Coburg
Unser Thema der Woche // Mut & Courage

Helfen - nicht den Helden spielen

Jeder kann Zeuge von Gewalt im öffentlichen Raum werden. Jeder kann und muss helfen. In Gefahr begeben sollte er sich dabei nicht. Worauf zu achten ist, sagt Hauptkommissar Stefan Probst von der Polizeiinspektion Coburg.
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Opfer von Gewalt brauchen Hilfe. Die kann jeder geben - dabei muss sich niemand selbst in Gefahr bringen. Foto: CT-Archiv
Opfer von Gewalt brauchen Hilfe. Die kann jeder geben - dabei muss sich niemand selbst in Gefahr bringen. Foto: CT-Archiv
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Es beginnt mit einem blöden Spruch in der Tiefgarage. Eine beleidigende Geste als Antwort, der Wortwechsel wird schärfer, beide Parteien werden aggressiver. Offenbar fehlt nicht mehr viel und es kommt zu körperlicher Gewalt. Was tust du? Du hast fünf Sekunden! Die Szene gehört zu einem interaktiven Video der Internetseite "Zivile Helden". Sie könnte sich jeden Tag ähnlich abspielen. Wie im Video bleibt dem Beobachter nur wenig Zeit, zu entscheiden, wie er sich verhalten soll. Hauptkommissar Stefan Probst von der Polizeiinspektion Coburg bringt den richtigen Rat auf einen Nenner: "Hilf, aber bring dich nicht selbst in Gefahr."

Welche Möglichkeiten der Einzelne hat, ist unterschiedlich. Eine scheidet aber aus: Nichts zu tun. Helfen ist Pflicht. Dass ein gut trainierter Hühne eher in der Lage sein wird, sich körperlich vor ein Opfer zu stellen als eine zierliche Frau, leuchtet ein. Doch eines kann jeder: Hilfe holen. "Einfach die 110 wählen, wir kommen sofort", sagt Stefan Probst.

Trotzdem vergeht Zeit. Zeit, in der die Lage sich schnell zum Schlechteren wenden kann. Die Polizei rät: "Misch dich ein, wenn dir eine Situation merkwürdig vorkommt. Aber bring dich nicht selbst in Gefahr." Oft reicht es schon, den Täter laut anzusprechen, um ihn von der Tat abzuhalten, zeigt die Beobachtung der Polizei im Alltag.

Notruf ist gebührenfrei

Es kann aber auch sinnvoll sein, nicht den Täter anzusprechen, sondern das Opfer: "Kommen Sie her zu uns, wir helfen ihnen!" Für den Täter ändert sich plötzlich die Lage. Er hat die Situation nicht mehr im Griff, bekommt es mit weiteren Leuten zu tun. Bleibt er weiter bedrohlich, ist es Zeit, die 110 zu wählen. Wer selbst kein Telefon dabei hat, kann andere bitten den Notruf abzusetzen. "Jeder sollte wissen, dass der Notruf gebührenfrei ist. Und er funktioniert auch, wenn kein Guthaben auf der Karte des Prepaid-Handys ist", betont Stefan Probst. Nur für den Fall, dass jemand mit dieser Begründung ablehnt, einen Notruf abzusetzen. Dabei ist es wichtig, Leute ganz direkt anzusprechen. "Sie, die Dame mit dem bunten Kleid, rufen Sie die Polizei!" Das gilt auch, wenn es notwendig wird, in das Geschehen einzugreifen.

Wo ein Einzelner nicht helfen kann, sieht es ganz anders aus, wenn mehrere Personen handeln. Auch da sollten keine Zweifel aufkommen, wer angesprochen ist. "Sie mit der blauen Jacke, kommen Sie mit, wir helfen da jetzt." Wenn Leute untätig eine Gewaltsituation beobachten, lässt sich das rasch ändern, wenn einer die Initiative ergreift. Gemeinsames Auftreten kann dann den oder die Täter aufhalten.

Spielt sich eine Gewaltsituation in einem öffentlichen Verkehrsmittel ab, ist es immer eine Möglichkeit, das Personal anzusprechen. "In U-Bahnen gibt es dafür eine Notruftaste", sagt Stefan Probst. Im Zug können Helfer nach einem Schaffner suchen.

Zivilcourage hört mit dem Notruf oder der Hilfe in der Situation aber nicht auf. Oft machen sich Täter aus dem Staub, ehe die Polizei eintrifft. "Es ist wichtig, dass dann jemand auch als Zeuge aussagt", betont Stefan Probst.

Auf Details achten

Die Beamten staunen immer wieder, wie widersprüchlich dann Aussagen zum Hergang oder zur Beschreibung des Täters ausfallen. Gerade da kommt es auf jedes Detail an. Wichtig ist es, sagen zu können, wie groß ein Täter ist. Haarfarbe und -länge, Besonderheiten der Frisur und das ungefähre Alter sollte ein Zeuge sagen können. Wie war er oder sie zur Tatzeit bekleidet. Vor allem auffallende Details, etwa Schuhe in einer ungewöhnlichen Farbe, seltene Applikationen an Jacken, auffällige Mützen, können weiterhelfen. Das kann der Gesuchte zwar ausziehen oder verändern. Doch gibt es vielleicht Personen, die sich aufgrund dieser Hinweise daran erinnern, eine Person gesehen zu haben, oder diese erkennen. Je genauer die Angaben, desto leichter hat es die Polizei. "Dass jemand tätowiert ist, ist ein Hinweis. Aber beispielsweise sagen zu können, dass es ein Totenkopf auf dem rechten Unterarm war, hilft uns noch viel mehr", erklärt Stefan Probst.

Den oft gehörten Eindruck, die Zahl der Gewalttaten im öffentlichen Raum nehme zu, kann Stefan Probst nicht bestätigen. "Das lässt sich gut belegen. Die Zahl der Fälle von Straßenkriminalität ist seit Jahren rückläufig." Was der Polizei Sorgen macht, ist die Qualität der Fälle. "Die Brutalität nimmt zu", steht für den Beamten fest. Galt früher, dass ein Angriff aufhört, wenn das Opfer zu Boden geht oder aufgibt, endet die Aggression heute oft nicht. "Es wird auch noch auf den Wehrlosen am Boden eingetreten. Das macht die Folgen erheblich schlimmer", sagt Stefan Probst.

Coburger schauen nicht weg

Von einer "Wegschaugesellschaft" möchte er nicht reden. "Für Stadt und Landkreis Coburg kann ich sagen, wenn so etwas passiert, wird auch geholfen", sagt Stefan Probst. Als Beleg kann er auf Fälle in den vergangenen Jahren verweisen, wo zivile Helden geehrt wurden, die eingegriffen hatten. In einem Fall auch zur Unterstützung einer Polizeistreife in einer eskalierenden Situation.

Hilfe ja, Bestrafung nein

Das immer wieder gehörte Argument: "Wenn ich eingreife, dann stehe ich nachher selbst vor Gericht", lässt Stefan Probst nicht ohne weiteres gelten. Es gebe sehr wenige Fälle, in denen ein Helfer dann als Täter hingestellt werden sollte. "Der wirkliche Täter weiß auch, was er da getan hat", sagt Stefan Probst.

Und in den seltenen Fällen einer Anklage entscheide das Gericht meist für den Helfer. Der allerdings sein Eingreifen tatsächlich nicht ausnutzen darf, um die Hilfe gleich zur Bestrafung auszuweiten. Doch echte Fälle der sogenannten Überschreitung der Verhältnismäßigkeit sind in der Region noch seltener.

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