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Bad Kissingen
Geschichte

Hommage an einen fast vergessenen Helden

Mit berührenden Berichten von Zeitzeugen und beeindruckenden Recherche-Ergebnissen überzeugte das Trio Dirk Kämper, Winfried Laasch und Stefan Mausbach bei seinem Vortrag im Rahmen der jüdischen Kultu...
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Winfried Laasch, Dirk Kämper, Stefan Mausbach referierten bei den jüdischen Kulturtagen über Fredy Hirsch. Foto: Klaus Werner
Winfried Laasch, Dirk Kämper, Stefan Mausbach referierten bei den jüdischen Kulturtagen über Fredy Hirsch. Foto: Klaus Werner

Mit berührenden Berichten von Zeitzeugen und beeindruckenden Recherche-Ergebnissen überzeugte das Trio Dirk Kämper, Winfried Laasch und Stefan Mausbach bei seinem Vortrag im Rahmen der jüdischen Kulturtage. Im Mittelpunkt stand Fredy Hirsch, der im "Dritten Reich" Hunderte von Kindern rettete und "in einem Atemzug mit Oskar Schindler genannt werden muss", so Hans-Jürgen Beck in seinen einführenden Worten.

Unerschrockener Humanist, charismatischer Erzieher, begeisterter Sportler, kluger Verhandlungsführer - das waren Attribute, die Beck anfangs für den überzeugten Zionisten Fredy Hirsch wählte und damit die leider nur 20 Gäste im Sitzungssaal des Landratsamtes begrüßte.

Dass man mittlerweile mehr über diesen "vergessenen Helden" weiß, sei Dirk Kämper zu verdanken. In Zusammenarbeit mit Winfried Laasch und Stefan Mausbach entstand die ZDF-History-Dokumentation "Ein deutscher Held", und diese war die Grundlage für sein 2015 erschienenes Buch "Fredy Hirsch und die Kinder des Holocaust"; darin setzte man sich intensiv mit dieser beeindruckenden Persönlichkeit auseinander. Aus dieser Zusammenarbeit entstand die Vortragsreihe mit Lesung, historischen Filmausschnitten und Zeitzeugen-Berichten.

Dirk Kämper ist in Bad Kissingen kein Unbekannter, war er doch mit einem Vortrag über Kurt Landauer als langjährigen Präsidenten des FC Bayern bei den letzten Jüdischen Kulturtagen vertreten. Der Fußball sei das verbindende Element zwischen Landauer und Hirsch gewesen, meinte Kämper, denn auf Fredy Hirsch sei er durch die Ultras von Alemannia Aachen hingewiesen worden.

Im Wechsel erzählten die Drei die Lebensgeschichte des Protagonisten, der 1916 in Aachen geboren wurde, dessen Vater frühzeitig verstarb, dessen Familie zerbrach und der Halt im Sport und der jüdischen Pfadfinder-Bewegung fand.

Dabei beleuchtete das Trio die Hintergründe der sportlichen Bewegung nach dem 1. Weltkrieg, der gerade in der jüdischen Gemeinde als Möglichkeit der Integration in die deutsche Gesellschaft angesehen wurde. Im Turnen "als deutscheste aller Sportarten" sahen die deutschen Juden eine Chance, den rassistischen Anfeindungen durch einen "jüdischen Körperkult" entgegen zu treten. Bilddokumente belegten die Sportlichkeit des Fredy Hirsch, waren aber auch Beleg für die Annahme, dass er damit Neid und Abneigung auf sich zog.

Die familiären Zerwürfnisse - aber auch die Erkenntnis der eigenen Homosexualität - führten zum Ausbruch aus der Aachener Klammer und zu einer "Odyssee durch Deutschland". Aus dem wütenden Jungen wurde ein 17-Jähriger, der in Frankfurt Vorträge hielt, zionistische Ziele über die körperliche Ertüchtigung in Sportverein und Pfadfinder-Bewegung verfolgte, aber als Homosexueller auch Schikanen ausgesetzt war.

Flucht nach Prag

1935 floh er nach Prag, wo er in der jüdischen Gemeinde aufgenommen wurde. Mit der Besetzung durch die Nazis kam es im Jahr 1939 zur "Vertreibung der Juden aus dem öffentlichen Raum", und Fredy Hirsch konnte einen Sportplatz der Hitlerjugend als "Schutzraum für jüdische Kinder" erkämpfen.

In einer Filmsequenz berichteten Zeitzeugen von der Bewunderung für den erst 23-jährigen, der die Aktivitäten rund um das größere Sportgelände organisierte. Seine Homosexualität wurde kontrovers dargestellt - einerseits akzeptiert, andererseits auch mit Befürchtungen um die Kinder. Auch heute - so die Referenten - gibt es Behauptungen in Bezug auf unmoralische Handlungen, doch auch hier bestätigen Zeitzeugen: "Er hat sich immer anständig benommen." Immer wieder gab es Gerüchte zu geplanten Deportationen der jüdischen Bevölkerung von Prag aus nach Osten, und Fredy Hirsch war eine gut informierte Quelle dank guter Kontakte zu Deutschen. Ende 1941 kam Fredy Hirsch nach Theresienstadt im Rahmen der angelaufenen Deportationen.

Erinnerungen von Zeitzeugen

Im Ghetto Theresienstadt übernahm Fredy Hirsch die "Jugendfürsorge" als eigene Gemeinschaft, die den Kindern ein erträgliches Maß an Normalität vermittelte. Auch hier erinnerte sich eine Zeitzeugin an "Augen voller Mitgefühl", die die Gemeinschaft stärkten. Theresienstadt wurde zur Zwischenstation für Transporte "nach Osten", nach Ausschwitz - und im Spätsommer 1943 wurde auch Fredy Hirsch nach Ausschwitz-Birkenau deportiert. Hier zeigte sich, wie perfide die Nazis ihr Vernichtungssystem aufgebaut hatten.

Mit einem "Familien-Lager" versuchten sie, "Normalität glaubhaft nach außen zu vertreten", um mit diesem Schachzug Aufstände zu vermeiden. Auch in diesem Umfeld sorgte sich Fredy Hirsch um seine Schützlinge, für die er einen "Kinder-Block" erkämpfte, der geheizt und "fast wie ein Kindergarten war". Disziplin, Sauberkeit, Hygiene, Sport waren die Regeln, damit die Kinder nicht zur "Sonderbehandlung" herangezogen wurden - und selbst die Kinder wussten, was in Ausschwitz passiert und was der SS-Code "Sonderbehandlung" bedeutet, nämlich: Ermorden durch Vergasen.

Todes-Umstände lange ungeklärt

In einer Filmsequenz wurde eine Aufführung von "Schneewittchen" vor SS-Schergen mit Josef Mengele gezeigt, die dann nach fast zwei Stunden die Überleitung zu einem irritierenden Ende einleitete. Im September 1944 soll ein Aufstand in Ausschwitz geplant worden sein, den ein Pfeifsignal von Fredy Hirsch auslösen sollte und der sicherlich vielen Inhaftierten den Tod gebracht hätte.

Bis in die 90er Jahre gab es hierzu eine Selbstmordtheorie, wonach sich Hirsch aus Angst vor den fürchterlichen Folgen eines Aufstandes umgebracht hat.

Mittlerweile scheint gesichert, dass er von Ärzten Schlafmittel bekommen hat, damit er das Pfeifsignal nicht geben kann. Schlafend sei er um den 18. März 1944 auf einer Bahre in die Gaskammer gebracht worden. Berichtet wird von "Fredys Kindern", die anders als andere seien und z. B. auf den Todesmärschen anderen geholfen hätten, ihr Brot und ihre Kleidung teilten und die davon überzeugt sind: "Fredy Hirsch hat unser Überleben vorbereitet."

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