Presseck

"Ich hab Angst vor meiner Frau"

Jan Burdinski, Intendant des "Fränkischen Theatersommers", stellte in Presseck den Humoristen Otto Reutter vor.
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An den Berliner Humoristen Otto Reutter erinnerte Jan Burdinski in Presseck. Foto: Klaus Klaschka
An den Berliner Humoristen Otto Reutter erinnerte Jan Burdinski in Presseck. Foto: Klaus Klaschka

Das Beste für einen Humoristen ist, wenn er in einer kleinen Stadt aufgewachsen ist, soll Otto Reutter einmal gesagt haben. Als Jan Burdinski das in Presseck erzählte, konnte er sicher sein, dass jeder im Publikum darauf zumindest innerlich zustimmend nickte. Zumal der Intendant des "Fränkischen Theatersommers" die erste Vorstellung seines literarischen Varietés mit Texten und Liedern des Berliner Humoristen etwas abseits der großen kulturellen Ereignisse gab.

Otto Reutter stammte aus Gardelegen in Sachsen-Anhalt, einem zersiedelten Örtchen mit 36 Bewohnern pro Quadratkilometer - statistisch gerade einmal drei mehr als Presseck. Dennoch wurde aus dem kleinen dicken Otto Pfützenreuter aus der Provinz einer der ganz Großen der Kleinkunst der 1920er Jahre, der schließlich ganz allein den "Wintergarten" in Berlin, das mit 1700 Quadratmetern damals größte Varieté-Theater, füllte.

Otto Reutter war künstlerisch kein großer Neuerer. Er folgte dem Mainstream, wie man das heute nennt. Vor dem Ersten Weltkrieg trommelte er wie viele andere in sogenannten Kriegsrevuen für den Kampf gegen den Feind. Als sein Sohn 1916 bei Verdun fiel, verstummte er.

Nach 1918 wurde er kritisch, aber nicht politisch. Otto Reutter führte die Gesellschaft vor und machte deutlich, was hinter den gesellschaftlichen Konventionen und Ritualen wirklich steckte. "Ich hab Angst vor meiner Frau" - so der Titel von Burdinskis Abriss zu Otto Reutter - mag als typisches Beispiel von Reutters künstlerischer Revolte gegen den Schein des Unwirklichen gelten. Darin brüstet sich der Protagonist als stark, tapfer und kämpferisch, muss aber ehrlicherweise anmerken, dass er in Wirklichkeit zu Hause unter dem Pantoffel steht.

Skeptiker mit Humor

Reutter war ein Skeptiker geworden, der seine Skepsis aber nett und humorvoll in Verse kleidete und dabei nie zynisch wie Berthold Brecht zur gleichen Zeit wurde. Reutters Kunst im Umbruch war anders. So gründete er einen Männerchor, der nicht - wie damals üblich - ehrfürchtig und ehrwürdig-pathetisch das Ännchen von Tharau anhimmelte, sondern zu Reutters eigenen Texten unterhaltsame und lustige Lieder in der Art der Comedian Harmonists trällerte.

Sinnigerweise hatte Jan Burdinski gerade das Titelstück in seiner Pressecker Vorstellung vergessen und ausgelassen. Macht aber nichts. Burdinski ist ein wandelndes Reime-Archiv, aus dem er ein Gedicht spontan an ein anderes assoziieren kann. Dabei lebt er die Texte in seinem Gesicht. Verzieht es entsetzt, um gleich darauf schelmisch zur Seite zu schielen; rattert ganze Textpassagen herunter, um gleich darauf weitere genüsslich Wort für Wort seinem Publikum nahezubringen.

Sich die passenden Szenen dazu vorzustellen, überlässt er seinen Zuhörern. Die hängen ihm an den Lippen, während sie ihren inneren Film dazu betrachten. Zwischendurch greift Burdinski zum Akkordeon und kleidet den Text in Musik; dann zur Gitarre, wenn es um weniger bedeutsame Dinge geht.

"Ich hab Angst vor meiner Frau" holte Burdinski dann aber nach, als er bei Aufbruch des Publikums von Edina Thern, der Chefin des Pressecker Vereins "Kultur auf der Höhe", auf sein Versäumnis aufmerksam gemacht wurde - ganz spontan. Theaterleute vom Kaliber eines Jan Burdinski brauchen dazu nur ein Fingerschnippen.

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