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Hier ist der Wurm drin

Gegen einen stummen, tauben und blinden Gegner, der nur kriechen kann, scheint im städtischen Dr.-Stocke-Stadion kein Kraut gewachsen zu sein. Unzählige Regenwürmer häufen Nacht für Nacht kleine Erdhügelchen auf. Dazu kommt jede Menge Kot, so dass vorerst an Fußballspielen nicht mehr zu denken ist.
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Christoph Böger

Für manche klingt es wie eine lustige Provinzposse. Die Verantwortlichen des FC Coburg können aber nicht darüber lachen. Der Platz im Dr. Stocke-Stadion ist in einem derart schlechten Zustand, dass überlegt wird, ab sofort überhaupt nicht mehr dort Fußball zu spielen. Das bestätigte der stellvertretende Vorsitzende Alexander Pietsch auf Tageblatt-Anfrage.
Der Grund ist dieses Mal jedoch nicht das Traumspiel. Auch witterungsbedingt gibt es kaum Probleme und eine Überlastung herrscht an der Wiesenstraße ohnehin nicht. Nein, im Stadion sind vielmehr die Würmer los. Und zwar millionenfach!


Der Teufel steckt im Detail

Und da steckt der Teufel im Detail - besser gesagt im Rasen: Die auf den ersten Blick harmlosen Kriechtiere haben das Spielfeld mittlerweile so sehr in Anspruch genommen, dass es schon bald mit der Torejagd vorbei ist.
Das Problem ist Folgendes: Unzählige Regenwürmer häufen Nacht für Nacht kleine frische Erdhügelchen auf, bringen zahlreiche Unebenheiten in den vor Wochen noch auf exakt 2,2 Zentimeter für die Bayern-Stars geschnittenen "grünen Teppich". Bei Feuchtigkeit wird das Feld äußerst glitschig.


Blinder, tauber, stummer Kriecher

Gegen einen solchen Gegner hat es natürlich jede Abwehr schwer. Und das obwohl die Regenwürmer blind, taub und stumm sind. Sie können sogar nur kriechen. Lumbricidae, wie die Regenwürmer in Fachkreisen genannt werden, haben noch nicht einmal einen durchtrainierten oder besonders geformten Körper. Ganz im Gegenteil: sie sind nur ein Strich in der Landschaft - doch der löst derzeit eine heiße Diskussionen nicht nur beim FC Coburg aus. Während an den Fußball-Stammtischen über dieses Thema eher noch geschmunzelt wird, müssen sich über kurz oder lang sicher auch die Coburger Stadtpolitiker ernsthaft mit den Würmern auseinandersetzen. Die Experten vom Grünflächenamt sind bereits in der Prüfungsphase.
Die Verantwortlichen des FC Coburg - unter deren Regie auch das Nachwuchsleistungszentrum mit gut 250 Kindern organisiert ist - geht nach den Worten von Pietsch jedenfalls jetzt in die Offensive und will den Würmern den Garaus machen. Dabei sei man natürlich auf die Hilfe der Stadt angewiesen.
Sportlich läuft es nach dem Landesliga-Abstieg beim Bezirksliga-Dritten wieder rund, doch auf der (un)beliebten Heimspielstätte ist derzeit einfach der Wurm drin. Auf einer lehmähnliche, tiefen und weichen Schicht rollt der Ball nicht.


Problem auch auf anderen Plätzen

Doch die Würmer fühlen sich anscheinend nicht nur in der Kernstadt wohl, sie finden auch auf anderen Sportplätzen in der Region ideale Bedingungen für ihre heimlichen Wühlaktionen vor. Besonders in der Nacht ziehen sie dabei Pflanzenmaterial von der Erdoberfläche in ihre Wohnröhren. Dieses wird bei der Passage durch den Verdauungstrakt zu Kothumus verarbeitet und in kleinen Haufen meist an den Öffnungen der Gänge ausgeschieden.
So oder so ähnlich passiert das wohl auch auf dem nur einen Steinwurf weit entfernten Rasenplatz am Hinteren Floßanger, wobei sich dort der Wurmkot und damit auch die Verärgerung bei den Verantwortlichen in Grenzen hält. Auch ein Spieler aus Scheuerfeld kennt das Wurmproblem: "Die haben wir im Sechzehner auch".
Aber auf der städtischen Anlage ist das Problem zweifelsohne am größten und auch schon rund zwei Jahren bekannt, "doch in letzter Zeit ist es immer schlimmer geworden", weiß ein Bezirksligaspieler des FCC. An vernünftiges Kicken sei nicht mehr zu denken, die Würmer haben den Platz zu stark untergraben. Sie hinterlassen stecknadelgroße Kothaufen, aber in der Wirkung ähnlich wie ein Kuhfladen. "Darauf macht es wirklich keinen Spaß mehr zu spielen".
Eine Beseitigung der Plage ist mit hohem Aufwand und hohen Kosten verbunden. Möglichkeiten und gut gemeinte Ratschläge gab und gibt es immer wieder. Eine Sandschicht würde nach Expertenmeinung nur kurzzeitig Abhilfe schaffen.
Die Würmer also mit elektrischem Strom an die Oberfläche zwingen? Dabei wird eine Mistgabel in den Boden gesteckt, an eine Autobatterie angeschlossen und ab geht der Wurm. Mit dieser Methode fangen einige Fischer ihre Würmer. Dabei sollen die Kriechtiere wie nichts aus der Erde geschossen kommen. Von einer Elektrifizierung eines Fußballplatzes ist allerdings dringend abzuraten, außerdem ist es verboten, mit Strom Würmer zu sammeln, weil es schon Anglern das Leben gekostet hat.
Also was tun? Vielleicht die Würmer bei Nacht packen, wenn sie freiwillig an die Oberfläche kommen? Ein probates Mittel, vor allem, wenn es vorher geregnet hat. Experten wissen, dass die Würmer in diesem Fall aber nicht direkt angeleuchtet werden dürfen, weil sie sonst ruckzuck wieder in ihrem Loch verschwinden.


Sand, Strom, chemische Mittel

Also doch chemische Mittel, die bei den Regenwürmern eine Art Hautausschlag verursachen? In Coburg handelt es sich wahrscheinlich um den sogenannten Tauwurm, eine Regenwurm-Art, der Sportplätze derart unterminiere. Doch dem ist mit der umstrittenen und teilweise gar nicht mehr zugelassenen Chemie ohnehin kaum beizukommen, weil der Tauwurm seine Gänge bis zu drei Meter tief in den Untergrund gräbt.
Wenig Hoffnung also für eine endgültige Lösung. Jetzt ist in Coburg guter Rat teuer. Als letzter Ausweg könnte bleiben, den Platz komplett abzutragen und neu anzulegen - sicher eine kostspielige Angelegenheit. Da ist es für alle Beteiligten ein schwacher Trost, dass der bis zu 30 Zentimeter lange, rötlich-blasse Tauwurm als Indikator für gute und wenig mit Schadstoffen belastete Böden gilt.

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