeichen gibt auch ein Bauer aus dem obermainischen Bruchschollenland: "Gelbe Rüben darf man nicht im Zeichen des Krebses säen, sonst werden es lauter Zinken. Was man im Zeichen des Steinbocks sät, wird alles steif und hölzern. Was man im Zeichen der Zwillinge sät oder pflanzt, wird alles doppelt, aber dafür sehr klein. Was man im Zeichen des Schützen pflanzt, schießt gerne in die Höhe."

Er berichtet auch von einem eigenartigen Brauch, den er "Samenzusammentragen" nennt: "Noch um 1920 kam es vor, dass Brautleute oder junge Ehepaare der ärmeren Schicht bei den besser gestellten Bauern Saatgut für ihre erste Aussaat sammelten.

Zu den Bestellarbeiten im Frühling auf den zugerichteten Feldern gehörte auch das Krautpflanzen und Kartoffelstecken. Beim Krautpflanzen hatten die jungen Leute Gelegenheit, das Schicksal zu befragen, "ob sie zusammenkommen". Man nahm eine Rangespflanze (Runkelrübe), spaltete ihre Wurzel und schob durch die entstandene Öffnung eine Kohlrübenpflanze. Die so "verkuppelten" Pflanzen setzte man in die Erde. "Bekamen" sie, so hatte das Schicksal die Frage bejaht.

Lerchen brachten Segen

Wenn ein Feld besät war, bekreuzigte sich der Bauer und betete: "Lieber Gott, ich tat das meine, tue Du nun auch das Deine!" Wenn beim Säen über dem Feld eine Lerche jubilierend aufstieg, dann freute sich der Bauer, denn die Lerchen bringen Gottes Segen auf die Äcker, hat es damals geheißen. Leider werden diese Segensbringer heute immer seltener.

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