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Coburg
Eine Zwischenbilanz von Christiane Lehmann

Homeschooling zwischen Sehnsucht und Zwangsdigitalisierung

Die gute Nachricht zuerst: In einer Woche sind Ferien. Offiziell sind zwei Drittel in Sache Homeschooling geschafft. Selbst wenn die Schulsperrung weiter gilt, ist dann erst mal Pause. Eine erste klei...
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Die gute Nachricht zuerst: In einer Woche sind Ferien. Offiziell sind zwei Drittel in Sache Homeschooling geschafft. Selbst wenn die Schulsperrung weiter gilt, ist dann erst mal Pause.

Eine erste kleine Umfrage unter Schülern, Lehrern und Eltern hat gezeigt: Eine gewisse Struktur hat jeder für sich gefunden. Von Routine kann dennoch nicht gesprochen werden. Schule daheim ist und bleibt eine Herausforderung für alle:

Für die Lehrer, die Schulstoff digital vermitteln sollen, per E-Mail, Videokonferenzen und Online-Plattformen wie Mebis.

Für Schüler, die sich plötzlich selbst strukturieren sollen, tapfer drei Stunden allein am Tisch sitzen und versuchen, ihre Aufgaben zu bewältigen.

Und für Eltern, die ihre Kinder motivieren, die die Arbeitsaufträge einteilen und erklären müssen - womöglich selbst dabei im Homeoffice sitzen oder in einem sogenannten systemkritischen Beruf besonders gefordert sind.

Ob Homeschooling mehr Spaß macht als Schule, wollten wir von den Grundschülern wissen. Und alle waren sich einig: Schule macht mehr Spaß. Alle vermissen ihre Freunde, manche sogar ihre Klassenlehrerin. Die Kinder hatten alle das Gefühl, daheim auch etwas zu lernen, aber "Lehrer erklären es besser". Und noch was kam raus: Alle freuen sich, wenn wieder richtig Schule ist!

Hochmotiviert zeigen sich auch die Lehrer: Neben den Arbeitsaufträgen werden teilweise Briefe an die Eltern und sogar an die Kinder verschickt, Hilfestellung angeboten und Telefonate geführt.

Eine Lehrerin, die einen Schüler besonders motivieren musste, schreibt ihm: "Wir sind zwar alle zu Hause, haben aber keine Ferien. Auch das ist für uns alle seltsam und wir müssen uns daran gewöhnen. Keine Ferien heißt, wir müssen arbeiten. Ausnahmsweise von zu Hause aus. Ich bin also weiterhin deine Lehrerin und muss dir Aufgaben geben, die du erledigen musst. Keine Ferien, du erinnerst dich.

Auch für deine Eltern ist es komisch im Moment. Vielleicht sind sie auch zu Hause statt auf der Arbeit. Vielleicht haben sie von ihrem Chef auch Aufgaben bekommen. Oder sie müssen gerade besonders viel arbeiten, weil andere krank sind. Daneben müssen sie auf euch Kinder aufpassen und die Schulkinder beim Lernen unterstützen. Das ist auch für Eltern ganz schön viel neue Arbeit!

Hilf ihnen dabei! Erledige deine Aufgaben ohne zu meckern, damit sie in der Zeit ihre Arbeit machen können.Wenn du etwas nicht verstehst, kannst du mich gerne fragen. Ich erkläre es dir.

Schicke mir deine Aufgaben doch zu, dann kontrolliere ich sie und kann sehen, wie gut du schon alleine lernen kannst."

Dass die Kinder den Ernst der Lage verstanden hätten, schreibt eine Mutter. Nach anfänglichen Schwierigkeiten - gerade im Hinblick auf die Übermittlung der Arbeitsaufträge und die Tagesstruktur - laufe es mittlerweile ganz gut.

Der Blick in eine persönliche Whatsapp-Gruppe, in der sich überwiegend Mütter mit Grundschulkindern schreiben, zeigt den Alltag ungeschönt: Abfotografierte Arbeitsblätter mit ganz vielen Fragezeichen, Aufmunterungsvideos bei drohendem Nervenzusammenbruch, verwüstete Wohnzimmer und immer wieder Sätze, wie "Ich kapier's nicht", "Wir sitzen schon ewig", "Stress rausnehmen, mach HSU im Wald", "Kann mir das mal einer erklären?"

Anders als bei den "Kleinen" läuft es bei den Jugendlichen, die nicht mehr so viel Hilfe von den Eltern erwarten können. Das große Thema ist da die Digitalisierung. Nachdem die Lernplattform "Mebis" in den ersten Tagen nicht wirklich funktioniert hat, hat beispielsweise Thomas Gundermann von der Realschule COII mittels Doku Wiki ein eigens System programmiert.

"Lehrer und Schüler haben über unsere Internetseite Zugriff auf alle Fächer. Die Lehrer stellen nach Klassen und Fächern geordnet die Aufgaben ins Netz, die die Schüler abrufen können", erläutert Konrektorin Steffi Berg. Manche Lehrer führen auch Videokonferenzen als Unterrichtsersatz durch.

Die, die sich schon vor Corona mit der Digitalisierung im Unterricht beschäftigt haben, hätten jetzt kein Problem, meint Steffi Berg. Und spricht von einer Zwangsdigitalisierung. Ob Lehrer, die sich bisher dagegen gewehrt hätten oder Eltern, die sich damit nicht auseinandersetzen wollten, alle werden jetzt "online" eingeholt. Jeder muss, "weil uns nicht anderes übrig bleibt".

Sicher ist, dass die digitale Schule schon jetzt einen riesigen Sprung gemacht hat. Unbezahlbar sind die Erfahrungen in der Umsetzung, aber eben auch im Hinblick auf die Einstellung derer, die die Notwendigkeit bisher nicht erkannt haben.

Wie wunderbar ist es auch, dass Kinder sich wieder auf die Schule freuen. Schule ist nämlich mehr als nur ein Lernort - Schule ist ein sozialer Raum, ein Ort der Begegnung.

In Zeiten wie diesen wird sogar eine Schule wieder zum Sehnsuchtsort. Wer hätte sich das vorstellen können?

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