Eltmann

"Ich glaube an die Zeitung."

Der Unternehmer Wolfgang Palm wird heuer 66. Der Schwabe denkt nicht an die Rente, er investiert 600 Millionen Euro. Was treibt ihn an?
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Symbol für den Wirtschaftsstandort Haßberge: die Papierfabrik Foto: G. Flegel
Symbol für den Wirtschaftsstandort Haßberge: die Papierfabrik Foto: G. Flegel
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Redaktion: In der Zeitungsbranche vergeht kaum ein Tag, ohne dass von der Krise der Printmedien die Rede ist. Wie passt es in diese Zeit, dass ein Papierhersteller rund 600 Millionen Euro investiert?

Dr. Wolfgang Palm: Das muss man differenziert betrachten. Natürlich bekommen wir es in unserem Unternehmen unmittelbar mit, dass die Umfänge der Zeitungen kleiner werden, dass Medienhäuser sich vermehrt für die Zusammenarbeit entscheiden, dass größere neue Druckzentren entstehen. Das ist für uns so erst einmal kein Nachteil, eher von Vorteil. Neue Druckmaschinen brauchen bessere Papierqualität, und auf dem Papiermarkt ist Qualität unser wichtigstes Verkaufsargument. Deswegen investieren wir in unser Unternehmen und in die Qualität unserer Produkte. Und in die Flexibilität. Das ist heute bei Druckereien immer wichtiger, die ja selbst keine großen Papierlager vorhalten können. Da müssen wir schnell reagieren können.

In Ihrem Werk in Eltmann produzieren 250 Mitarbeiter Zeitungsdruckpapier aus Altpapier. Das Werk ging 1994 in Betrieb. Hätten Sie sich vor 25 Jahren für diese Investition entschieden mit dem Wissen von heute - sprich dem anhaltenden Auflagenschwund vieler Zeitungen?

Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Vor kurzem hat ein Lebensmittel-Discounter einen Versuch gestartet und in einem bestimmten Einzugsbereich die Werbe-Beilage in einer Woche ausfallen lassen. Tatsächlich brach der Umsatz im betreffenden Markt in der Woche um 30 Prozent ein. Es gibt also einen bedeutenden Markt für Print-Produkte, und ich sage für mich und für unser Unternehmen etwas, was vor 25 Jahren gegolten hat und auch heute noch gilt: Ich glaube an die Zeitung. Es wird auf absehbare Zeit neben Internet und anderen modernen Medien immer auch noch die gedruckte Zeitung geben. Sicher anders als früher und mit reduzierten Umfängen, aber es wird sie geben.

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hr Unternehmen fährt erfolgreich zweigleisig in einem schwierigen, weil schmalen Sektor. Auf der einen Seite wird weniger Papier für Zeitungen benötigt, auf der anderen Seite wächst nicht zuletzt wegen des boomenden Onlinehandels der Markt für Verpackungsmaterial. Sie produzieren beides - halten sich das Plus hier und das Minus da die Waage?

Das kann ich für unser Unternehmen so nicht bestätigen. Wir produzieren jedes Jahr eine Million Tonnen Zeitungsdruckpapier und 1,2 Millionen Tonnen Papier für Verpackungen. Da wir keine Maschine haben, die beides kann und sich umstellen lässt, können wir nicht sagen, dass es hier ein Minus gibt und dort ein Plus in gleicher Größe. Wenn wir wie 1994 und 1999 in Eltmann neue große Papiermaschinen für Zeitungsdruckpapier bauen, dann haben wir im Unternehmen natürlich eine große Verschiebung bei den Produkten. Das wird auch so sein, wenn wir jetzt das Stammwerk in Aalen-Neukochen neu bauen und dort künftig mit einer der leistungsfähigsten Papiermaschinen der Welt ausschließlich Papiere für Wellpappenprodukte produzieren.

Recht haben Sie, wenn man die Papierbranche in Deutschland insgesamt betrachtet. Da ist die Jahresproduktion seit Jahren in etwa konstant, wobei wir bei grafischen Papieren jedes Jahr einen Rückgang um die drei Prozent haben und bei Verpackungen einen Zuwachs in ähnlicher Höhe.

Das sind nur zwei Standbeine - ist das nicht wenig für ein Unternehmen, das mit 4000 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von 1,6 Milliarden Euro erwirtschaftet?

Ich denke, wir haben uns eine solide Position erarbeitet über viele Jahre. Wir gehören zu den vier größten Zeitungspapierherstellern in Europa und sind aktuell das einzige Unternehmen dieser Branche, das noch investiert. Mit unserem zweiten Standbein, der Herstellung von Papieren für Verpackungen, haben wir in einem Wachstumsmarkt eine sehr starke Marktstellung, die wir mit der neuen Papiermaschine in Neukochen noch weiter ausbauen.

Unser drittes Standbein ist die Herstellung von Verpackungen aus Wellpappe mit insgesamt 26 Werken, davon fünf in Bayern. Auch auf diesem Sektor gehören wir zu den marktführenden Unternehmen Deutschlands. Um unsere Versorgung mit hochwertigem Altpapier langfristig zu sichern, haben wir als viertes Standbein eigene Altpapier-Handelsbetriebe in Deutschland und England aufgebaut. Auf den vier Füßen steht der Hocker recht stabil.

J

etzt investiert Ihr Unternehmen enorm, vor allem in Neukochen. Dafür gibt es nicht nur Beifall, eine Bürgerinitiative kritisiert Ihre Pläne. Ist es schwieriger geworden, große Projekte umzusetzen?

Das sehe ich nicht so. Es ist immer die Frage, wie man ein solches Projekt angeht. Für mich gilt seit jeher die Maxime, dass ich auf die Menschen frühzeitig zugehe, dass ich keine fertigen Pläne auf den Tisch lege, sondern Kritiker zum Beispiel auch aus den Umweltverbänden in den Prozess mit einbeziehe. In Neukochen haben wir uns mit den kritischen Nachbarn zusammengesetzt und alle Aspekte intensiv diskutiert. Durch umfangreiche Planänderungen konnten wir vielen Vorstellungen gerecht werden, so dass ein Einvernehmen erzielt werden konnte. Auch 1994 in Eltmann konnten wir die Kritiker, denke ich, überzeugen. Aber ich muss Ihnen Recht geben: Die Menschen sind heute kritischer, auch wegen des Wohlstands und der Bildung, und Kritiker sind auch besser organisiert etwa durch das Internet. Umso wichtiger ist es als Unternehmen, transparent und offen zu sein.

Das hat in Ihrem Werk in Gelsenkirchen nicht so funktioniert, das sie 2017 geschlossen haben. 100 Mitarbeiter haben ihre Jobs verloren. Dafür werden Sie angefeindet.

Gelsenkirchen ist ein Sonderfall. Wir haben sehr viel in das Wellpappe-Werk investiert, eine neue Maschine eingebaut, trotz der roten Zahlen, die das Werk geschrieben hat. Ich habe es aber nicht geschafft, die Belegschaft dort zu motivieren die im Wettbewerbsumfeld zu geringe Produktivität zu erhöhen. Es blieb nur die Notbremse, um nicht die Gruppe insgesamt in Mitleidenschaft zu ziehen. Nachdem wir die Herstellung der Produkte in andere Werke von uns verlegt haben, starten wir im Sommer 2019 wieder mit der Produktion in Gelsenkirchen mit anderen Verpackungsprodukten.

Wenn man heute über Deutschland und Industrie redet, fällt zwangsläufig das Stichwort Energiewende. Warum sind Sie mit Ihren inzwischen zahlreichen Werken (auch) in Deutschland geblieben statt Ihr Heil im Ausland mit billigerer Energie und billigeren Arbeitskräften zu suchen?

Ich sage das Gleiche wie bei Ihrer Frage zu den Zeitungen: Ich glaube an den Standort Deutschland. Die Papierbranche ist sehr kapitalintensiv. Eine Papiermaschine kostet Geld, sehr viel Geld, im Prinzip gleichgültig, ob ich sie in Deutschland, in Polen oder in China baue. Aber sie muss Geld verdienen, und das kann sie, wenn sie optimale Qualität bei optimierten Kosten produziert. Das schafft eine Maschine nur mit qualifizierten und motivierten Beschäftigten, die voll und ganz hinter dem Produkt und hinter dem Unternehmen stehen. Das haben wir in Deutschland, und ich glaube, dass es eine solche Haltung der Beschäftigten zu ihrem Unternehmen in keinem anderen Land gibt. Dazu kommt die hervorragende duale Ausbildung, auch das gibt es nirgendwo. Wir fliegen die Auszubildenden aus unserem Werk in England zur Schulung nach Deutschland. Dieses Land ist ein phantastischer Standort.

S

tichwort Ausland: 2009 haben Sie im britischen King's Lynn eine Papierfabrik eröffnet, zu einer Zeit, als ein Brexit noch gar nicht konkret war. Können Sie, dank dem Standbein in England, die Brexit-Diskussion gelassen verfolgen?

Wenn wir das Werk in England nicht hätten, könnte ich nicht ruhig schlafen. Wir reden da über 100 000 Tonnen Zeitungsdruckpapier, die wir nach England liefern müssten, was nach einem Brexit, hart oder weich, für uns nicht wirtschaftlich wäre. Mit dem Werk bei London können wir unsere Kunden in England gesichert bedienen, nach dem Brexit ebenso wie vor dem Brexit. Das war die richtige Entscheidung.

Die Palm-Gruppe kämpft ja als Papierhersteller gleich an mehreren Fronten: Dazu zählt bei Ihnen der Altpapiermarkt für Ihre Recycling-Produkte. Wie hat sich dieser Markt entwickelt, nachdem es zuletzt Diskussionen um die Papier-Exporte nach China gegeben hatte?

Altpapier ist nach wie vor relativ teuer, auch wenn es nicht zuletzt wegen der Entscheidungen der chinesischen Regierung zu einer gewissen Entspannung gekommen ist. China importiert, um die Umwelt des Landes zu schonen, weit weniger Recyclingstoffe als noch vor einigen Jahren und hat die Einfuhr einzelner Sorten komplett gestoppt. Beim Altpapier sind die Qualitätsanforderungen sehr hoch. Das geht so weit, dass einzelne Container noch in Deutschland auf Verunreinigungen untersucht werden und nicht ausgeführt werden können, wenn die Vorgaben nicht erfüllt werden.

China hat sich auf dem Papiermarkt in Europa noch nicht als Konkurrent etabliert, anders als in vielen anderen Branchen. Was erwarten Sie in Zukunft?

Auch für China wird es sich nicht rentieren, teure Papiermaschinen im eigenen Land zu bauen und das Papier dann über große Strecken zu transportieren.

Sie werden heuer 66. Haben Sie schon einen Plan für eine Alters(teil)zeit? Wer wird nach Dr. Wolfgang Palm das Unternehmen führen?

Die Nachfolge ist geregelt, das Unternehmen wird auch in der fünften Generation von einem Mitglied der Familie Palm geführt werden. Darüber habe ich meine Mitarbeiter bereits an der gemeinsamen Feier zu meinem 60. Geburtstag informiert. In drei Jahren, 2022, feiern wir das 150. Jubiläum der Palm-Gruppe. Bis dahin werde ich das Unternehmen auf jeden Fall leiten.

Welchen Satz würden Sie Ihrem Nachfolger oder generell jedem Unternehmer in Deutschland ins Poesiealbum schreiben?

Ich habe immer nach dem Prinzip des hanseatischen Kaufmanns gehandelt: offen, direkt, ehrlich und verlässlich. Das sind Werte, die auch heute gelten.

Vielen Dank für das Gespräch! Das Interview führte unser Redakteur Günter Flegel

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